Einreisebeschränkung

Wegen Corona fehlen Bauern ausländische Saisonarbeiter – sie greifen nun auf Köche und Serviceangestellte zurück

Damit die Ernte auch dieses Jahr gelingt, brauchen Bauern zahlreiche Hilfskräfte. Das Bild zeigt eine Spargelernte in Waltenschwil vor einigen Jahren.

Damit die Ernte auch dieses Jahr gelingt, brauchen Bauern zahlreiche Hilfskräfte. Das Bild zeigt eine Spargelernte in Waltenschwil vor einigen Jahren.

Durch die Einreisebeschränkung hat sich das Problem fehlender Erntehelfer in der Landwirtschaft akzentuiert. Schweizer Bauern suchen nun vermehrt Arbeitskräfte im Inland.

In Italien schlugen Bauernverbände schon vor zwei Wochen Alarm: Weil ausländische Saisonarbeiter wegen des Coronavirus nicht mehr einreisen können, fehlen den Bauern wichtige Arbeitskräfte. Die Verbände befürchten deshalb sogar einen Ertragsverlust. Nun erreicht das Problem auch die Schweiz. Wegen der Coronakrise sind die Grenzen praktisch geschlossen, der Bundesrat hat das Einreiseverbot in den vergangenen Tagen immer mehr ausgedehnt. Neben Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich gilt dieses seit kurzem auch für Personen aus Spanien.

Die Schweizer Landwirtschaft ist auf Saisonniers, die mehrheitlich aus Osteuropa und Portugal kommen, stark angewiesen. Das machen Zahlen vom Staatssekretariat für Migration (SEM) aus dem Jahr 2019 deutlich: Im Sektor Forst- und Landwirtschaft leisteten 18'205 Saisonarbeiter insgesamt 984'839 Arbeitstage.

Schweizer Bauern setzen jetzt deshalb alles daran, ihre Saisonniers noch möglichst rasch ins Land zu holen - vor allem Gemüse- und Beerenproduzenten brauchen schon bald Verstärkung. «Es ist deshalb wichtig, dass die Leute kommen können», sagt Sandra Helfenstein, Sprecherin vom Schweizer Bauernverband. «Im Moment ist die Situation noch nicht dramatisch, aber demnächst fängt die intensive Arbeitssaison an. Wir tun deshalb alles, damit es nicht zu einem Problem wird.»

Ausreisesperre für Rumänen und Polen

Hand geboten hat dabei auch der Bund. Zur Sicherung der Ernte hat er für die Landwirtschaft vor einer Woche eine Kulanzfrist erlassen: Bis zum morgigen Donnerstag können ausländische Arbeitskräfte, die lediglich einen Arbeitsvertrag haben, noch in die Schweiz einreisen. Eigentlich ist die Einreise nur mit einem Arbeitsvertrag sonst nicht mehr erlaubt. Ab Freitag müssen auch in der Landwirtschaft alle einreisenden Arbeitskräfte zusätzlich über eine Aufenthaltsbewilligung verfügen.

Insgesamt wurden über dieses System knapp 400 Personen angemeldet. Der Bauernverband hat seinen Mitgliedern ein Formular zur Verfügung gestellt, mit dem sie ihre Saisonniers möglichst unkompliziert den Behörden melden konnten. «Es kommen aber nicht so viele, wie eigentlich sollten», sagt Sandra Helfenstein. Am Willen liege es jedoch häufig nicht: «Rumänen und Polen dürfen zum Beispiel gar nicht mehr ausreisen. Es gibt aber auch solche, die nicht mehr kommen wollen, weil die Schweiz inzwischen zu den Krisengebieten zählt.»

Thurgauer Spargelproduzent findet Hilfskräfte über tutti.ch

Somit zeichnet sich ab, dass es in der Landwirtschaft dieses Jahr einen Mangel an ausländischen Arbeitskräften geben wird. Damit Bauern dennoch ihre Arbeit bewältigen können, sollen nun vermehrt Leute im Inland rekrutiert werden. «Wir versuchen, das Inländerpotenzial besser auszuschöpfen und haben deshalb auf unserer Webseite eine Übersichtsseite mit Vermittlungsplattformen aufgeschaltet», sagt Helfenstein. «Diese zielt zum Beispiel auf Leute ab, die jetzt in der Kurzarbeit sind und genügend Zeit haben, etwa Gastroangestellte.»

Gleiche Bestrebungen gibt es beim Schweizer Obstverband und dem Verband der Schweizer Gemüseproduzenten. Um die diesjährigen Ernten zu sichern, sind sie mit dem Personalverleiher Coople eine Kooperation eingegangen. Laut einer gemeinsamen Medienmitteilung vom Dienstag richtet sich das Angebot auch hier insbesondere an Angestellte aus der Hotellerie und Gastronomie. Auf der Plattform von Coople sind über 300’000 flexible Arbeitskräfte in der Schweiz registriert. Viele von ihnen arbeiten zu dieser Jahreszeit meist in der Gastronomie und bei Events.

Darüber hinaus versuchen auch viele Bauern auf eigene Faust neue Arbeitskräfte zu finden. So hat etwa der Thurgauer Spargelproduzent Hansruedi Germann über ein Inserat auf tutti.ch zwei Leute aus dem Gastgewerbe gefunden. «Wir haben genug Leute in der Schweiz, wir müssen sie nur umpolen», sagt er auf seinem Hof Säntisblick am Telefon. Die zwei Arbeiter würden Germann für 15 Franken pro Stunde beim Spargel-Schneiden helfen. Das sei gleichviel, wie ein ausländischer Saisonnier erhalten würde. Eine grosse Sorge bleibt Germann trotzdem noch: «Ich weiss noch nicht, wie ich meine Spargeln überhaupt verkaufen soll.» Weil seine Abnehmer vor allem Wirte seien, hoffe er, dass der Bund die Massnahmen gegen das Coronavirus bald etwas lockert und Restaurants und Märkte wieder öffnen könnten.

Autor

Gabriela Jordan

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