Serie «Lichtblicke»
Schöne neue Arbeitswelt – nach Corona: Die erste Wochenhälfte im Büro, die zweite zuhause

Wie sieht die Arbeitswelt aus, wenn die Pandemie überstanden ist? Besser als vorher, zumindest für die meisten Angestellten. Worauf es ankommt, erklärt ein Arbeitspsychologe.

Sarah Kunz
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Die Preise für Katzen und Hunde sind in der Pandemie gestiegen: Homeoffice hat Haustiere noch beliebter gemacht. Dieser Trend dürfte die Pandemie überdauern.

Die Preise für Katzen und Hunde sind in der Pandemie gestiegen: Homeoffice hat Haustiere noch beliebter gemacht. Dieser Trend dürfte die Pandemie überdauern.

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Für einige Menschen war der Wechsel von der Arbeit im Büro auf Homeoffice keine grosse Umstellung. Schliesslich wird flexibles Arbeiten von zu Hause aus schon seit Jahren in verschiedenen Bereichen gefördert. Für den Grossteil der Arbeitnehmenden bedeutete die Homeoffice-Empfehlung durch die Coronakrise jedoch, dass der Alltag komplett auf den Kopf gestellt wurde.

Am Anfang mochte es noch verlockend klingen, den Arbeitstag in einer Jogginghose zu verbringen oder mittags einen Spaziergang zu machen. Aber irgendwann fehlen die ermunternden Worte der Kollegen in der Kaffeeküche oder das Lächeln am Empfang. Irgendwann fehlt die Motivation.

Arbeiten im Homeoffice verlangt viel. Von den Angestellten, die sich zu Hause einrichten müssen. Und von den Arbeitgebern, denen die Kontrolle fehlt. Aber arbeiten im Homeoffice hat auch seine guten Seiten – zahlreiche sogar. Die kennt Arbeitspsychologe Hartmut Schulze.

Die Socken sieht niemand: Im Heimbüro kann es ganz bequem sein.

Die Socken sieht niemand: Im Heimbüro kann es ganz bequem sein.

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Er ist Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz und leitet seit 2011 das Institut für Kooperationsforschung und -entwicklung. Und Schulze ist der Meinung: «Die Coronakrise hat den perfekten Büroalltag der Zukunft nun in greifbare Nähe gerückt.»

Die Arbeitswelt der Zukunft wird flexibler sein denn je

Arbeitspsychologe Hartmut Schulze.

Arbeitspsychologe Hartmut Schulze.

Zur Verfügung gestellt

Zwar war der Trend hin zu flexibleren Arbeitszeiten schon lange erkennbar. Doch verlief er schleppend. Bedingt durch die Pandemie wurden viele Mitarbeitenden nun schlagartig Probanden eines grossangelegten Test-Szenarios, der längst überfällige Schritt – etwa die nötige Infrastruktur zu organisieren, damit Mitarbeitende ihre Arbeit mit nach Hause nehmen können – musste innert Tagen notgedrungen erzwungen werden. Mittlerweile hat der Härtetest gezeigt: Es geht.

Grundsätzlich auf jeden Fall. Für einige Arbeiten besser, für andere weniger. Aber es geht, dass die Arbeit auch von zu Hause aus gewissenhaft ausgeführt werden kann. Es geht, dass Arbeitgebende genügend Vertrauen und Arbeitnehmende genügend Selbstverantwortung aufbringen können. Die Ergebnisse dieses ungewollten Experiments schaffen jetzt die Grundlage für eine neue Flexibilität in der Arbeitswelt von morgen.

Denn nach der Krise wird es bergauf gehen – und das in einer Arbeitsumgebung, die besser sein könnte als je zuvor. «In einer optimalen Welt gehen wir dann ins Büro, wann wir es wollen», sagt Schulze. «Und wir bleiben dann zu Hause, wann wir es möchten.» Die Mischung macht es also – ob am Arbeitsplatz im Unternehmen, im Homeoffice oder im Co-Working-Space.

Menschliche Kontakte: Das klassische Büro wird nicht verschwinden.

Menschliche Kontakte: Das klassische Büro wird nicht verschwinden.

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Der Ort, wo die Arbeit verrichtet wird, richtet sich nach der Arbeit – und nicht umgekehrt. Als Daumenregel empfiehlt der Arbeitspsychologe, die eine Hälfte der Woche im Büro zu arbeiten, die andere Hälfte von zu Hause aus. «So hat man das Beste aus allen Welten», sagt Schulze. Dadurch sei man produktiver und führe seine Aufgaben lieber aus.

Homeoffice werde also nicht in diesem Ausmass bleiben, wie wir es jetzt haben. Die ganze Woche nur zu Hause zu sein ist für Schulze letztlich auch nicht optimal. Die Möglichkeit dazu allerdings schon. Denn viele Unternehmen haben gemerkt, dass die anfänglichen Befürchtungen überhaupt nicht eintrafen. Die Mitarbeitenden verbringen mehr Zeit in Pausen? Humbug.

«Studien haben gezeigt, dass Angestellte von zu Hause eher noch mehr arbeiten», sagt Schulze. Die Produktivität nimmt ab? Unsinn. «Im Homeoffice lassen sich viele Aufgaben sogar noch besser erledigen als im Büro, wo man öfters durch Meetings oder Kaffeekränzchen unterbrochen wird.» Der Austausch untereinander fällt komplett weg? Stimmt auch nicht. «Die Digitalisierung ist so weit fortgeschritten, dass Meetings problemlos online durchgeführt werden können.»

Schulze: «Die Autonomie wirkt für viele entlastend»

Wer von zu Hause aus arbeitet, ist also genauso produktiv wie bei der Arbeit im Büro. Den Grund dafür sieht Schulze in der Verschmelzung von Arbeitsbeginn und Feierabend mit dem Alltag. «Darin besteht aber auch eine Gefahr», sagt der Arbeitspsychologe. «Es braucht ein gutes Selbstmanagement, damit man sich nicht überarbeitet.»

Mehr Nähe zur Familie: Manchmal Idylle, manchmal pures Chaos.

Mehr Nähe zur Familie: Manchmal Idylle, manchmal pures Chaos.

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Eine gute Planung und fixe Eckpunkte können helfen (Siehe Box unten). Die Verschmelzung schafft auch Nähe zur Familie: «Flexible Arbeitszeiten rund um Kinderbetreuung erlauben eine optimale Familienorganisation», sagt Schulze. «Je mehr Flexibilität und Planbarkeit ein Familienvater zeigt, desto besser kann er beide Welten vereinen.»

Wer für die Arbeit nicht mehr täglich pendeln, sich nicht mehr lange schminken oder in den Anzug werfen muss, hat also mehr Zeit für sich, für Familie und Freunde. «Dass viel Zeit eingespart werden kann, beurteilen viele als positivsten Punkt von Homeoffice», sagt Schulze. Der Alltag lässt sich besser mit der Arbeit vereinen, starre Strukturen fallen weg.

Beginn um acht und Feierabend um fünf gehören damit der Vergangenheit an. Gleichzeitig heisst das, die Beschäftigten planen ihren Arbeitstag selbstständig. Sie erfahren mehr Freiheiten und weniger Kontrolle. Sie müssen in Eigenregie arbeiten, ihnen wird mehr zugetraut, sie geniessen dadurch den zusätzlichen Vertrauensbonus des Arbeitgebers.

Früher war es rein technisch gesehen gar nicht möglich, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Aufgaben waren an Maschinen und Arbeitsabläufe innerhalb des Unternehmens gekoppelt. «Mit der fortschreitenden Digitalisierung hat sich dieses Bedürfnis nun entwickelt», sagt Schulze. Autonomie, also die Möglichkeit, selber über Arbeitsort und Arbeitszeit bestimmen zu können – für Schulze der Schlüssel zum optimalen Arbeitsmodell. «Diese Wahl ist für viele entlastend.»

Hier alle Vor- und Nachteile von Homeoffice nach Hartmut Schulze:

Corona bringt neue Büros mit Pflanzen und Begegnungszonen

Wird die Homeoffice-Empfehlung des Bundes nach der Pandemie wieder gelockert, wird der Gang ins Büro trotz allen Vorteilen im Homeoffice wieder vermehrt erfolgen. Schulze ist überzeugt, dass sich dann auch die Arbeitsräumlichkeiten innerhalb der Firmen verändern werden. Durch die Lungenkrankheit sind Hygienemassnahmen und Desinfektion nämlich in den Fokus gerückt. Das Büro könnte also künftig sauberer und aufgeräumter daherkommen.

Im Homeoffice hat man zudem wieder vermehrt gemerkt, dass frische Luft, der Spaziergang durch Wälder und über Wiesen oder allein schon der Blick auf Naturlandschaften gesund hält. «Natürliche Umgebungen steigern die Produktivität, die Konzentration und die Kreativität», sagt Schulze.

Dafür muss man keinen Chef um Erlaubnis bitten: Tagsüber eine Joggingrunde drehen.

Dafür muss man keinen Chef um Erlaubnis bitten: Tagsüber eine Joggingrunde drehen.

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Das heisst für Büros: Natur willkommen. «Mit Pflanzen könnten bisherige Flächen ganz neu gestaltet werden.» Die neuen Flächen sollten dann vor allem den Austausch und die Begegnung zwischen den Mitarbeitenden fördern.

Die Coronapandemie hat uns also die Möglichkeit gegeben, unsere Arbeitswelt zu optimieren und künftig noch besser werden zu lassen. «Wir müssen diese Chance aber auch nutzen», sagt Schulze. «Es wäre falsch, nach dem Ende der Krise wieder in den alten Trott zurückzufallen.»

So klappt es zu Hause: Homeoffice optimal gestalten

Arbeitspsychologe Hartmut Schulze gibt Tipps, wie sich der Alltag im Homeoffice am besten gestalten lässt. «Am wichtigsten ist eine gute Planung», sagt Schulze. Das fängt an beim richtigen Arbeitsort. Wer sich einen festen Arbeitsplatz einrichtet – egal ob im Büro oder am Esstisch – kann diesen nach Feierabend auch wieder verlassen.

«Wer hingegen ständig in gekrümmter Haltung auf dem Sofa sitzt, hat irgendwann Rückenschmerzen», sagt Schulze. Organisation ist auch wichtig, wenn die gesamte Familie zu Hause ist. «Es empfiehlt sich, eine feste Tagesstruktur einzuhalten», sagt Schulze. Während der Arbeit sollte man nicht gestört werden, über den Mittag kann man dann gemeinsam essen.

Rituale seien ebenso unentbehrlich: Für Pausen sollte man sich einen Wecker stellen. Ausserdem könne es helfen, ein Hemd anzuziehen. «Damit gelingt einigen die Transformation in den Arbeitsmodus besser.»