Glace-Konsum

Schweizer greifen immer weniger oft zum «Stängeli»

Die Lust auf Glace häng stark vom Wetter ab.

Die Lust auf Glace häng stark vom Wetter ab.

In der Schweiz sinkt der Glace-Konsum kontinuierlich. Daran ist nicht nur das Wetter schuld. Auch neue Konkurrenz und veränderte Ess-Gewohnheiten spielen eine Rolle.

Manche knabbern zuerst an der Glasur, manche beissen sie stückweise ab, manche lassen sie im Mund schmelzen. Jeder hat so seine eigene Verzehr-Taktik, wenn es um sie geht: die Glace.

Doch offenbar greifen die Schweizerinnen und Schweizer immer seltener zum «Stängeli» in der Tiefkühltruhe, wie die aktuellen Zahlen des Verbands Schweizerischer Glaceproduzenten Glacesuisse zeigen. Im vergangenen Jahr wurden 42,9 Millionen Liter industriell hergestelltes Eis «verschmaust». 2013 waren es rund eineinhalb Prozent mehr, nämlich 43,5 Millionen Liter.

Das sind die Glacetrends des Sommers 2015.

Das sind die Glacetrends des Sommers 2015

Das Sauerrahmglace ist der absolute Knüller bei Glaceliebhabern. Wer es eher speziell mag, wählt ein Wasabi-Glace. Fleisch und Fisch-Glaces sind für den Glaceproduzenten Tabu.

Der Rückgang betrifft aber nicht nur die letzten beiden Jahre. Seit dem Rekordsommer 2003, in dem 55,5 Millionen Liter Eis verzehrt wurden, sinkt der Glacekonsum kontinuierlich. Warum ist das so? Zum einen ist die Branche stark wetterabhängig. Der Verkauf an Kiosken und in Schwimmbadrestaurants zum Beispiel läuft nur bei schönem Wetter. «Sobald das Thermometer auf über 20 Grad steigt, hat man Lust auf Glace», sagt Jouni Palokangas, Präsident des Verbands Glacesuisse und Leiter der Nestlé-Division Frisco-Findus. Das habe sich 2014 eindrücklich gezeigt: Bis Juni sei der Glacekonsum zehn Prozent über dem Vorjahresniveau gelegen. Doch der nasskalte Juli und August hätten diesen Vorsprung bis Ende Jahr auf minus eineinhalb Prozent wegschmelzen lassen.

Christine Gaillet, Mediensprecherin von Migros – das Tochterunternehmen Midor gehört zu den grössten Wettbewerbern im Schweizer Glacemarkt – bestätigt: Der Rückgang beim Eiskonsum habe insbesondere mit den ungünstigen Witterungsverhältnissen der letzten Sommer zu tun.

Nicht nur das Wetter ist schuld

Dass Schweizer vor allem in der warmen Jahreszeit Eis essen, spiegelt sich in den Zahlen wieder. Rund 75 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaften die hiesigen industriellen Glacehersteller zwischen April und September. Trotzdem gibt es andere Gründe, warum Schweizer weniger zum «Stängeli» greifen. Reto Buchli, Leiter der Abteilung Food Service bei Emmi, nennt etwa das veränderte Konsumverhalten. Früher sei man öfters auswärts einen Coupe essen gegangen, heute sei das weniger so. Glacesuisse-Präsident Palokangas nennt auch die Tendenz zum gesunden, natürlichen Essen: «Das Gesundheitsbewusstsein hat in den letzten Jahren stark zugenommen.» Kleinere Portionen seien erwünscht, ebenso Glace aus natürlichen Zutaten und ohne Zusatzstoffe. Die Branche sei bemüht, diesen Trends mit neuen Produkten zu folgen, sagt er. Neben Frisco-Findus baut auch die Midor das Sortiment an kleinen Portionen laufend aus. So wollen die Hersteller auf die neuen Bedürfnisse der Konsumenten reagieren.

Handgemacht ist in

Das Wetter und das veränderte Kundenverhalten. Welche Faktoren haben sonst noch Einfluss auf den Glacekonsum? Auch die neue Konkurrenz, das handwerklich hergestellte Eis, macht den Grossen zu schaffen. Konditoreien, Glaceshops oder Bauernhöfe verkaufen immer mehr Glace. Der Trend zum sogenannten «Gelato artigianale» wirkt sich deshalb negativ auf die Zahlen aus, weil deren Produzenten nicht in der Verbandsstatistik erfasst sind. Nicht vertreten sind auch die Produkte von Discountern wie Aldi und Lidl sowie diejenigen der Fast-Food-Ketten wie McDonald’s. Diese Hersteller, sagt Präsident Palokangas, hätten in den letzten Jahren einerseits an Bedeutung gewonnen. Andererseits hätten sie den Markt lebendig gemacht: «Es wäre also falsch zu sagen, Konsumenten lieben die Glace nicht mehr.»

Potenzial ist vorhanden

Der Blick über die Landesgrenzen zeigt, wo hierzulande noch weiteres Wachstum möglich ist. Während die Glace bei den Schweizern ein klassisches Sommerprodukt ist, sehen das die Nordeuropäer völlig anders. Ihnen ist es egal, ob es Sommer oder Winter ist, warm oder kalt. Sie essen das ganze Jahr hindurch Glace. Ein Beispiel? Mit knapp zwölf Liter pro Kopf und Jahr essen die Finnen rund doppelt so viel Eis wie wir. «Wie man sieht, haben wir noch grosses Potenzial», so Jouni Palokangas.

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