Luzern
27-Jähriger sagt: «Wir wollten beide Sex – ich bin 100 Prozent unschuldig»

Ein junger Mann stand vor Kriminalgericht. Die Anklage lautete auf Vergewaltigung. Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre bedingt, der Verteidiger einen Freispruch.

Sandra Monika Ziegler
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Am Mittwoch musste ein heute 27-jähriger Schweizer vor dem Luzerner Kriminalgericht Rechenschaft ablegen. Er wurde der Vergewaltigung beschuldigt. Diese fand in der Wohnung des Beschuldigten im Juli 2020 statt. Seine damalige Freundin, sie war 17 Jahre alt, gab an, sie habe sich an jenem Abend abgewendet, ihm gesagt, sie wolle das nicht, versucht, ihre Hände zu befreien, und auch mit den Füssen gegen ihn getreten. So die protokollierten Aussagen. Auf ihre Gegenwehr angesprochen, gab er bei der Staatsanwaltschaft an: «Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ganz am Anfang unserer Beziehung wollten wir beide nicht, später konnten wir immer und wollten auch immer.»

Kriminalgericht Luzern am Alpenquai.

Kriminalgericht Luzern am Alpenquai.

Bild: Pius Amrein
(Luzern, 6. November 2014)

Der Verteidiger will einen Freispruch für seinen Mandanten. Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre bedingt mit einer Probezeit und die Übernahme der Untersuchungskosten von über 12'000 Franken durch den Staat. Am Mittwoch ist darüber am Luzerner Kriminalgericht verhandelt worden. Das mutmassliche Opfer erschien nicht zum Gerichtstermin. Die Fragen beantwortete der Beschuldigte – so gut er konnte. Zwischendurch kam schon mal als Antwort: «Das weiss ich jetzt nicht mehr so genau.»

Unbestritten ist der Sex – bestritten die Zustimmung

Seine Schilderungen über den Sommerabend im Jahr 2020 decken sich nicht mit denen, die die Staatsanwaltschaft vorbringt. Während der Beschuldigte von einem gemeinsamen Abend mit Auswärtsessen, Sex, Schlafen und am Folgemorgen erneutem Sex spricht, gab seine damalige Freundin eine andere Version zu Protokoll. Nach ihr gab es nach dem Essen bei ihm zu Hause keinen einvernehmlichen Sex. Und am Folgemorgen schon gar keinen, da sei sie nämlich aus dem Bett ins Bad und nicht mehr zurück ins Bett.

In diesem Fall stimmen die Schilderungen wenig überein. Die Aussagen zeigen Widersprüche. Dazu der Staatsanwalt: «Unbestritten ist der Sex, bestritten ist die Zustimmung.» Der Beschuldigte sagte, er habe sie nie gezwungen, er sei zu 100 Prozent unschuldig. Die ganze Sache habe ein ehemaliger Kollege eingefädelt. Der habe ihr das in den Kopf gesetzt. Dieser sei auf ihn eifersüchtig gewesen und hätte seine damalige Freundin gerne selber gehabt.

Plötzlich waren beide bei der Polizei

Es tönt dann tatsächlich kurios, wie es überhaupt zur Anzeige kam. Am Samstag nach der mutmasslichen Vergewaltigung waren beide an einem Grillfest. Dort habe die Frau mit dem besagten Kollegen gesprochen und sei später am Abend weggegangen. Plötzlich habe er von einem anderen Kollegen einen Anruf erhalten, dass die beiden bei der Polizei seien und Anzeige erstattet hätten. Er ging schnurstracks ebenfalls auf den Posten und wollte wissen, worum es geht.

Der Beschuldigte und das Opfer sind beide beeinträchtigt, sprachlich und motorisch, weisen einen Entwicklungsrückstand auf. Doch, so der Staatsanwalt: «Es gibt keinen ernsthaften Anlass, an der Schuldfähigkeit zu zweifeln.» Menschen mit Einschränkung hätten die gleichen Bedürfnisse wie andere Menschen auch. Er wünsche dem Beklagten eine erfüllte Liebe und Sexualität. Das Urteil wird den Parteien schriftlich zugestellt.