kolumne «seitenblick»
Freiwild für Insekten

Bienen- oder Wespenstiche sind für Nichtallergiker in der Regel harmlos. Anders sieht es aus, wenn sie sich in den Mund ihres Opfers vorwagen.

Cornelia Bisch
Cornelia Bisch
Drucken

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass blutsaugende Insekten gewisse kulinarische Vorlieben haben? Mich mögen sie zum Beispiel nicht besonders, ich werde nur dann angezapft, wenn keine andere Futterquelle erreichbar ist. Betreten jedoch mein Mann und unsere Tochter die Bildfläche, heisst das für die surrenden kleinen Schmarotzer: «Das Buffet ist eröffnet!»

Gleiches gilt für Bienen und Wespen, die meinen Gatten vorzugsweise während der täglichen Velofahrt von und zur Arbeit behelligen. Als er vorgestern Abend zur Tür herein stolperte und ein: «Forry, ich bin fu fpät», nuschelte, traute ich meinen Augen kaum. Er sah aus wie ein Hollywood-Star nach einer Botox-Behandlung. «Ef hat mich eine Biene erwift», klagte er, deutete auf seine monströse Oberlippe und verlangte Glacé. Bis zur Schlafenszeit war sein Mund zum Globi Schnabel mutiert.

Nachdem ihm vor einiger Zeit ein Stechinsekt während der Talfahrt direkt in den Mund geflogen ist und ihn ins Halszäpfchen gestochen hat, kann uns nichts mehr so leicht erschüttern. Der Gute entfernte damals den Stachel mittels Spiegel und Pinzette eigenhändig vom delikaten Körperteil, da niemand sonst zur Stelle war. Anschliessend plünderte er den Gefrierschrank und wartete erst mal ab.

Als das Zäpfchen allmählich zur Murmel anschwoll, wurde ihm dann doch etwas mulmig. Er setzte sich in den Zug und fuhr in die nächste Notaufnahme, um die Sache mal kurz prüfen zu lassen. Als er seine Geschichte am Empfang erzählte, zog die diensthabende Schwester ihre Brauen bis zum Haaransatz hoch und dirigierte den verdutzten Klienten schnurstracks ins Behandlungszimmer, von wo aus man ihn umgehend auf die Intensivstation verfrachtete.

Mit einem lakonischen: «Ich bleibe», versetzte er uns am Telefon den Schreck unseres Lebens. Es wurde eine reichlich unruhige Nacht. Kaum brach jedoch der nächste Tag an, befand der Doktor, es sei nun genug der Aufmerksamkeit für den putzmunteren Patienten und warf ihn raus. Dieser ging direkt zur Arbeit – Business as usual. Dass man aber unter bestimmten Umständen besser seine Klappe hält, hat er leider – wie das jüngste Ereignis zeigt – nicht gelernt.