Wirtschaft

Werbeboykott: Facebook wird von ungelösten Grundproblemen eingeholt

Neue Herausforderungen: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg präsentiert Innovationen.  (Photo by The Asahi Shimbun via Getty Images)

Neue Herausforderungen: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg präsentiert Innovationen. (Photo by The Asahi Shimbun via Getty Images)

90 Firmen boykottieren Facebook – auch Coca-Cola Schweiz

Was würden Sie mit 70 Milliarden Dollar tun?» Diese Frage wurde in grossen Inseraten gestellt, bezahlt von der Initiative «Stop Hate for Profit». 70 Milliarden verdiene Facebook und lasse dennoch dies zu: Aufrufe zu Gewalt gegen Personen, die nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd gegen Rassismus protestierten.

Die Inserate schlossen mit einem Appell an die Wirtschaft: sie solle auf der Seite traditioneller amerikanischer Werte stehen wie Freiheit und Gerechtigkeit – und im Juli keine Inserate auf Facebook schalten. Hinter der Initiative stehen Bürgerrechtsbewegungen wie NAACP, Color of Change oder Anti-Defamation League. Ihre Botschaft an die Wirtschaft war klar: unterstützt den Boykott – oder steht bald selber in einem Shit-Storm.

Werbegeschäft könnte ausser Kontrolle geraten

Das war am 17. Juni. Zwei Wochen später beteiligen sich über 90 Unternehmen. Darunter Coca-Cola – explizit auch deren Schweizer Gesellschaft, wie Sprecher Matthias Schneider bestätigt. Jüngst gesellten sich der Autohersteller Honda und der Konsumgütergigant Unilever sowie die Kaffeehauskette Starbucks dazu.

Es sind genug finanzstarke Namen dabei, dass ein Analyst warnt, Facebook müsse rasch handeln. «Sonst geraten die Einbussen im Werbegeschäft ausser Kontrolle.»

Mit dem Boykott wird Facebook eingeholt von einer der vielen ungelösten Grundfragen, die am Ursprung seiner bisherigen Erfolgsgeschichte stehen. Wie verhindert es, dass mit seiner Hilfe faire Wahlen manipuliert werden? Wie schützt es die Daten privater Nutzern, und wem gehören diese? Wie soll der Tech-Gigant besteuert werden, der Unsummen in Ländern verdient, jedoch dort kaum oder gar keine Steuern zahlt?

Beim Boykott geht um diese Frage: Wer ist verantwortlich für die Inhalte, die von den Nutzern auf Facebook gepostet werden? Mark Zuckerberg lehnt eine eigene Verantwortung ab, wie sie etwa Verlagshäuser tragen müssen. Der Facebook-Chef will seinen sozialen Mediendienst als offene Plattform verstanden haben, die allen offen stehen soll – und die er nicht mit einem kostspieligen Apparat kontrollieren muss.

Diese kostensparende Position wollen die Bürgerrechtsbewegungen nun Zuckerberg nicht mehr durchgehen lassen.

Vorwurf: Geldmache mit der Verbreitung von Hassreden

«Facebook lässt einige der schlimmsten gesellschaftlichen Elemente in unsere Häuser und in unsere Leben», begründet ein Bürgerrechtler. Es habe News–angebote als vertrauenswürdigen Quellen ausgezeichnet, die nachweislich mit Neonazis zusammenarbeiten. Es habe Inhalte von Holocaustleugnern nicht gelöscht.

Im Grunde geht es den Bürgerrechtlern immer um den gleichen Vorwurf: Facebook verdiene Geld mit der Verbreitung von Hassreden oder von falscher Informationen.

Facebook gibt sich reumütig. Es gebe ein «Vertrauensdefizit». Zuckerberg hat Massnahmen versprochen, welche die Kritiker aber nicht zufrieden stellen. Ob wirklich ein Wendepunkt erreicht ist in der Erfolgsgeschichte von Facebook – das muss sich erst zeigen. Bisher hat sich Zuckerberg grösseren Reformen widersetzen können.

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