Unternehmertum

Vom Traum zum grauen Alltag: Firmengründungen boomen – doch viele unterschätzen die Aufbauarbeit

In den Handelsregistern (im Bild das Amt des Kantons Zug) wurden so viele Firmen eingetragen wie noch nie.

In den Handelsregistern (im Bild das Amt des Kantons Zug) wurden so viele Firmen eingetragen wie noch nie.

Das Unternehmertum hat wieder Hochkonjunktur, 2019 wurden so viele Unternehmen gegründet wie noch nie. Doch viele unterschätzen den nötigen Einsatz.

In der Schweiz wurden 2019 so viele Unternehmen gegründet wie noch nie. 44616 neue Handelsregistereinträge weist das Wirtschaftsinformationsunternehmen Bisnode D&B in der ­aktuellen Statistik aus. Das sind 18 Prozent mehr als vor zehn Jahren (siehe Tabelle unten).

Der Gründerboom hat viele Ursachen. Hilfreich ist die stabile Konjunkturlage und vor allem die gute Konsumentenstimmung, die den Schritt in die Selbstständigkeit erleichtert.

Neue Blütezeit fürs Unternehmertum

Das Handelsregister sei zwar nur eine rudimentäre Quelle, weil es als Neugründungen auch Unternehmen ausweist, die bloss ihren Namen oder ihre Rechtsform geändert haben oder gar keine effektive Tätigkeit ent­wickeln, gibt Rolf Meyer von der Fachhochschule Nordwestschweiz zu bedenken. Doch auch für den Professor ist klar, dass das hiesige Unternehmertum eine neue Blütezeit erlebt.

«Viele Neugründungen erfolgen mit einem geringen Kapitaleinsatz. Neue Technologien und Dienstleistungen haben die Schwelle zum Unternehmertum in den vergangenen Jahren deutlich reduziert», sagt Meyer, der selber schon viele Gründer in die Kunst der Unternehmensführung eingeführt hat. Das ­Beratungsunternehmen Startups.ch verspricht ein unkompliziertes und schnelles Prozedere. Wenn alles rund läuft, dauert die Geburt nicht länger als zwei Wochen. Nicht selten erwiesen sich die Jungfirmen als «kleine Goldgruben», preist Start-up-Gründer Michele Blasucci. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

© CH Media

Erhebungen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass jede zweite Neugründung nach fünf Jahren nicht mehr existiert. Die meisten geben freiwillig auf. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Untersuchung des Vermögenszentrums VZ zeigt, weshalb: Der administrative Aufwand ist hoch und der Lohn ist mindestens in den ersten Jahren bescheiden. Und schliesslich wird im Verlauf der Zeit auch die bei Einzelfirmen bestehende persönliche Haftung zum Problem. Der Traum vom Self­made-Millionär bleibt bei den meisten auch dann unerfüllt, wenn sie die ersten fünf Jahre überleben. «Die überwiegende Zahl der Unternehmen wächst auch nach der kritischen Anfangszeit nur sehr langsam weiter, und die meisten bleiben bis zum Ende Mini-Firmen mit maximal fünf Beschäftigten», sagt Meyer.

Diese Aussichten bewegen auch Selfmade-Unternehmer mit durchaus erfolgsversprechenden Ideen, ihre Träume im Zweifelsfall zurückzustellen.

Das gilt auch für Meyers Ex-Studenten Yves Prodorutti und Batu Yilmazer. Die beiden hatten eine zündend einfache Idee, wie sich Türen statt mit der Hand bequem auch mit dem Fuss öffnen lassen. So kann die Übertragung von Keimen und Krankheitserregern in Spitälern und anderen Orten mit besonderen hygienischen Anforderungen verhindert werden. Die Betriebswirtschafter entwickelten in eigener Arbeit ein marktfähiges Produkt, das sie auch patentieren liessen. Vor vier Jahren gründeten sie das Unternehmen Hygienics in Pratteln. Seither ist der Türöffner, der wegen seiner muschelähnlichen Form den Namen «hyShell» trägt, für 159 Franken im Handel erhältlich.

Die Aufbauarbeit beisst sich mit Job und Familie

Prodorutti spricht von einer sehr guten Kundenresonanz, und der 31-Jährige ist hörbar zufrieden. Trotzdem wurden bislang erst 150 Stück verkauft. «Das Marketing erfordert sehr viel Zeit und Einsatz», sagt Prodorutti, der im Hauptjob bei einem Wirtschaftsprüfer arbeitet. «Wir haben bald nach der Firmengründung gemerkt, dass sich der Aufbau von Hygienics mit unseren Jobs und den Ansprüchen unserer Familien zu beissen beginne», erzählt der Basler. So ist auch dieses erfolgsversprechende und sogar preisgekrönte Start-up das geblieben, was es am Anfang war: ein Hobby.

Zwar wollen Prodorutti und der IT-Spezialist Yilmazer im Herbst noch einmal einen Sondereffort leisten, um ihre Firma in Schwung zu bringen. Doch das Beispiel zeigt dennoch, wie sich hinter dem glamourös anmutenden Start-up-Begriff viel grauer Alltag verbirgt.

In der Zeit der grossen Dotcom-Euphorie vor 20 Jahren fand in der Politik und in den Medien eine geradezu «ideologische Überhöhung» der Firmengründer statt, wie der Berner Soziologe Peter Schallberger damals im Rahmen einer Nationalfondsstudie feststellte. Heutzutage wird die Szene nüchterner gesehen, was ihr aber keinen Abbruch tut. Meyer rechnet vor, dass inzwischen rund 170000 Personen oder etwa 4 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in solchen Jungfirmen tätig ist. Damit hat dieses Segment deutlich mehr Arbeitsplätze geschaffen als Grossunternehmen, was vor 20 Jahren noch nicht der Fall gewesen sei.

Autor

Daniel Zulauf

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