Bahnverkehr

Wegen Coronakrise: Bombardier liefert jetzt auch die neuen Trams mit Verspätung in die Schweiz

Das neue Flexity-Tram für die Zürcher Verkehrsbetriebe.

Das neue Flexity-Tram für die Zürcher Verkehrsbetriebe.

Zürich braucht dringend neue Trams. Bestellt wurden sie schon lange, aber wann sie kommen, weiss niemand genau. Die Coronakrise sorgt für monatelange Verzögerungen.

Der öffentliche Verkehr fährt wieder wie vor der Coronakrise. Nur Bombardier hat noch Verspätung. Der kanadische Zugbauer liefert derzeit neue Trams aus seiner Modellreihe Flexity für die Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) ab – oder sollte es zumindest.

Bis Ende Jahr hätten 9 bis 10 der insgesamt 70 bestellten Fahrzeuge auf dem Zürcher Liniennetz verkehren sollen, das erste schon im Frühsommer. Doch daraus wird nichts. Erst zwei Fahrzeuge sind geliefert worden, wann das nächste kommt, ist nicht klar. In einem Interview mit den Zeitungen von Lokalinfo sagte VBZ-Direktor Guido Schoch kürzlich, bis Ende Jahr würden weitere Fahrzeuge geliefert, «wenn vermutlich auch nicht die geplante Menge».

VBZ weiss frühestens im Juni Bescheid

Bombardier habe während der Coronakrise zwar immer gearbeitet, für den Hersteller und seine Lieferanten sei die Krise aber eine grosse Herausforderung. Das erste Flexity-Tram werde zudem wegen Problemen mit den Zulassungsprüfungen erst Ende der Sommerferien auf den Zürcher Strassen unterwegs sein, so Schoch. Ein genaues Datum, wann die nächsten Trams geliefert werden, kennen die VBZ aber nicht, wie sie auf Anfrage dieser Zeitung bestätigen.

Gerüchte, wonach sich die Auslieferungen um mehrere Monate verzögern, kommentieren die VBZ nicht. Wegen der weltweit nach wie vor grossen Unsicherheit im Zusammenhang mit der Coronakrise könne man die Folgen für die Inbetriebnahme noch nicht abschätzen, sagt eine Sprecherin. «Frühestens anfangs Juni» könne man über das genaue Ausmass der Verzögerungen informieren.

Zulieferer stellten ihre Produktion ein

Auch Bombardier selbst weiss noch nicht, wie gross die Abweichung vom ursprünglich vorgesehenen Lieferplan sein wird. Sprecher Andreas Bonifazi sagt, Bombardier unternehme alles, um die ursprüngliche Planung «mit wenig Abweichung» umsetzen zu können. Der Grund für die Verzögerung: Die Produktionskapazitäten in den Werken in Wien und im deutschen Bautzen, wo die Trams in einem letzten Schritt zusammengebaut werden, hätten angepasst werden müssen.

Zuliefererbetriebe hätten ihre Produktion teils ganz eingestellt. Zudem gebe es starke Einschränkungen bei den Testfahrten, weil Spezialisten aus dem Ausland nur eingeschränkt in die Schweiz einreisen können. Sie werden gebraucht, damit gegenüber den Behörden die Nachweise erbracht werden können, dass Systeme wie Bremsen oder Klimaanlagen ordnungsgemäss funktionieren. Das dritte Tram für Zürich sei aber bereits montiert und werde nun für die Statik-Tests vorbereitet, die noch diesen Monat beginnen sollen. Auch würden Zulieferer ihre Produktion wieder aufnehmen.

Schon jahrelange Verzögerung

Ob Bombardier für die finanziellen Folgen der Verzögerung aufkommen muss, sei eine Frage, die «aktuell nicht zur Diskussion steht», sagt Bonifazi. Der grösste städtische Verkehrsbetrieb der Schweiz musste in seinem Tramnetz Linien zusammenlegen und einzelne sogar streichen, weil der Bestand an Fahrzeugen ohne die neuen Bombardier-Modelle zu tief ist. Selbst ausrangierte Trams mussten wieder fit für den Einsatz gemacht werden, auf gewissen Linien fahren kürzere Kompositionen.

Eigentlich hätten die ersten neuen Flexity-Trams schon 2016 durch Zürich fahren sollen, ein Streit mit dem Zürcher Verkehrsverbund um die Finanzierung und Einsprachen der unterlegenen Anbieter Stadler Rail und Siemens sorgten aber für eine jahrelange Verzögerung der Beschaffung mit einem Wert in der Höhe von knapp 360 Millionen Franken. Der Auftrag beinhaltet eine Option für den Kauf von 70 weiteren Fahrzeugen – eine Möglichkeit, welche die Verantwortlichen angesichts von Ausbauten des Liniennetzes in der Zukunft bereits prüfen.

Die neuen Bombardier-Züge fahren zuverlässiger

Nicht nur Zürich setzt auf Bombardier. Trams der Flexity-Reihe sind bereits bei den Basler Verkehrsbetrieben (BVB) unterwegs. Auch die Baselland Transport (BLT) hat vor einem Monat die Beschaffung von 25 neuen Fahrzeugen ausgeschrieben, für die sich neben dem bisherigen Stammlieferant Stadler auch Bombardier bewerben könnte. Für Stadler entschieden hat sich hingegen Bernmobil. Das Unternehmen beschafft für 130 Millionen Franken 27 neue Trams beim Thurgauer Bahnbauer. Auch die Aargau Verkehr AG hat für den Betrieb der neuen Limmattalbahn zwischen dem Aargau und der Stadt Zürich Trams bei Stadler bestellt.

Bombardier steht in der Schweiz unter besonderer Beobachtung, seit die Lieferung der 62 neuen Doppelstock-Fernverkehrszüge für die SBB immer wieder Verzögerungen erfuhr. Rund vier Jahre Verspätung hat der Hersteller derzeit gegenüber dem ursprünglichen Lieferplan. Allerdings ist ein Teil davon auch auf einen Rechtsstreit mit Behindertenverbänden zurückzuführen.

2011 hatten die SBB bei Bombardier für 1,9 Milliarden Franken die neuen Züge bestellt. Bis nächstes Jahr sollen nun alle ausgeliefert werden. Seit Anfang Mai sind mit 32 Zügen erstmals über die Hälfte der neuen Doppelstockzüge für die SBB im Einsatz. Zuletzt verkehrten sie zuverlässiger. Im April kam es nach durchschnittlich 8444 Kilometern zu einer betrieblichen oder technischen Störung. Zum dritten Mal in Folge war der Wert damit über den von der SBB geforderten 8000 Kilometern. Während der Krise waren allerdings auch deutlich weniger Passagiere unterwegs.

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