Stumpenfabrikant

«Wir sind keine Apotheker, die Wässerchen in Dosen verkaufen»: Heinrich Villiger ist der letzte seiner Art

Heinrich Villiger, der letzte Stumpenfabrikant der Schweiz.

Heinrich Villiger, der letzte Stumpenfabrikant der Schweiz.

Vor 70 Jahren gab es in der Schweiz über 30 Zigarrenhersteller. Heute ist Heinrich Villiger ist der letzte Patron des Stumpenlandes. Der 90-Jährige ist noch immer operativ tätig, eine Nachfolgelösung hat er nicht.

1950 bricht der Koreakrieg aus, Hugo Koblet gewinnt die Tour de Suisse und der Song «Mona Lisa» von Nat King Cole steht vier Wochen lang an der Spitze der amerikanischen Charts. Im selben Jahr beginnt Heinrich Villiger in der Zigarrenfabrik seiner Eltern zu arbeiten. Sie führen die Stumpenfabrik Villiger Söhne. Eigentlich wäre Heinrich, damals 20 Jahre alt, ein Germanistikstudium lieber gewesen.

Doch es gibt keine Wahl: Als ältester Sohn ist sein Weg in die Firma längst vorgespurt. Gleich nach der Matura schickt ihn der Vater, der das Unternehmen in zweiter Generation führt, nach Übersee. In Kuba, der Dominikanischen Republik und den USA lernt er das Tabakgeschäft aus erster Hand. 1954, nach seiner Rückkehr, wird er Partner.

Heinrich Villiger auf einem Foto aus den 70er Jahren.

Heinrich Villiger auf einem Foto aus den 70er Jahren.

Heute, 70 Jahre später, ist Heinrich Villiger nach wie vor in der Firma tätig. Der 90-Jährige führt das Unternehmen mit 1500 Mitarbeitenden und Standorten in der Schweiz, Deutschland, Indonesien und Brasilien als Alleininhaber. 1,5 Milliarden Zigarren produziert die Firma im Jahr. Beim Gespräch am deutschen Standort in Tiengen zündet er sich zuerst eine hauseigene Zigarre aus Brasilien an. Die mag er am liebsten. Der Geschmack sei etwas besser als bei den Havannas aus Kuba. Zwei bis drei raucht er pro Tag – früher waren es zehn. Er werde auch nicht mehr jünger, sagt er verschmitzt.

1888 gründete sein Grossvater Jean Villiger im luzernischen Pfeffikon unter seinem Namen eine eigene Zigarrenfabrik. Als er 14 Jahre später starb, nahm seine Frau Louise das Heft in die Hand. Sie war es, die den zweiten Standort in Tiengen gründete. Nachdem Deutschland eine Steuer auf Tabakprodukte einführte, suchte sie einen Standort ennet der Grenze. In Tiengen kaufte die Geschäftsfrau ein Gebäude mitten im Städtchen. Die Extrasteuer war passé. Diesen Sinn fürs Ökonomische hat Villiger von seiner Grossmutter geerbt, doch dazu später. 1918 übernahmen ihre beiden Söhne Hans und Max Villiger die Geschicke der Firma.

Seit der Wahl seines Bruders in den Bundesrat ist er Alleinbesitzer

1966 war die dritte Generation an der Reihe. Zusammen mit seinem elf Jahre jüngeren Bruder Kaspar übernahm Heinrich den Betrieb. Mit der Wahl von Kaspar in den Bundesrat im Jahr 1989 wurde er mit 59 schliesslich Alleinbesitzer der Firma. Daran hat sich in den letzten 31 Jahren nichts geändert.

2008 feierte die Zigarrenfabrik das 120-jährige Bestehen. Heinrich Villiger zusammen mit seinem Bruder, Alt Bundesrat Kaspar Villiger, auf Schloss Lenzburg.

2008 feierte die Zigarrenfabrik das 120-jährige Bestehen. Heinrich Villiger zusammen mit seinem Bruder, Alt Bundesrat Kaspar Villiger, auf Schloss Lenzburg.

Ein 90-jähriger Firmenchef, wie geht das? Der Kopf funktioniere «Gott sei dank» noch gut, sagt Villiger, 1930 in Menziken geboren. Sein Alter schränke ihn aber schon etwas ein. Velofahren dürfe er nicht mehr. Er schwanke zu stark. Das sei gefährlich, wenn «diese Elektrovelos» vorbeirauschen. Auch die Jagd habe er aufgeben müssen.

Im vergangenen Jahr brach Villiger während einer Reise in Brasilien zusammen. Die Ärzte setzten ihm einen Herzschrittmacher ein. «Leider auf der falschen Seite», sagt Villiger. Das Gerät wurde just an jener Stelle implantiert, wo der Gewehrkolben beim Rückschlag auf die Brust drückt. Aber Autofahren und Arbeiten, das gehe gut, sagt er. Fast täglich fährt er von seinem Wohnort im aargauischen Full über den Rhein nach Tiengen.

Allerdings wird auch Heinrich Villiger von der Coronapandemie ausgebremst. Die erste Welle verbrachte er in strikter Quarantäne: Nach einer Lungenentzündung mit Spitalaufenthalt und einem Augeninfekt, gab ihm eine Ärztin den «Befehl», zu Hause zu bleiben. Ganze drei Monate habe er sich daran gehalten. Er habe es gut ausgehalten, der grosse Garten sei ein Segen gewesen. Er liess sich die Post vorbeibringen und arbeitete von zu Hause aus.

Heinrich Villiger prüft mit einem kubanischen Bauern die Qualität von Tabakblättern.

Heinrich Villiger prüft mit einem kubanischen Bauern die Qualität von Tabakblättern.

Sein Arbeitsrhythmus ist seit ein paar Jahren derselbe. Er beginnt Mitte Nachmittag und arbeitet dann bis 22 Uhr. Am besten gehe es ab 17 Uhr, wenn alle nach Hause gehen. Dann tippt er seine Korrespondenz – alles auf einer Schreibmaschine und legt sie dann seiner Sekretärin hin. Einen Computer habe er nicht, auch kein Handy. «Ich bin altbacken und kein Freund der Digitalisierung.»

2019 führte Villiger Cannabis-Zigarillos ein.

2019 führte Villiger Cannabis-Zigarillos ein.

Kein Wunder hält er nicht viel von E-Zigaretten. «Elektroschrott», brummt er. Noch nie habe er an einer gezogen. Eine E-Zigarre zu entwickeln, komme nicht in Frage. «Damit fangen wir nicht an, wir sind keine Apotheker, die Wässerchen in Dosen verkaufen.» Lieber versuche er sich mit anderen Innovationen. Cannabis-Zigarillos zum Beispiel. Die hat Villiger vor einem Jahr eingeführt.

Allerdings sei dies ein Nischenprodukt, im Gegensatz zum Milliardengeschäft mit den E-Zigaretten.

Coronakrise lässt Exporte nach Asien einbrechen

Die Coronakrise werde bei Villiger in den Geschäftszahlen deutlich zu sehen sein. Zwar konnte das Unternehmen, das einen Jahresumsatz von rund 220 Millionen Franken erzielt, den Verkauf von Zigarren in Deutschland und Schweiz steigern. Das Duty-free-Geschäft an den Flughäfen und der Export in die mengenmässig starken Märkte China und den arabischen Raum sind aber stark eingebrochen.

In zwei Bereichen musste der Patron Kurzarbeit anmelden. Zum einen bei Fifth Avenue, dem deutschen Havanna-Importeur. «Der Nachschub mit Zigarren aus Kuba lief nicht mehr wie gewünscht.» Corona unterbrach die Transporte. Zudem fehle den Leuten in Kuba der Anreiz zu arbeiten, erzählt Villiger, der in den 80er-Jahren zwei Joint Ventures mit dem kubanischen Staatskonzern Tabacuba eingefädelt hat. Das sozialistische System biete ihnen keine Anreize. Viele Leute gehen nicht zur Arbeit. Und so kommen weniger Zigarren aus Kuba zu Villiger. «Unsere Lager gehen spürbar zurück», seufzt der Patron.

Um dieses Risiko zu minimieren, baut Villiger neben der Produktion in Brasilien, wo 15 Zigarrenrollerinnen arbeiten, eine weitere in Nicaragua auf. Im US-Markt, dem grössten weltweit, sind Zigarren aus dem mittelamerikanischen Land derzeit besonders gefragt. Rund 60 Angestellte werden dort Zigarren von Hand rollen.

Im Juni feierte Heinrich Villiger seinen 90. Geburtstag. In der Sendung TalkTäglich bei TeleM1 sprach er über Home Office, Familie und sein Lebenswerk:

Zigarren-Villiger feierte seinen 90. Geburtstag: «Ich bin kein Freund von Home Office»

«Ich bin kein Freund von Home Office»

Heinrich Villiger feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag, er arbeitet dennoch täglich in seiner Firma und zum Zuhause-Bleiben konnte ihn nur seine Augenärztin zwingen. In der Sendung TalkTäglich spricht er über seine Firma, seinen Geburtstag und den Alltag im Home Office, das auch ohne Computer gut funktioniert, wie er betont.

«Das ist kein Tabakproduktegesetz, das ist ein Tabakvernichtungsgesetz»

Ebenfalls Kurzarbeit muss Villiger für die Eventabteilung anmelden, die sonst an Festivals, Schwingfesten und anderen Anlässen Zigarren verkauft und verteilt. Hier herrscht derzeit tote Hose. Mit den Plänen des geplanten Tabakproduktegesetzes stehe diese Abteilung aber sowieso vor dem Aus, ärgert sich Villiger. Geht es nach dem Ständerat, sollen Werbung, Verkaufsförderung und Sponsoring weitgehen verboten werden. «Seit über 20 Jahren wird am Tabak herumreguliert. Es ist ein altes, leidiges Thema», sagt Villiger.

Heinrich Villiger in Brasilien auf Tabakeinkauf für seine kleine Zigarrenmanufaktur Villiger do Brasil in der Nähe der Stadt Salvador de Bahia.

Heinrich Villiger in Brasilien auf Tabakeinkauf für seine kleine Zigarrenmanufaktur Villiger do Brasil in der Nähe der Stadt Salvador de Bahia.

Der 90-Jährige betont, dass er uneingeschränkt für Jugendschutz und gegen die Abgabe an Personen unter 18 Jahren einstehe. Aber langsam gehe es zu weit. Oder in Villigers Worten: «Das ist kein Tabakproduktegesetz. Das ist ein Tabakvernichtungsgesetz.»

Villiger und Söhne sind der letzte Zigarrenhersteller mit einer Produktion in der Schweiz. Als Villiger 1950 begann, gab es noch 30 andere Stumpenhersteller – besonders viele waren im Seetal angesiedelt. Der letzte Konkurrent Burger, er produziert unter anderem die Dannemann-Zigarillos, hat seine Produktion ausgelagert. Das neue Gesetz mache es nun noch schwerer. Villiger will dennoch am Schweizer Standort Pfeffikon und den gut 140 Angestellten unbedingt festhalten.

Doch schliesslich dreht sich alles ums Geld. Die Produktion, auch wenn diejenige in der Schweiz weitgehend automatisiert ist, ist teuer. Man sei in der Tabakbranche schnell nicht mehr wettbewerbsfähig, so Villiger. So war etwa das Werk in Indonesien in der Nähe von Surabaya mit den rund tausend Angestellten – vorwiegend Frauen – vor einem Jahr plötzlich in Frage gestellt.

Dies weil ein Kandidat für den Gouverneursposten der Region bei seiner Wahl einen um 20 Prozent höheren Mindestlohn versprach. Er wurde tatsächlich gewählt. Kurzerhand verlegte Villiger die Fabrik. Am neuen Standort gilt der tiefere Mindestlohn. Die Angestellten erhielten zwar eine kleine Abfindung, sie verloren aber ihre Stelle. Villiger sieht darin nichts Schlimmes. «Uns blieb nichts anderes übrig. Andere Firmen haben es genau gleich gemacht. Wir haben immerhin die gleiche Zahl an Stellen wieder geschaffen.»

Die Zukunft der Firma ist nach wie vor offen

Wie es mit der Firma weitergeht, wenn er einmal nicht mehr da ist, das treibt Villiger ebenfalls schon mehrere Jahrzehnte um. Schon vor einem Vierteljahrhundert suchte er einen CEO fürs Tagesgeschäft. «CEO», schnaubt Villiger. «Ich will das Wort nicht mehr hören.» Er besetzte den Posten zwar mehrmals. Doch jedes Mal ging es in die Hose. Das eine Mal hat der CEO keinen Platz neben dem Patron, das andere Mal hat keine Ahnung vom Geschäft. «Jetzt will ich keinen mehr», sagt Villiger.

Zwei bis drei Zigarren raucht er pro Tag - früher waren es zehn.

Zwei bis drei Zigarren raucht er pro Tag - früher waren es zehn.

Dafür setzte er drei Geschäftsführer ein. Einer für die Technik, einer für den Verkauf und einer für die Administration. «Die machen einen guten Job. Wenn sie gut harmonieren, können sie den Laden auch ohne mich schmeissen.» Letztlich seien aber seine Kinder dafür verantwortlich, wie es weitergeht. «Sie werden mein Vermögen erben.» Villiger hat drei Töchter und einen Sohn. Die älteste Tochter, eine Ärztin, sitzt im Verwaltungsrat. Auch ein Enkel, ein Architekt, ist im Aufsichtsgremium vertreten. Aber bislang will niemand aus der Familie die Firma übernehmen.

Seine Gesellschaft geht zu gleichen Teilen an seine vier Kinder. Vorschriften wolle er ihnen keine machen. Schliesslich gebe es ja nur zwei Möglichkeiten: »Weitermachen oder verkaufen.»

Autor

Roman Schenkel

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