Ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub ist eigentlich kaum mehr zu verhindern. Der Ständerat hat sich bereits dafür ausgesprochen. Im Herbst zieht voraussichtlich der Nationalrat nach. Dennoch forderte der Industrieverband Swissmem diese Woche an einer Pressekonferenz: Auf einen staatlichen Vaterschaftsurlaub sei zu verzichten. «Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ist gefährdet.»

Die schweizerischen Lohnnebenkosten seien bereits die zweithöchsten der Welt, sagt der grösste Industrieverband des Landes. Rechne man die Löhne dazu, habe die Schweiz weltweit die höchsten Lohnkosten. Eine weitere Erhöhung sei deshalb abzulehnen, so der neue Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher. «Auf einen Ausbau des Sozialstaates muss verzichtet werden, auch auf den Vaterschaftsurlaub.» Damit erklärt Swissmem den Vaterschaftsurlaub zur Gefahr für industrielle Betriebe, zugleich zum Risiko für Arbeitsplätze – zum Jobkiller.

Der Verband stellt sich so gegen einen Trend, den internationale Konzerne prägen. Novartis, Google oder Johnson&Johnson lieferten sich einen Wettstreit, wer am meisten Tage freiwilligen Vaterschaftsurlaub bietet. Microsoft oder Ikea zogen mit. Dass Swissmem sich gerade in dieser Woche nochmals lautstark gegen einen Vaterschaftsurlaub stellt – das begründet der Verband mit den wirtschaftlichen Aussichten. Diese seien «besorgniserregend». Die Industrie könne in den nächsten Monaten von einem Doppelschlag getroffen werden: Eine weltweite Rezession lässt die Aufträge wegbrechen und eine neuerliche Euroschwäche die Margen. Bereits heute gehe es in diese Richtung: Der Franken hat sich aufgewertet; es gehen weniger Aufträge ein.

Der Doppelschlag träfe eine Industrie, die ohnehin auf wackligen Füssen steht. Seit die Nationalbank den Mindestkurs aufhob, weist über ein Drittel aller Betriebe zu geringe Margen auf, selbst in guten Jahren. Das zeigen Umfragen von Swissmem. Es fehlt an Geld für neue Maschinen und Innovationen. Somit hält Swissmem den Vaterschaftsurlaub für untragbar. Doch wie schwer diese Bürde genau wiegt für einen typischen Swissmem-Betrieb, dazu legte der Verband keine Zahlen vor.

Auf Anfrage heisst es, dazu könne man keine Aussage machen. Es seien noch verschiedene Varianten im Gespräch. Man betont: «Wir wehren uns gegen einen Ausbau des Sozialstaates.»

Das Staunen aufseiten der Gewerkschaften

Zahlen haben die Gewerkschaften. Nach der Pressekonferenz von Swissmem war auf ihrer Seite das Erstaunen gross. Nach Berechnungen der Syna müsste ein typischer Betrieb nämlich nicht mehr zahlen als heute. Er würde gar ein wenig entlastet, wenn sich im Parlament ein zweiwöchiger Vaterschaftsurlaub durchsetzt, finanziert via Staat.

Der Grund: Die Swissmem-Betriebe haben schon einen Vaterschaftsurlaub. Im Gesamtarbeitsvertrag gelten heute fünf Arbeitstage. Bezahlt wird dies voll von den Arbeitgebern. Pro Jahr sind das rund 9,8 Millionen Franken – oder 0,3 Prozent der Lohnsumme der gesamten Branche. Die Rechnung sähe anders aus, wenn die Vorlage des Ständerats durchkäme. Dann würde in der ganzen Schweiz ein Vaterschaftsurlaub gelten, der zehn Arbeitstage dauert.

Die Kosten werden hälftig zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgeteilt, wobei alle Arbeitnehmer zahlen: Männer und Frauen in allen Branchen. Dadurch würden die Swissmem-Betriebe im Vergleich zu heute finanziell entlastet – sagen zumindest die Gewerkschaften.

Das dritte Jahr in Folge mit sinkenden Reallöhnen

«Ein gesetzlicher Vaterschaftsurlaub von zehn Tagen würde die Arbeitgeber der ganzen Branche sogar etwas weniger kosten als die heutige Fünf-Tage-Lösung im Gesamtarbeitsvertrag», so Syna-Chef Arno Kerst.

Er könne sich nicht erklären, warum Swissmem sich neuerdings so grundsätzlich gegen den Vaterschaftsurlaub stelle. Zuvor habe man sich Mühe gegeben, als moderne Arbeitgeber zu agieren, auch um dem Mangel an Fachkräften zu begegnen. «Dazu passt dieser Vorstoss nicht.» In der Schweiz geht die Angst vor einer Rezession um. Die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern werden schärfer. Zumal die Schweiz bereits zwei Jahre hinter sich hat, in denen die Löhne real sanken.

Die Arbeitnehmer konnten sich für ihren Lohn weniger kaufen. Gemäss Prognose des Bundesamts für Statistik wird 2019 gar das dritte Jahre in Folge werden mit fallenden Reallöhnen. Ob es tatsächlich zu einer Rezession kommt, ist unklar. In Deutschland ist die Wirtschaft zwar zuletzt geschrumpft. In der Schweiz aber wird bloss mit schwächerem Wachstum gerechnet. Global ist die Nervosität vor allem darum gross, weil der Spielraum der Zentralbanken als gering gilt. Normalerweise stützen sie die Konjunktur, indem sie die Zinsen markant senken. Doch in den USA sind die Zinsen bereits tief, in der Eurozone negativ.