Gemeindeversammlung
Trotz scharfer Gegenargumente: Hünenberger Stimmvolk genehmigt den Kredit für die Aufwertung des Bösch-Areals

Die Hünenberger Gemeindeversammlung vom Montagabend steht ganz im Zeichen des Arbeitsareals Bösch. Nach einer beharrlichen Diskussion dürfen die Befürworterinnen und Befürworter des Nachfolgekredits in der Höhe von 910'000 Franken aufatmen.

Linda Leuenberger
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So könnte es dereinst aussehen, das Areal Bösch in Hünenberg.

So könnte es dereinst aussehen, das Areal Bösch in Hünenberg.

Visualisierung: PD

Just dann, als es schon eine Viertelstunde vor Versammlungsbeginn so aussieht, als wäre jeder Stuhl im Saal besetzt, schwingt hinten im Raum ein roter Samtvorhang auf und gibt den Blick auf noch mehr Stühle frei. Es vergehen keine fünf Minuten, da sind auch diese Plätze alle vergeben. 198 stimmberechtigte Hünenbergerinnen und Hünenberger finden sich am Montagabend im Saal Heinrich von Hünenberg ein zu einer Gemeindeversammlung, die für ordentlich Redebedarf sorgen wird.

Knackpunkt ist das Traktandum Nummer 5. Dieses dreht sich um die Aufwertung des Arbeitsareals Bösch, beziehungsweise zunächst um die Aufwertung des dortigen Strassenraums. Gute anderthalb Stunden beschäftigt das Projekt, es nennt sich «Vision Bösch», die Stimmberechtigten. Das Visualisierungsvideo, welches der Vize-Gemeindepräsident und Bauvorsteher Thomas Anderegg zur Veranschaulichung abspielt, erzählt die Geschichte eines hippen Stadtviertels mit Foodtrucks, Veloparkplätzen und begrünten Fassaden. Es erinnert an die Campusanlagen US-amerikanischer Techkonzerne wie Apple oder Google.

So, wie es im Visualisierungsvideo dargestellt wird, erinnert das Bösch an den Campus von Google.

Quelle: Gemeinde Hünenberg

Zahlreiche Stellungnahmen, scharfe Worte

Mit dem Kredit von 910'000 Franken, um den es an diesem Montagabend geht, will die Gemeinde Hünenberg den Strassenraum aufwerten, Parkieranlagen andenken, eine Trägerschaft gründen, den Standort fördern und ein externes Projektmanagementteam anheuern. Von den Ortsparteien hat nur die SVP im Vorfeld die Nein-Parole gefasst. Umso unerwarteter die scharfen und ausführlichen Stellungnahmen, mit welchen sich vor allem Besitzer von Grundstücken auf dem Bösch-Areal dezidiert gegen das Projekt aussprechen.

Aufschlüsselung Bösch-Kredit

Was? Wie viel? Wofür?
Aufwertung Strassenraum275'000 FrankenVorprojekt und Bauprojekt inkl. Baugesuch für Boulevard, Ringstrasse, Parks
Parkieranlagen350'000 FrankenParkplatz-Provisorium, Anschubfinanzierung Mobilitätshub mit Parkhaus
Aufbau Trägerschaft25'000 FrankenOrganisation der Bösch-Grundeigentümer als Ansprechpartner für die Gemeinde
Standortförderung100'000 FrankenMedialer Auftritt, Investorensuche, Ansiedlung von Firmen
Gesamtmanagement160'000 FrankenExternes Projektmanagementteam für zwei Jahre

Die Voten von zwölf Männern und einer Frau, die sich zur Vision Bösch äussern, werden zwar ruhig vorgetragen, im Verlaufe des Abends droht die Stimmung allerdings ins Säuerliche zu kippen. Seitens der Gegner wird sich über das Projektmanagement der Gemeinde echauffiert und es fallen Begriffe wie «Diktatur», «Enteignung» und «sozialistische Planwirtschaft».

Was die Antagonisten vor allem zu beschäftigen scheint, sind der Zeitdruck, die Ungewissheit und der mangelnde Einbezug. Der Baubeginn muss bis Ende 2025 erfolgen, sonst gibt es keine Gelder vom Bund. Man wisse gar nicht, worüber konkret abgestimmt würde, denn die Resultate der Gestaltungs- und Machbarkeitspläne, für welche die Hünenberger Stimmberechtigten im vergangenen Jahr 290'000 Franken gesprochen haben, liegen noch nicht vor, wird moniert. Ausserdem seien die Grundeigentümer zu wenig oder gar nicht über die Planung aufgeklärt und ebenso wenig angehört worden. Mehrere Grundeigentümer drücken ihre Bedenken aus, dass sie enteignet würden, falls sie ihre Grundstücke der Gemeinde nicht gratis abträten.

Vielversprechende potenzielle Interessenten

Bauvorsteher Thomas Anderegg und Finanzvorsteherin Renate Huwyler nehmen wiederholt Stellung zur Kritik und vermögen die Vorwürfe grösstenteils zu entkräften. So sei es wichtig, mit der Vision Bösch vorwärts zu machen, um beispielsweise gegenüber der Suurstoffi oder Papieri konkurrenzfähig zu bleiben. Zudem hätten mehrere vielversprechende Unternehmen bereits Interesse gezeigt – was, in den Worten von Renate Huwyler, «substanzielle Steuereinnahmen» in Aussicht stelle. So seien beispielsweise Gespräche mit dem Nationalen Institut für Cybersicherheit im Gange. Natürlich gebe es derweil noch viele offene Fragen zur konkreten Umsetzung des Projekts, aber der Sinn des 910'000-Franken-Kredits liege darin, Mittel zu generieren, um intensiv Gespräche zu führen und die Planung zu festigen. «Nur wer sät, kann später ernten», sagen mehrere Befürworterinnen und Befürworter des Kredits an diesem Abend.

Schlussendlich wird das Begehren deutlicher angenommen, als die Diskussionsrunde nahegelegt hatte: 142 Hünenbergerinnen und Hünenberger stimmen Ja, 50 stimmen Nein. Das Aufatmen im Raum ist förmlich spürbar.

Frist für die Nachbarschaftshilfe erneut verschoben

In verhältnismässig reibungsloser Manier gehen die acht anderen Traktanden über den Tisch. Sie werden alle von der grossen Mehrheit an- und zur Kenntnis genommen. In Sachen Motion zur Erweiterung der Freiwilligenarbeit im Sinne von Kiss («Keep it small and simple»), die entgegen den Absichten des Gemeinderats an der letzten Versammlung erheblich erklärt wurde, scheinen allerdings nicht die Fortschritte erzielt worden zu sein, die sich die Motionärinnen gewünscht hätten. Zwar findet am 9. März 2022 nun eine Auftaktveranstaltung im Saal Heinrich von Hünenberg statt. Die Gemeinde verlängert die Frist zur Erledigung der Motion aber wiederholt – bis im Dezember 2023.

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