Dottikon
Unternehmer Markus Blocher: «Ich stelle nur Leute ein, die Deutsch können»

Der Zürcher Unternehmer Markus Blocher führt erfolgreich die Firma Dottikon ES. Letztes Jahr, als andere Industriebetriebe Stellen abbauten, schuf er 120 Arbeitsplätze. Wie sieht er den Wirtschaftsstandort Aargau, was empfiehlt er, was würde er ändern?

Mathias Küng
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Markus Blocher auf der Baustelle für ein neues Büro-Laborgebäude auf dem Firmenareal in Dottikon.
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Markus Blocher in der Ems Chemie, Dottikon Markus Blocher in der Ems Chemie, Dottikon Exclusice Synthesis AG, zu den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen des Kantons Aargau. Aufgenommen in den Räumlichkeiten in Dottikon am 30. März 2017.
Markus Blocher
Markus Blocher auf der Baustelle.

Markus Blocher auf der Baustelle für ein neues Büro-Laborgebäude auf dem Firmenareal in Dottikon.

Chris Iseli

Markus Blocher hat die einstige Sprengstofffabrik wieder in die Gewinnzone geführt. Wir treffen ihn in einem nüchtern eingerichteten Sitzungsraum seiner Firma. Draussen vor dem Fenster äsen Rehe friedlich in einem Gehege. Zeit, sie zu beobachten, bleibt im intensiven zweistündigen Gespräch aber keine Sekunde.

Herr Blocher, Sie sind seit 14 Jahren Unternehmer im Aargau. Würden Sie einem andern Unternehmer diesen Standort empfehlen?

Markus Blocher: Wenn er hier etwas entwickeln und produzieren will, könnte ich ihm den Aargau empfehlen. Ich mache hier bei Baugesuchen gute Erfahrungen auf Gemeindeebene und beim Kanton. Natürlich müssen alle Regeln eingehalten werden, aber es herrscht ein konstruktiver Geist. Im Detail kann es hingegen schwierige Situationen geben, aktuell bei Brandschutzvorschriften. Wohlverstanden: Brandschutz ist enorm wichtig. Oft machen wir mehr, als der Gesetzgeber verlangt. Aber es muss Sinn machen. Im Zweifelsfall sollte halt der gesunde Menschenverstand gelten können.

Wovon genau sprechen Sie?

Wir bauen in einem Büro-Laborgebäude einen Schulungsraum und gegenüber einen Aufenthaltsraum mit Küche. Dazu führt eine Feuertreppe. Nun will der Kanton, dass wir nur aus einem Raum eine Tür zur Feuertreppe einbauen, weil sich sonst im Notfall die Menschen aus beiden Räumen auf der Treppe mit der Türe aus dem Aufenthaltsraum behindern könnten. Es wird jedoch nur ein Raum auf einmal genutzt: für Schulung oder Essen, nicht für beides.

Chris Iseli

Was spricht für Sie weiter für den Standort Aargau, oder wo würden Sie nachbessern?

Ich führe Dottikon ES seit 14 Jahren. Seither wurden im Kanton Aargau die Unternehmenssteuern minim gesenkt, dafür wurden Abgaben erhöht. Die Regulierungsdichte hat zugenommen, und wir stehen vor immer mehr bürokratischen Hindernissen. Die Standortvorteile, die die Schweiz und der Aargau gegenüber dem Ausland hatten, sind zwar noch da. Doch die Differenz ist deutlich kleiner, weil die hiesigen Bedingungen verschlechtert wurden.

Vor Ihnen liegt der «Prospectus» der seinerzeitigen Sprengstofffabrik von 1913. Warum? Waren die Rahmenbedingungen damals besser?

Die Gründer der Sprengstofffabrik haben seinerzeit eine sehr weitsichtige Standortanalyse gemacht. Dottikon liegt nahe an Zentren wie Zürich, ist mit der Bahn erschlossen. Heute kommen Autobahn- und Flughafennähe sowie ein grosses Einzugsgebiet für qualifizierte Arbeitskräfte dazu. Schon damals nannten sie «Bodenpreise, Arbeiter- und Steuerverhältnisse» als wichtige Kriterien.

Und die Menschen selbst?

Die Region ist ländlich geprägt. Die Menschen hier stehen mit beiden Füssen auf dem Boden, sind pflichtbewusst und verlässlich.

Zur Person

Markus Blocher (46) hat Chemie studiert und führt seit 2003 das Chemieunternehmen Dottikon ES. Er ist dessen Mehrheitsaktionär und seit 2012 auch Verwaltungsratspräsident. Er ist der Sohn des SVP-Doyens und früheren Bundesrats Christoph Blocher. Mit seiner Frau und den sieben Kindern lebt er am Zürichsee im Kanton Schwyz.

Sein Unternehmen stellt Veredelungschemikalien, Zwischenprodukte und Wirkstoffe für die chemische und pharmazeutische Industrie her und bietet über 565 Arbeitsplätze. Es erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2015/16 einen Nettoumsatz von 121,4 Millionen Franken und einen Reingewinn von 14,3 Millionen Franken. Es ist im ersten Geschäftshalbjahr 2016/17 im Nettoumsatz rein organisch um 56 Prozent gewachsen.

Sie haben etliche Vorteile aufgezählt. Sehen Sie auch Nachteile?

Der Kanton und viele Gemeinden haben keine langfristige Strategie, wie sie mit dem starken Zuzug gerade aus Zürich umgehen. Es entstand raumplanerischer Wildwuchs, die Infrastruktur hinkt hinterher. Um attraktiv zu bleiben, ist es ganz wichtig, dass die Menschen hier nicht im Stau stehen wie in Zürich. Es braucht mehr Strassen.

Auch im Aargau wird der Raum aber immer knapper.

Ich weiss, viele wollen das nicht hören. Aber wenn fast alle mit dem Auto unterwegs sind, braucht es offene Achsen. Hoffentlich machen Aargauer Städte nicht denselben Fehler wie Zürich und eliminieren Parkplätze! Apropos verdichtetes Bauen: Wo es nicht stört, sollte man die Industrie in die Höhe bauen lassen.

Chris Iseli

Ratings besagen, der Aargau brauche mehr hoch qualifizierte Leute. Finden Sie diese für Ihre Firma?

Man muss immer fragen, welche Kriterien für solche Ratings gelten. Ich brauche Chemie-/Pharmatechnologen, Laboranten, Chemiker, Chemieingenieure und Maschinen-/Verfahrensingenieure. Bei uns gibt es Forschung, Entwicklung und Produktion an einem Ort. Das ist spannend. Deshalb finde ich die Topleute, die ich brauche. Ohne sie könnten wir nicht das Wachstum ausweisen, das wir haben. Es sind die Mitarbeiter, die das bewirken. Einen Engpass gibt es aber bei den Chemie-/Pharmatechnologen.

Und wie lösen Sie das?

Da bieten wir eine Umschulung zum chemischen Operator an, z. B. für Maschinenmechaniker, Automechaniker oder Bäcker. Wir unterstützen aktiv auch den Vorstoss der Berufsschule zur Schaffung der Chemie-/Pharmapraktikerlehre.

Finden Sie denn die nötigen Spezialisten hier, oder holen Sie viele aus dem Ausland?

Ich finde sie im ganzen deutschsprachigen Raum, mehrheitlich Schweizer. Ich stelle nur Leute ein, die Deutsch verstehen und sprechen – sei es Walliser- oder Plattdeutsch. Man muss sich untereinander verstehen können, und hier sprechen wir Deutsch. Natürlich muss jemand mit Kundenkontakt auch Englisch können. Ich finde es aber absurd, wenn in einem Schweizer Unternehmen ein ganzes Team Englisch spricht, bloss weil man einen Vorgesetzten eingestellt hat, der nicht Deutsch kann. Auch einem Amerikaner tut es gut, mit Deutsch die hiesige Mentalität und Kultur kennen zu lernen.

Chris Iseli

Arbeitgeber klagen oft, Lehrlinge brächten von der Grundschule zu wenig mit. Und Sie?

Das Problem besteht leider. Die Schule versucht mit grossem Aufwand, schulisch Schwächere zu integrieren, statt zu lehren und zu unterrichten. In der Primarschule muss man doch Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Für Fremdsprachen ist es da noch zu früh, zumal der Nutzen nach neusten Studien sehr beschränkt ist. Die Kinder sollen vorerst richtig Deutsch lernen.

Sie polemisieren. Wenn das so wäre, wäre die Schweiz längst nicht mehr so erfolgreich, wie sie ist.

Die Schweiz war und ist so erfolgreich, gerade weil wir bisher die Schulausbildung aufgeteilt hatten. Jedem Schüler wurde in der adäquaten Kategorie mit einem an seine Fähigkeiten angepassten Unterricht etwas beigebracht. Wenn die Starken gefordert und gefördert werden, entsteht Mehrwert, welcher es erlaubt, auch die Schwächeren zu integrieren und zu fördern. Die «soziale» Einheitsbrei-Nivellierung nach unten ist der falsche Ansatz. Da halte ich es mit Darwin.

Auch dazu gibt es natürlich ganz andere Auffassungen. Doch noch zu den Frühfremdsprachen. Wann sähen Sie denn die erste – und welche?

In der Oberstufe. Die erste Fremdsprache sollte eine Landessprache sein, damit wir uns gegenseitig verständigen können und so die jeweilige Kultur kennen lernen. Das ist wichtig für den Zusammenhalt. Englisch kann später dazukommen. Das lernen die Kinder aber sowieso. Zentral sind Mathematik und Naturwissenschaften. Schauen Sie, was in den USA im Biotech Valley, im Silicon Valley zählt: Dort haben nicht Sprach- und Heilpädagogen Konjunktur, sondern Naturwissenschafter, Ingenieure, Informatiker. Das zählt, wenn wir vorne dabei bleiben wollen. Es wäre eine Chance für den Aargau, mehr solche Leute auszubilden.

Indem er was täte?

Indem er in Gymnasien mehr Mathematik und Naturwissenschaften anbietet und noch mehr Sorgfalt auf eine solide Berufsbildung legt, kombiniert mit starkem Praxisbezug. Und die Ausbildung nicht verbürokratisiert!

Chris Iseli

Wie sehen Sie die Zukunft der Industrie in unserem Hochpreisland?

Innovation entsteht dort, wo entwickelt und produziert wird. Aus Abweichungen in der Produktion entstehen Ideen für Verbesserungen. Stets nur Hochwertiges zu erfinden und dann immer in einem Billiglohnland zu produzieren, funktioniert langfristig nicht. Zukunft hat, wer etwas Neues entwickelt und mit hoher Qualität produziert, was andere nicht können, aber brauchen. Das geht aber nur mit hervorragend ausgebildeten und motivierten Leuten.

Dottikon ES hat ein sehr gutes Jahr hinter sich. Wie sieht es arbeitsplatzmässig aus?

Wir konnten in den vergangenen Jahren netto über 120 Arbeitsplätze aufbauen. Derzeit suchen wir über 50 zusätzliche Mitarbeitende.

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