Karin Stüber

Von der Professorin zur Autohändlerin: Wer ist die neue Chefin von Mercedes-Benz?

Das Beste oder nichts: Karin Stüber will die Merbag zum grössten Mercedes-Händler Europas machen.

Das Beste oder nichts: Karin Stüber will die Merbag zum grössten Mercedes-Händler Europas machen.

Karin Stüber hat die Leitung der Mercedes-Benz Automobil AG übernommen. Wer ist die Frau, die noch vor sechs Monaten Studenten in Keltisch unterrichtete?

Das Beste oder nichts. Der Satz ist wie ein heiliger Familiengral. Im selben Büro in Schlieren hat ihn schon der Grossvater und der Vater proklamiert. Und nun sie. Karin Stüber, 48. Sie gibt zu, dass der Satz für sie prägend war. Aber Druck? Nein. Ihr eigener Antrieb und Wissensdurst war stets gross genug. Schon mit acht liest sie die Sagen von Odyssee und Ilias. «Ich bin nicht immer und überall die Beste. Aber was ich auch mache, will ich gut machen.» Und nun macht Sie etwas, was Sie noch nie gemacht hat: Sie führt einen Auto-Handel.

Nur, die Merbag (Mercedes-Benz Automobil AG) ist keine Hinterhofgarage. 2308 Mitarbeiter, 1,474 Milliarden Franken Umsatz, 44 Stützpunkte in drei Ländern, drittgrösstes Autohaus der Schweiz. Es ist das Lebenswerk ihres 80-jährigen Vaters Peter Stüber. Dessen Vater Herbert C. Stüber hat kurz nach Endes des Krieges zusammen mit drei Kompagnons den Schweizer Zweig von Mercedes-Benz übernommen, als die Maschinen in Deutschland noch still standen. Natürlich wurde er dafür belächelt.

Wenn so viel Familie, Mut und Wachstum in einem Unternehmen steckt, scheint es nichts als logisch, dass der Weg der Nachfahren vorbestimmt ist. Auch wenn die beiden Mädchen, Karin und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Ursula, lieber mit Puppen als mit Autos spielen. Das Auto ist zu Hause in Zollikon Gesprächsthema, aber nicht omnipräsent. Sowieso ist Vater Peter Stüber eher der Gegenentwurf zum typischen Autohändler, der gleichermassen jovial und gerissen rüberkommt. Über sich selbst sagte er mal, kein sehr geselliger Mensch zu sein. Als intellektueller Schöngeist wird er bezeichnet. Und so diskutiert man zu Hause bei den Stübers eher über Kunst, Kultur, Architektur, Geschichte und selbst über Sport. Und statt Autoausstellungen oder Rennen besucht er mit den Mädchen Museen oder klassische Konzerte.

Als Karin Stüber im April 2014 an der Universität Würzburg einen Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaften bekommt, ist eine Rückkehr nach Zürich undenkbar. Es passt einfach alles. Die Stadt mit dem Main und den Weinbergen, der Arbeitsplatz in einem Barockpalast und vor allem spürt sie Genugtuung, nach einem langen Weg die oberste Stufe im akademischen Bereich erreicht zu haben. «Mein Lebensentwurf war eigentlich schon ein anderer», sagt sie heute. Nur, was hat den Ausschlag gegeben, das berufliche Erbe des Vaters weiterzuführen? «Meine Schwester hat zwar Volkswirtschaft studiert, aber sie hat auch Kinder. Deshalb kam es für sie schon mal nicht infrage. Also blieb ich oder eine externe Lösung. Und weil wir zum Schluss gekommen sind, dass wir ein Familienunternehmen bleiben wollen, blieb nur noch eine Option.» Ein Opfer zum Wohl der Familie? Nach drei Monaten im Amt als Verwaltungsratspräsidentin sagt sie: «Die Verantwortung beflügelt mich.» So sehr, dass sie richtig grosse Ziele setzt: Sie will die Merbag zum grössten Mercedes-Händler Europas machen – das Beste oder nichts.

Karin Stüber weiss früh, was sie will. Mit acht Jahren schon, als sie Odyssee und Ilias liest, dass sie Griechisch lernen will. Als sie gegen Ende ihrer Gymi-Zeit entdeckt, dass es an der Uni «so etwas gibt wie vergleichende indogermanische Sprachwissenschaften», denkt sie sich: «Toll, noch mehr alte Sprachen lernen, das ist es!» Später unterrichtet sie Latein, Griechisch, Sanskrit, Altpersisch, Avestisch, Hethitisch, Altirisch und Mittelkymrisch. Ein netter Zeitvertreib? Karin Stüber lacht und sagt: «Natürlich ist es brotlos. Für Indogermanisten gibt es ausserhalb der Uni keine Stellen. Dass ich diesen Weg eingeschlagen konnte, verdanke ich auch der Tatsache, dass meine Familie finanziell gut gestellt ist.» Zwischen 800 und 900 Millionen Franken schätzt die Zeitschrift «Bilanz» das Vermögen der Familie Stüber.

Schlechte Nachrichten für die Fussballer von GC

Wer hat, der gibt. Auch das so eine Art Leitsatz der Familie Stüber. Vater Peter sagte mal in einem Interview mit der NZZ: «Ich finde, man sollte mäzenatisch tätig sein, wenn es einem gut geht.» Selbst war er 22 Jahre lang Präsident der Tonhalle Zürich. Und seit 2005 unterstützt er finanziell die Fussballer der Grasshoppers. Zur Zeit schiesst er als einer von zwei Besitzern mehr als drei Millionen Franken pro Jahr ein, um den Klub vor dem Konkurs zu bewahren. Einiges will Karin Stüber weiterführen. Beispielsweise das Tonhalle-Engagement, wo sie sich im Oktober in den Vorstand des Gönnervereins wählen lässt. Ausserdem engagiert sie sich als Stiftungsratspräsidentin bei der Zürcher Sing-Akademie. Und hin und wieder spielt sie in der anglikanischen Kirche Zürich Orgel. Aber GC? Da winkt sie ab. «Das ist die Sache meines Vaters.»

Als Mädchen begleitete sie den Vater ins Hardturm-Stadion, sammelt wie die anderen Kinder auch Autogrammkarten der GC-Spieler. Mit dem Erwachsenwerden ist das Interesse am Fussball aber gänzlich verschwunden. Gefallen fand sie dafür am Reiten. Auch am Springreiten, bis sie ein paar Mal zu oft vom Pferd gefallen ist. Heute begnügt sie sich mit Ausritten in der Natur.

Eine Frau an der Spitze eines grossen Unternehmens, das in der männerdominierten Autobranche, und dann fehlt ihr auch noch Benzin im Blut – um Argwohn und Vorurteile muss sich Karin Stüber nicht sorgen. Eine Blackbox, wehrt sie sich, sei der Autohandel für sie nicht. Schliesslich sitze sie seit 2005 im Verwaltungsrat. «Aber weil ich nicht aus dem Business komme, werde ich nicht operativ, sondern vornehmlich strategisch tätig sein.» Und das mit dem Geschlecht könne sie ja schlecht ändern. Sie will die Menschen mit Kompetenz überzeugen. Das sei ihr in der Wissenschaft gelungen, «auch das ist eine Männerdomäne.»

Mercedes stürmt in der Schweiz auf Platz 2

Nur, das Geschäft mit Autos ist volatil. Und in Zeiten der Klimadebatte eher nicht auf der Gutmensch-Seite. Kommt bei Merbag dazu, dass man von nur einem Partner abhängig ist. Was Fluch und Segen sein könne, räumt Karin Stüber ein. Im Moment ist es zwar ausschliesslich ein Segen. Denn Mercedes ist in der Schweiz im letzten Jahr punkto Marktanteil hinter VW auf Platz 2 gestürmt. «Das ist gewaltig und noch nie vorgekommen», sagt Stüber. Die Performance stimmt also. Aber was, wenn Daimler schwächelt? Einen Trend verpasst? «Wir haben vor einigen Jahren darüber diskutiert, ob wir unser Portfolio um weitere Marken ergänzen oder ob wir ins Ausland expandieren wollen. Wir haben uns fürs Ausland entschieden. Getreu unserem Motto: Das Beste oder nichts.» Mittlerweile unterhält die Merbag fünf Stützpunkte in Luxemburg und sechs in der Region Mailand. Karin Stüber will mehr. Schon nächstes Jahr soll der Expansionskurs fortgesetzt werden. Und irgendwann, vielleicht in 20 Jahren, will Stüber nach Daimler der grösste Mercedes-Händler Europas sein.

Nur, hat die Merbag nicht kürzlich sechs Filialen in der Innerschweiz verkauft? Und das, obwohl man wachsen will? «Der Hersteller will nicht, dass wir in der Schweiz weiter wachsen. Deshalb haben wir verkauft. Im Gegenzug unterstützt uns Daimler bei unserem Expansionskurs im Ausland.»

Zweifel, ob sich das autonome Fahren jemals durchsetzen wird

Gewiss wertet Karin Stüber die Signale («Hybrid wird gepusht, ein neuer Elektro-Van steht schon in den Showräumen») aus der Daimler-Zentrale in Stuttgart als positiv. Doch das Geschäft ist fragil wie nie. Weil selbst die Autobauer mehr Fragen als Antworten haben. Mit welchen Vehikeln werden wir uns künftig fortbewegen? Falls wir beim Auto bleiben, welcher Antrieb hat Zukunft? Wie viele Ressourcen soll ich in die Entwicklung von Elektrofahrzeugen investieren? Oder ist es nicht besser, gleich auf Brennstoffzellen-Motoren zu setzen?

«Schwierig», meint Karin Stüber. «Ich bin nicht restlos davon überzeugt, dass sich die Elektromobilität durchsetzen wird. Denn die Batterien sind schwer. Und gerade im Lastwagenbereich verliert man dadurch sehr viel Ladekapazität. Ausserdem dauert das Aufladen der Batterien sehr lange. Und teilweise fehlt auch die Kapazität im Stromnetz. Bei schweren Fahrzeugen kann ich mir aber sehr gut vorstellen, dass der Brennstoffzellen-Antrieb sinnvoll ist.» Die Branche steht vor einem Umbruch, wie sie ihn noch nie erlebt hat.

Auch wird seit einigen Jahren schon über autonomes Fahren debattiert. Es wird geforscht und getestet. Aber der Durchbruch bleibt aus. Selbst Karin Stüber glaubt nicht, dass sie es noch erleben wird, wie sie sich ins Auto setzt, dieses sie selbstständig nach Hause kutschiert während sie Mails bearbeitet. Dann erzählt sie eine Geschichte von einem Test. Da standen zwei Menschen beim Fussgänger-Streifen und haben miteinander geredet. Die Fussgänger wollten die Strasse gar nicht überqueren. Aber das autonome Auto ist einfach stehen geblieben. «Weil es mit den Fussgängern nicht kommunizieren kann. Und zu den technischen Schwierigkeiten wie beispielsweise verschneite Sensoren, die ja in diesem Fall eben nicht funktionieren, kommen noch die rechtlichen Fragen, die ungeklärt sind.» Die Euphorie über das autonome Fahren ist verflogen, auch bei Karin Stüber. Ausserdem fährt sie nicht ungern selber Auto. Natürlich einen Mercedes. Das war nicht immer so. Ihr erstes Auto war ein VW Golf. Damals, als sie in Dublin doktorierte. Denn sie fand es schlicht unpassend, als Studentin mit einem Auto der gehobenen Klasse rumzukurven.

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Autor

François Schmid-Bechtel

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