Interview

Unia-Chefin: «Mit Pandemie-Massnahmen macht man keine Politik»

Fordert besseren Schutz der Arbeitnehmer vor dem Virus: Vania Alleva, Chefin der Gewerkschaft Unia

Fordert besseren Schutz der Arbeitnehmer vor dem Virus: Vania Alleva, Chefin der Gewerkschaft Unia

Unia-Chefin Vania Alleva stellt sich gegen Forderung der Arbeitgeber, den Lockdown schneller aufzuheben. Die Ladenöffnungszeiten zu deregulieren, nennt sie eine Forderung von Menschen, die bequem im Homeoffice sitzen.

Frau Alleva, warum wollen Sie den Lockdown der Wirtschaft nicht schneller verlassen?

Vania Alleva: Wir sind froh, dass der Bundesrat dem Druck der Wirtschaft nicht nachgegeben hat. Wir halten das aktuelle Tempo für vernünftig. Schaut man sich in Europa um, dann hat der Bundesrat einen Mittelweg gefunden.

Schneller ist nicht besser?

Alle wünschen sich eine rasche Rückkehr zur Normalität. Aber wir sind keine Epidemiologen. Über Pandemiemassnahmen soll der Bundesrat entscheiden. Damit macht man keine Politik. Das sollte auch die Wirtschaft akzeptieren.

Macht der Bundesrat alles richtig?

Nach wie vor wird nicht genug getan, die beschlossenen Massnahmen an den Arbeitsplätzen durchzusetzen. Der Bundesrat gibt Regeln vor. Aber anschliessend schaut er nicht, ob diese eingehalten werden. Das gefährdet die Arbeitnehmenden.

Für die Baubranche hat die Unfallversicherungsanstalt Suva vermeldet, 1900 Betriebe kontrolliert zu haben. Reicht das nicht?

Es gibt konservativ gerechnet mehr als 30000 Baustellen. Und befragt werden oft nur die Vorgesetzten, nicht die Beschäftigten. Die Suva hat viel zu wenig Ressourcen. Nein, das reicht nicht.

Ist es nicht unverhältnismässig, mehr Kontrollen zu verlangen?

Es ist mehr möglich und erforderlich. Wir sind bereit mitzuhelfen, um den Mehraufwand zu stemmen. Die Behörden müssen rasch viel besser werden.

Wie bewerten Sie generell den Schutz der Arbeitnehmer?

Es hat sich viel getan. Etwa im Detailhandel, wo Kassiererinnen mit Plexiglas-Scheiben geschützt sind. Aber es braucht eindeutig mehr.

Dennoch hat der Bundesrat dazu diese Woche nichts Neues bekannt gegeben. Ihr Urteil dazu?

Ich bin enttäuscht. Aber ich anerkenne auch die Fortschritte auf anderen Feldern. So ist nun der Schutz von besonders gefährdeten Arbeitnehmenden wieder verbessert. Und kleine Selbstständige, wie etwa Taxifahrer können jetzt auch Taggelder beantragen.

Die Arbeitslosenzahlen steigen. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Nicht nur die Arbeitslosenzahlen steigen. Auch die Sozialhilfe verzeichnet einen starken Anstieg von Anträgen. Das zeigt, dass wir noch immer grosse Lücken haben im Rettungsnetz.

Warum gehen mehr Menschen zur Sozialhilfe?

Wir gehen davon aus, dass es sich dabei unter anderem um Temporärangestellte oder Hausangestellte handelt.

Neu dürfen die Arbeitgeber aber auch für sie Kurzarbeit beantragen.

Ja, für Temporärangestellte, aber offensichtlich ist es für Personalverleiher billiger, sie einfach zu entlassen. Temporärangestellte haben sehr kurze Kündigungsfristen, die Arbeitgeber können sie innert Tagen entlassen. Viele haben dann keinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung. Solche Menschen landen oft direkt auf der Sozialhilfe.

Bessert sich die Lage dank der Lockerungen bald für die Arbeitnehmer?

Alle Prognosen rechnen mit einem schweren wirtschaftlichen Einbruch. Daher braucht es weitere Massnahmen.

Kritiker sagen, die Staatsgläubigkeit erreiche neue Dimensionen.

Das sind Ideologen. Gefragt sind jetzt Vernunft und Solidarität. Der Staat muss sicherstellen, dass Unternehmen, die Kurzarbeit oder staatliche garantierte Kredite beziehen, keine Mitarbeiter entlassen. Und er muss die Kaufkraft dort stärken, wo das Geld auch wieder ausgegeben wird. Arbeitnehmende mit einem Nettoeinkommen von bis zu 5000 Franken müssen den vollen Lohn ausbezahlt erhalten via Kurzarbeitsentschädigung und nicht nur 80 Prozent. Können Familien die Krankenkassenprämien nicht mehr zahlen, sollte der Bund einspringen.

Wer soll das alles zahlen?

Es ist gut investiertes Geld. Die Schweiz wird so besser durch die Krise kommen.

Von Seiten der Denkfabrik Avenir Suisse werden Deregulierungen gefordert, etwa der Arbeitszeiten. Wenn Supermärkte sieben Tage die Woche offen hätten, würde sich der Kundenandrang zeitlich besser verteilen. Bieten Sie da Hand?

Mit anderen Worten: jene Leute sollen mehr arbeiten und zu unregelmässigeren Zeiten, die heute inmitten der Coronakrise an der Front unsere Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen. Gefordert wird dies von Leuten, die bequem im sicheren Homeoffice sitzen. Es gibt überhaupt keinen Grund für Deregulierungen. Wenn die Betriebe zu viel Arbeit haben, sollen sie neue Mitarbeiter anstellen. Wenn nötig müssen Arbeitnehmer umgeschult werden.

Meistgesehen

Artboard 1