Tourismus

Schweizer Hoteliers auf den Kapverden: «Samih Sawiris ist ein Vorbild für uns»

Samuel Vörös (l.) und Dominik Grossenbacher führen 26 Betriebe in der Schweiz und neuerdings ein Resort auf den Kapverden.

Samuel Vörös (l.) und Dominik Grossenbacher führen 26 Betriebe in der Schweiz und neuerdings ein Resort auf den Kapverden.

Dominik Grossenbacher und Samuel Vörös führen in der Schweiz 26 Hotels und Gastronomiebetriebe und ein Ferienresort auf den Kapverdischen Inseln. Sie sagen: Reisen ist moralisch richtig.

Die beiden Zentralschweizer Gastronomen und Hoteliers führen in der Schweiz mehrere Betriebe von St. Gallen bis ins Tessin oder sind an ihnen beteiligt. Seit letztem Jahr betreiben sie zudem ein Resort auf den Kapverden. Im Interview erklären sie, auf welche Schwierigkeiten sie gestossen sind und warum sich Schweizer trotz Corona in das Flugzeug setzen sollten.

Die Pandemie trifft die Hotellerie hart. Wie stehen Sie die Krise durch?

Samuel Vörös: In unseren Schweizer Betrieben ist das finanzielle Debakel gross. Dort haben wir sehr hohe Fixkosten. Wir setzen auf Kurzarbeit und haben ebenfalls Notkredite aufgenommen. In unserem Betrieb auf den Kapverden ist das finanzielle Loch ebenfalls gross, denn die gesamte Anlage blieb über ein halbes Jahr lang geschlossen und wir können keinen Cash-Flow für Investitionen erarbeiten. Das Projekt ist aber sowieso langfristig angelegt.

Mitte November haben Sie ihr «King Fisher Village» auf der Insel Santiago wiedereröffnet. Sind überhaupt Gäste da?

Dominik Grossenbacher: Bereits am ersten Wochenende hatten wir 12 Gäste – Einheimische aus der gehobenen Mittelschicht, aber auch eine Botschafterin. Dazu kommen Mitarbeiter aus unseren Schweizer Partnerbetrieben, die aufgrund der Kurzarbeit zu Hause nichts zu tun haben. Wir schalten jetzt auch wieder Werbung, denn der Winter ist unsere Hauptsaison.

Schweizer Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Gibt es das auch auf den Kapverden?

V.: Der Staat hat Massnahmen getroffen, die unseren verblüffend ähneln: Es gibt unkomplizierte Kredite, Kurzarbeit und verstärkte Sozialhilfe. Bei der Kurzarbeit übernehmen der Staat, der Betrieb und die Mitarbeiter je einen Drittel der Ausfälle.

Reichen diese Massnahmen aus?

G: Die Menschen hier sind viel stärker von den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise betroffen als in der Schweiz. Sie sind sozial deutlich schlechter abgesichert. Weil die Menschen schon unter normalen Umständen am Existenzminimum leben, reichen die Massnahmen nicht aus. Eine gewisse Grundfröhlichkeit der Menschen ist glücklicherweise geblieben – genauso wie die friedliche Stimmung. Das ist angesichts der wirtschaftlichen Misere nicht selbstverständlich. Wir haben auch darum wieder geöffnet, um Arbeit zu schaffen und Leben zurückzubringen.

Erst vor kurzem änderte die Schweiz ihre Risikoliste. Bei der Rückkehr aus den meisten Ländern ist seither keine Quarantäne mehr nötig. Wie hat sich das ausgewirkt?

V.: Wir haben erst mit der Änderung dieser Liste entschlossen, wieder zu öffnen. Vorher hätte es keinen Sinn gehabt. Momentan haben wir noch sehr wenige Buchungen. Wir sind aber zuversichtlich: Es gibt hier unendlich viel Platz, die Sonne scheint den ganzen Tag und das Wasser und die Luft sind um die 25 Grad warm. Es wird auch Schweizer geben, die für einen Tapetenwechsel hierherkommen. Dank Internet lässt sich ja Homeoffice auch von hier aus betreiben.

Es tobt eine grosse Diskussion um die Frage, ob es überhaupt opportun ist, zu reisen. Die Behörden raten, zu Hause zu bleiben und so wenige Menschen wie möglich zu treffen. Ist es überhaupt moralisch vertretbar, jetzt auf die Kapverden zu fliegen?

G: Den Menschen hier geht es ohne den Tourismus um die Frage, ob ihr Teller voll oder leer ist. Sie wollen und müssen arbeiten. Was das Klima betrifft: Auf die Kapverden kommt man nur mit dem Flugzeug, auch wenn wir viel näher als Südamerika oder Asien sind. Wir planen aber gerade die Installation einer Komplett-Solaranlage, damit das Hotel autark betrieben werden kann. Wir züchten selber Früchte, Gemüse und Kräuter und verarbeiten grösstenteils lokale Produkte.

Wie verhindern sie Corona-Infektionen?

V: Ein Betrieb muss sich hier zertifizieren lassen, bevor er überhaupt öffnen darf. Ich würde sagen, dass die Massnahmen eins zu eins mit der Schweiz vergleichbar sind, auch was die Disziplin bei der Umsetzung betrifft. Einen Unterschied gibt es aber: Es gibt hier einfach viel weniger Menschen und deshalb ein viel geringeres Risiko. Der Abstand kann immer eingehalten werden.

Wie schnell wird sich der Tourismus wieder erholen? Wie verhalten sich die Gäste aus der Schweiz?

G: Die Flugzeuge sind voll! Bisher waren alle Flüge auf die Kapverden ausgebucht, das erstaunt uns sehr. Wir sehen einen klaren Trend bei allen Ländern: Sobald das Reisen wieder erlaubt respektive ohne Quarantäne möglich ist, zieht die Nachfrage an. Kap Verde ist allerdings nicht Kap Verde.

Wie meinen Sie das?

V: Es gibt zwei Inseln für den Massentourismus, Sal und Boa Vista. Dort gibt es endlose, riesige Hotelkomplexe. Ohne Vorbuchung gelangt ein Gast dort nicht einmal zur Rezeption. Die anderen Inseln werden viel weniger touristisch genutzt. Hier stehen Wandern, Surfen oder Tauchen im Zentrum. Wir auf der Hauptinsel Santiago sind vor allem für diese Gäste attraktiv. Diese Kundengruppe ist sich das Reisen eher gewohnt und kann das Risiko besser abschätzen. Sie wird schneller wiederkommen.

Wie wichtig sind die Schweizer Gäste?

G: Das Geschäft funktioniert grösstenteils mit Incoming-Agenturen. Die deutschsprachigen Agenturen senden ihre Gäste eher an die deutsch geführten Hotels, die französischen zu ihren Landsleuten. Etwa 80 Prozent der Gäste kommen aus Europa und davon etwa jeder fünfte aus der Schweiz. Schweizer Gäste sind also sehr wichtig.

Sie haben ihr Resort mithilfe eines Investors gekauft und modernisiert. Auf welche Schwierigkeiten sind sie dabei gestossen?

V: Interessant ist eher, auf welche Schwierigkeit wir nicht einmal im Ansatz gestossen sind: Korruption. Das hat uns überrascht, auch wenn wir gut informiert waren. Daneben sind die Menschen überall gleich, bei allen kulturellen Unterschieden ähneln sich die Sorgen und Probleme. Der Bau war nicht einfach und wir haben einiges mehr ausgegeben als geplant, aber dieses Problem kennt man ja auch aus der Schweiz.

Wie geht es nun weiter?

G: Zusätzlich zur Solaranlage planen wir eine Desalinationsanlage fürs Wasser, um die Ressourcen zu schonen. Zudem planen wir eine Ausbildungsplattform für die Hotellerie und Gastronomie. Ein Austausch mit der Schweiz wäre spannend.

Was sind die grössten Unterschiede zur Schweiz?

V: Der kulturelle Unterschied ist schon gross. Man spürt hier allerdings die friedliche Loslösung von Portugal. Die Gesetze sind angeglichen und die Währung an den Euro gebunden. Einzig der Dienstleistungsgrad erfordert viel Schulung. Dafür haben wir immer vier bis fünf Mitarbeitende aus der Schweiz vor Ort – die ebenfalls viel profitieren können. Hier gibt es zudem weder Kino, Theater, McDonald’s noch H&M. In den Ferien fehlt aber weder das eine noch das andere.

Werden sie als Schweizer auf den Kapverden anders behandelt?

G: Natürlich. Die koloniale Geschichte ist präsent, wenn auch mit weniger verbrannter Erde als anderswo. Es gibt viele Vorurteile, aber grundsätzlich funktioniert das Zusammenleben gut. Wir sind nicht die ganze Zeit vor Ort, es gibt aber einige Schweizer, die seit vielen Jahren hier sind und Familie haben. Daneben sind wir einer der wichtigsten Arbeitgeber im Dorf. Es spielt eine Rolle, wenn wir die Zimmerzahl erhöhen, bauen oder ein Restaurant eröffnen. Das allerdings hat mit den Kapverden wenig zu tun, für Andermatt ist Samih Sawiris ebenso ein Hoffnungsträger wie wir.

Sehen Sie sich als Samih Sawiris der Kapverden?

V: Natürlich investiert er auf einem ungleich höheren Niveau. Er ist aber, was die Beziehung zu den Menschen vor Ort betrifft, ein Vorbild: Wir versuchen, uns nicht kolonial zu verhalten, also von oben herab, sondern gemeinsam ein Projekt auf die Beine zu stellen.

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