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Schwierige Besitzstandswahrung: Roche sucht neue Wege zum Erfolg und investiert mehr denn je in die Forschung

Revolutionäre Krebstherapien aus den 1990er Jahren haben den Konzern reich gemacht. Jetzt muss er vieles frisch erfinden.

Daniel Zulauf
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Den Umsatzrekord verdankt Roche insbesondere der Diagnostiksparte. Im Bild der Hauptsitz von Roche Diagnostics im Zugerischen Rotkreuz.

Den Umsatzrekord verdankt Roche insbesondere der Diagnostiksparte. Im Bild der Hauptsitz von Roche Diagnostics im Zugerischen Rotkreuz.

Urs Flueeler / KEYSTONE

«AHR» ist offenbar ein stehender Begriff in der Konzernsprache von Roche. Er dürfte bald Geschichte sein, wie Pharmachef William Anderson anlässlich der Bilanzpräsentation im Gespräch mit Journalisten durchblicken liess. Das Kürzel steht für Avastin, Herceptin und Rituxan. Das sind revolutionäre Krebstherapien, die in den 1990er Jahren in den Labors der kalifornischen Biotechpionierin Genentech entwickelt wurden.

Umsatzeinbussen von zwölf Milliarden Franken ausgeglichen

Sie haben Roche während mehr als 20 Jahren beispiellose Erfolge gebracht. Noch 2016 hatten die Therapien mit Gesamtverkäufen von über 20 Milliarden Franken 40 Prozent des gesamten Roche-Umsatzes verantwortet. Im vergangenen Jahr waren es noch 8,3 Milliarden Franken bzw. 13 Prozent und im kommenden Jahr dürfte der Anteil nach einer Schätzung von Anderson auf unter 10 Prozent fallen.

Hersteller von Nachahmermedikamenten haben die Rezepte übernommen und verkaufen die Medikamente jetzt 30 Prozent billiger als Roche dies tat. Ende Jahr hat die Novartis-Tochter Sandoz in den USA die Zulassung zum Verkauf einer Herceptin-Kopie erhalten, nachdem die Firma schon 2017 ein Rituxan-Doppel auf den Markt gebracht hatte. Unternehmen wie Sandoz sehen im Markt mit den sogenannten Biosimilars ein grosses Potenzial. Das ist nicht zuletzt der Grund dafür, dass Investmentgesellschaft bei Novartis Schlange stehen um Sandoz zu übernehmen.

Über sechs Milliarden Zusatzeinnahmen mit Covid-Produkten

«Roche »hat im vergangenen Jahr 4,5 Milliarden Umsatz durch diese Konkurrenz verloren. Dass die Verkäufe das Vorjahresniveau trotzdem um 4,6 Milliarden Franken oder um acht Prozent übertrafen und mit 62,8 Milliarden Franken sogar einen Rekordwert erreichten, verdankt der Konzern in erster Linie seinen Leistungen in der globalen Pandemiebekämpfung.

Allein die Diagnostiksparte erzielte mit ihren Covid-Tests einen Mehrumsatz von 4,7 Milliarden Franken. Dazu kamen die Verkäufe von Ronapreve, einem antikörperbasierten Medikament gegen Covid-19, das 1,6 Milliarden Franken in die Roche-Kasse spülte. Weitere 800 Millionen Franken Mehrumsatz kam von Ocrevus, einer Therapie zur Behandlung von Multipler Sklerose hinzu.

Flache Umsatzkurve erwart

Dieses Bild dürfte sich nach Einschätzung des Roche-Managements auch im laufenden Jahr nicht grundlegend ändern. Von den drei alternden Umsatzrennern werden weitere Einnahmenverluste in Höhe von 2,5 Milliarden Franken erwartet, während der Konzern für die Covid-Tests und Ronapreve im laufenden Jahr noch einmal rund fünf Milliarden Einnahmen budgetiert. Auch für Ocrevus wird eine weiter steigende Nachfrage erwartet.

Summa summarum plant Roche für 2022 einen stabilen oder leicht steigenden Umsatz im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Gemessen am erwarteten Wachstum des globalen Pharmamarktes ist dies für die erfolgsverwöhnte Roche eine eher ernüchternde Perspektive. Doch mit Blick auf die herausforderungsreichen Umstände wäre ein leichtes Umsatzwachstum allerdings kein schlechtes Ergebnis. Die Investoren reagierten entsprechend: Die Roche-Genussscheine tauchten an der Börse am Donnerstag um rund drei Prozent auf unter 350 Franken, nachdem sie Ende Jahr noch ein Allzeithoch von 382 Franken erklommen hatten.

Zurückhaltende Anleger

Ob die Zurückhaltung der Anleger nur von kurzer Dauer ist, wird sich weisen. Klar scheint, dass Roche in den kommenden Jahren gezwungen ist schneller am Rad zu drehen als bisher, um den Besitzstand aus den fetten Jahren zu erhalten. Dass die Firma gewillt ist, zeigt sich am Umstand, dass sie mehr den je in Forschung und Entwicklung investiert. 2021 waren es 13,7 Milliarden Franken, 14 Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als jeder andere grosse Pharmakonzern der Welt, wie Finanzchef Alan Hippe betonte.

Nicht weniger als 16 neue Medikamente befinden sich im letzten Entwicklungsstadium und auch in der Diagnostiksparte werden Produktinnovationen ganz gross geschrieben. Die intensive Suche nach neuen Medikamenten ist allerdings ein Phänomen, das in der ganzen Pharmabranche zu beobachten ist. Das Innovationstempo in der Industrie hat offensichtlich stark zugenommen.

Die Pandemie hat dazu ihren Beitrag geleistet. So wurde Ronapreve in einer absoluten Rekordzeit von nur zwei Jahren entwickelt, erprobt, behördlich geprüft und in den Verkauf gebracht. Dabei handelt es sich zwar um ein extremes Beispiel aber es ist unbestritten, dass das Tempo in der Medikamentenforschung markant zunimmt, weil eben auch die Halbwertszeiten des Patentschutzes kürzer werden.

Mehr Dividenden und mehr Lohn für CEO Severin Schwan

Roche profitierte längere Zeit davon, dass die biologische Medikamente wie die AHR-Franchisen schwieriger zu kopieren sind als chemische Pillen. Diesen natürlichen Konkurrenzschutz haben die Basler nun offensichtlich verloren. Ein Zeichen dafür ist auch der Umstand, dass der Konzern einen im Vorjahresvergleich drei Prozent tieferen Gewinn von knapp 14 Milliarden Franken hinnehmen musste. Den Aktionären winkt dennoch eine kleine Erhöhung der Dividende auf 9,2 Franken pro Titel (+2 Prozent). Auch Konzernchef Severin Schwan kann die Corona-Delle in seinem Jahresgehalt mit einem Zustupf um 500'000 Franken auf 11,5 Millionen Franken wieder ausgleichen.

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