Frank Beeck (44) wechselte Mitte 2010 von der Mango-Kette als neuer Verkaufschef zur Charles Vögele Holding in Pfäffikon. Der kotierte Schwyzer Modekonzern meldete im August 2011 einen Reinverlust. Im September trennte sich der Verwaltungsrat nach zweieinhalb Jahren per sofort vom Berner CEO André Maeder und ernannte Beeck zum neuen Chef.

Herr Beeck, Sie sind seit 100 Tagen CEO von Charles Vögele. Wie geht es Ihnen?

Frank Beeck: Ich fühle mich sehr wohl. Ich habe eine tolle Mannschaft, die mitzieht. Ich freue mich auf meine Aufgabe, weil ich die Chancen sehe, die Charles Vögele hat, und ich die Möglichkeit bekommen habe, dieses Unternehmen dorthin zu führen, wo es hingehört.

Nämlich?

Charles Vögele hat das Potenzial, zur Spitzenklasse im europäischen Handel zu gehören. Man muss dieses Potenzial aber heben und die richtigen Stellschrauben drehen.

Eigentlich kamen Sie zum Chefposten wie die Jungfrau zum Kind ...

... Sie haben recht, ich bin nicht angetreten, um CEO zu werden. Ich bin noch ein relativ junger Mann. Aber ich bin ein Handelsexperte mit viel Erfahrung und verfüge über profunde Kenntnisse über den gesamten Wertschöpfungsprozess. Bei Mango war ich als Geschäftsführer für Zentraleuropa sehr erfolgreich. Damit bringe ich das mit, was Charles Vögele heute braucht.

Es war noch André Maeder, der Sie an Bord geholt hat ...

... damit ich mein Know-how einbringe, um das Unternehmen auf die richtige Spur zu bringen. Dass es hier so gekommen ist, wie es gekommen ist, ist ein Fakt. Nun freue ich mich, die neue Herausforderung anzunehmen.

Sie tragen erstmals Verantwortung für eine börsenkotierte Firma. Spüren Sie zusätzlichen Druck?

Den muss man aushalten können. Ohne Druck wird man nicht gefordert, das Maximale rauszuholen. Sicherlich gibt es in einem börsenkotierten Unternehmen mehr Schnittstellen. Aber entscheidend ist, dass man sich nicht von den Hauptaufgaben ablenken lässt und dass wir das Unternehmen erfolgreich aufstellen.

Warum sind Sie just Textilhändler geworden?

Ich habe immer ein Faible für Bekleidung gehabt. Und ich hatte eine hervorragende Möglichkeit für ein Trainee-Programm bei Peek und Cloppenburg, einem alteingesessenen Spezialisten im Bekleidungsgeschäft. Herr Cloppenburg hat meine Begeisterung für Mode zusätzlich verstärkt. Und die Dynamik im Handel hat mich schon früh fasziniert.

Wie lief das Weihnachtsgeschäft?

Auf Stufe Konzern sind wir mit dem Weihnachtsgeschäft grundsätzlich zufrieden. Wobei das Geschäft nicht einfach war ...

... wegen des Wetters?

Ja, es war viel zu warm. Nun hat es viel zu viel Ware im Markt. Zusätzlich spüren wir im Schweizer Markt eine gewisse Verunsicherung und Konsumzurückhaltung. Auch hatten wir nicht jene Gästefrequenz aus dem Ausland wie in früheren Jahren. Sehr zufrieden sind wir mit dem für uns sehr wichtigen deutschen Markt.

Insgesamt?

Ich kann nur sagen, dass wir zufrieden sind. Den konkreten Abschluss präsentieren wir am 6. März.

Der Schweizer Bekleidungsmarkt ist 2010 noch um gut 2 Prozent auf 8,3 Milliarden Franken gewachsen. Wie war 2011?

Der Markt dürfte im einstelligen Bereich geschrumpft sein. Auch 2012 wird sehr anspruchsvoll und wir müssen uns auf einen harten Verdrängungswettbewerb einstellen.

Ist Charles Vögele ein Sanierungsfall?

Es ist kein Geheimnis, dass 2011 für die Firma kein gutes Jahr war. Aber wir sind als Mannschaft angetreten, das Unternehmen zu kehren. Ich glaube, wir haben sehr gute Chancen.

Für welches Zeitfenster ist denn die Marschroute abgesteckt?

Der Verwaltungsrat hat mir das Vertrauen ausgesprochen. Ich kenne die Firma und ihre Probleme. Dadurch haben wir sehr wenig Zeit verlo-
ren. Es gibt nichts Schlimmeres – für alle – als Unsicherheit. Einige Dinge galt es zu korrigieren.

Wo haben Sie angesetzt?

Nummer eins war die klarere Positionierung: Wer ist unser Zielkunde? Für wen stehen wir jeden Morgen auf? Darauf baut man die Marken- und die Marketingstrategie. Zweiter Punkt: In der Technik, namentlich bei der Zentralisierung der Logistik, verfolgten wir einen zu anspruchsvollen Zeitplan – ein, zwei Dinge sind uns auf die Füsse gefallen. Ich entschuldige mich bei allen Kunden, die das versprochene Produkt in den Filialen nicht gefunden haben.

Wie sieht Ihr Zielkunde aus?

Unser Kunde ist 40 plus mit einer starken Gewichtung um die 50. Den haben wir früher sehr gut bedient, der war uns auch treu. Aber auch dieser Kunde hat sich von seinem Lebensgefühl her und seinem Einkaufsverhalten her gewandelt. Der 50-Jährige von heute ist ein anderer als jener vor zehn Jahren. Diesem Kunden bieten wir einen unkomplizierten Zugang zu modischer Kleidung im unteren bis mittleren Preissegment an. Dabei ist das Ambiente freundlich und die Beratung ehrlich und kompetent.

Subjektiv ist Charles Vögele frecher geworden. Welche Werberolle spielen die beiden Cruz-Schwestern und Til Schweiger künftig?

Mit der Dachmarkenkampagne hat André Maeder Charles Vögele entstaubt. Heute verbindet man uns wieder mit Mode. Aber die Identität muss natürlich stimmen.

Die Werbeverträge?

Jener mit Til Schweiger läuft bis Ende 2012. Ob wir mit den Cruz-Schwestern weitermachen, entscheiden wird in den nächsten Wochen.

Wann schreiben Sie wieder schwarze Zahlen?

Wir haben einen Dreijahresplan verabschiedet. 2014 wollen wir auf einer gesunden Basis wieder auf Wachstumskurs sein.

Gilt für die nächsten zwei Jahre ein Investitionsstopp?

Wir konzentrieren uns auf die wichtigsten Massnahmen. Unser Filialnetz analysieren wir kontinuierlich – dies ist ein normaler Prozess im Retailgeschäft. Filialen, die nicht rentabel sind und keine Zukunftsperspektiven haben, werden wir vom Netz nehmen, andernorts aber auch neue Chancen ergreifen.

Wie viele Filialen schliessen Sie?

Von massiven Schliessungen kann ebenso wenig die Rede sein wie von einer Expansion. Wir sind ein Konzern, der dank seiner Grösse in der Beschaffung und den Prozessen Wettbewerbsvorteile hat.

Prüfen Sie strategische Kooperations-Optionen?

Nein, wir haben auch keine Anträge auf dem Tisch.

Wird Grossaktionärin Migros mit mittlerweile 25 Prozent der Stimmen im Verwaltungsrat Einsitz nehmen?

Das müssen Sie die Migros fragen.

Wie kann man Ihre Bekleidungspräferenzen umschreiben?

Ich bin typisch für den Vögele-Kunden: Ich kombiniere wertige Teile mit preisgünstigen, Modisches mit Konservativem. Ich trage sehr gerne ein Sakko und eine Jeans dazu, aber auch Anzüge. Heutzutage ist man nicht mehr auf einen bestimmten Bekleidungsstil festgelegt. Ich kombiniere Kleider von Charles Vögele mit anderen. Es wäre vermessen zu sagen, ein Kunde kaufe zu 100 Prozent nur bei uns ein. Sie wollen ja auch nicht immer im gleichen Restaurant essen, sondern lieben Abwechslung.

Welche Rolle spielt bei Charles Vögele der Preis?

Sicher spielt der Preis eine enorme Rolle. Aber auch, wer über ein kleines Budget verfügt, will gut angezogen sein. Meine Mutter hat immer gesagt: «Junge, wir sind zu arm, um was Schlechtes zu kaufen.» Auch in unserem Segment kann man erwarten, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.