Im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger Franz Humer kommen Sie aus einer völlig anderen Branche: Bis Ende April waren Sie Vorstandsvorsitzender der Lufthansa. Dazu gab es im Vorfeld Ihrer Wahl auch kritische Stimmen. Wie auch immer: Sie müssen sich sehr viel neues Wissen aneignen. Wie machen Sie das?

Es hat einen grossen Reiz, in eine völlig andere Branche zu wechseln. Und es ist ein Privileg. Das Einarbeiten ist aber tatsächlich sehr anspruchsvoll. Zum Verständnis unserer Branche gehören einerseits Industriekenntnisse, andererseits Kenntnisse wissenschaftlicher Grundlagen aus der Biologie und Biotechnologie, um die Wirkungsweise unserer Produkte verstehen zu können. Ich habe beispielsweise einen Fachmann engagiert, der mich in diesen Bereichen unterrichtet. Es geht bei vielen pharmazeutischen Themen darum, Krankheiten und medizinische Wirkstoffe auf Basis der molekularen Wirkmechanismen zu verstehen. Ausserdem bin ich sehr viel unterwegs. Verschiedene Roche-Standorte, zum Beispiel Penzberg in Deutschland, Genentech in den USA und Chugai in Japan, habe ich schon besucht, andere werden folgen.

Im Fluggeschäft, wo Sie herkommen, herrscht ein sehr harter Wettbewerb. Jetzt sind Sie Präsident einer der profitabelsten Firmen der Schweiz. Da können Sie doch richtig entspannt arbeiten …

Da gibt es zwei Dimensionen. Wenn es einer Firma gut geht, dann hat sie einen erfreulichen Handlungsspielraum, aber dann ist es auch sehr anspruchsvoll, einen zusätzlichen positiven Beitrag zu leisten. Oder in der Sprache meiner ehemaligen Branche: es ist anspruchsvoll, die Flughöhe zu halten. Roche konzentriert sich ganz klar auf innovative, patentgeschützte und verschreibungspflichtige Medikamente sowie auf Diagnostika. Aber es gibt hier keine Erfolgsgarantien. Der Erfolg von gestern ist keine Garantie für den Erfolg der Zukunft. Eine Herausforderung: Wenn der Patentschutz der heutigen innovativen Wirkstoffe abläuft, müssen wir neue, noch bessere Wirkstoffe entwickeln – mit hoffentlich dem gleichen wirtschaftlichen Potenzial.

Was machen Sie anders als Ihr Vorgänger Franz Humer?

Das kann ich schwer beurteilen. Aber ich werde die Rolle sicherlich nicht so ausfüllen, wie das Franz Humer gemacht hat, der schon ganz lange auch als CEO bei Roche war. Er war im Unternehmen viel stärker verwurzelt und hat enorme Branchenkenntnisse. Umgekehrt bin ich derjenige, der eine Aussenperspektive einbringen kann, der Führungserfahrung aus einer anderen Branche mitbringt. Es geht darum, dass ich das Management, welches eine grosse Erfahrung besitzt, unterstütze, coache und auch die richtigen Fragen stelle. Etwa: Was können wir noch besser machen?

Novartis-Präsident Jörg Reinhardt hatte bei seinem Amtsantritt die Überprüfung des gesamten Konzerns angekündet. Werden Sie das bei Roche auch tun?

Die Roche verfügt über eine ganz klare Strategie mit zwei Standbeinen. Das eine ist Pharma, das zweite Diagnostika, wo wir ja auch Weltmarktführer der In-vitro-Diagnostik («im Glas», das heisst: ausserhalb des menschlichen Körpers, die Red.) sind. Für eine neue Aufstellung des Konzerns sehen wir keinen Anlass. Auf lange Sicht ist es aber schon so: Roche hat sich immer wieder neu erfinden müssen. Vitamine, Antibiotika, Beruhigungsmittel … Das erfordert entsprechende Anpassungsfähigkeit. Die medizinische Forschung macht grosse Fortschritte. Das ist unser Gradmesser und Antrieb.

Passen Pharma und Diagnostika überhaupt zusammen? Der eine Bereich umfasst doch Humanmedizin und Genetik, der andere die technologielastige Gerätebranche.

Wir sind uns absolut bewusst, dass dies zwei Geschäftsfelder mit unterschiedlichen Erfolgsfaktoren sind. Aber beide haben eines gemeinsam, nämlich dass sie in ihrer Entwicklung ganz stark auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse bauen. Neue Methoden in der Diagnostik und neue Erkenntnisse bei den Wirkstoffen gehen Hand in Hand. Wenn wir ein neues Molekül entwickelt haben, versuchen wir gleichzeitig und sehr systematisch, auch einen Test für dieses Molekül zu entwickeln, mit dem wir überprüfen können, wie das Medikament beim einzelnen Patienten voraussichtlich wirkt. Das wird immer wichtiger. Wir bieten solche Tests selbst unseren Konkurrenten an.

Roche will die US-Firma Intermune für 8,3 Milliarden Dollar übernehmen. Ein stolzer Preis.

Das ist ohne Zweifel ein substanzieller Betrag. Im Vergleich zur Marktkapitalisierung der Roche von 231 Milliarden Franken relativiert sich das allerdings. Wir haben die Firma sehr genau angeschaut, und wir sind davon überzeugt, dass sie zu uns passt.

Hat Roche Geld für weitere Übernahmen?

Finanziell gesehen ist unsere Kapazität nicht ausgereizt, wir verfügen über genügend flüssige Mittel und Cashflow. Einerseits forschen wir selbst, andererseits haben wir immer wieder Firmen mit exzellenter Forschungskapazität und guten Ideen erworben.

Bei Roche war man nie Freund einer Fusion mit Novartis. Warum eigentlich?

Die Konkurrenz ist ein riesiger Vorteil, der uns wachhält. Wir stimulieren uns gegenseitig. Es gibt nichts Erfolgsfeindlicheres als der Erfolg. Erfolg macht träge, wir müssen wach sein.

Novartis besitzt 33 Prozent von Roche. Roche könnte das Paket selbst erwerben …

Die Frage der Beteiligung der Novartis an Roche ist ein Thema der Novartis.

Wo drohen Risiken für Roche?

Die grösste Herausforderung ist, die Innovationsfähigkeit zu bewahren. Das ist uns bisher sehr gut geglückt, aber das ist noch keine Garantie für die Zukunft. Es braucht auch eine gewisse Haltung der Demut und Bescheidenheit, denn nicht alles stellt sich als erfolgreich heraus. Das heisst: Wir müssen Mut zum Risiko haben. Und es heisst auch, dass Forschungsprojekte scheitern können. Die zweite grosse Herausforderung ist die Compliance, das heisst die Durchsetzung der Unternehmensstandards. Das kann die Befolgung von ethischen, medizinischen, rechtlichen oder qualitativen Standards sein, und zwar weltweit. Stellen Sie sich beispielsweise vor, unsere Tests würden falsche oder nicht zuverlässige Resultate liefern.

Die Preise für die Krebsmedikamente sind teilweise exorbitant. Da entsteht auch ein Preisdruck, von Behörden und Krankenversicherungen.

Es gibt diesen Preisdruck in verschiedenen Ländern. Aber die Arzneimittelkosten machen hierzulande weniger als zehn Prozent der Gesundheitskosten aus, mit fallender Tendenz. Im Übrigen ist es so, dass die Schweiz für verschiedene Medikamente tiefere Preise hat als umliegende Länder.

Werden auch Krebsmedikamente günstiger?

Ja, auch die Preise für verschiedene unserer Krebsmedikamente sind in der Schweiz gesunken. Aber bei neuen, hoch innovativen Medikamenten können wir nicht tiefere Preise als in vergleichbaren Ländern akzeptieren.

An die Adresse der Schweizer Politik: Was erwarten Sie von der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative?

Die Schweiz war schon immer ein offenes Land, der Wohlstand der Schweiz ist nicht zuletzt dank dieser Offenheit entstanden. Ich bin überzeugt, dass sich daran nichts ändern wird. Bei der Umsetzung wird es auf das richtige Augenmass ankommen. Dabei glaube ich, dass die Politik den nötigen Pragmatismus an den Tag legen wird. Wir rekrutieren weltweit Spitzenkräfte, damit wir hier Spitzenforschung machen können. Roche exportiert für 20 Milliarden Franken, also 11 Prozent der gesamten Schweizer Exporte jährlich. Das macht deutlich, dass wir hier alles tun werden, um auch künftig höchst leistungsfähige und höchst innovative Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen zu können.

Pharma ist in Basel und der Region dominant. Wir leben derzeit gut davon, aber wenn das Geschäft schlecht liefe, wäre es ein Klumpenrisiko. Soll sich Basels Wirtschaft diversifizieren?

Ich würde es eher als Klumpenchance bezeichnen. Ich glaube nicht, dass eine Diversifizierungsstrategie zielführend ist, eher das Gegenteil: Fokussierung. Wenn man alle die Firmen in der Region Basel ansieht, dann ist das ein grosser Erfolgscluster. Der sollte weiter entwickelt werden. Das Zusammenspiel ist eine grosse Stärke. Dazu braucht es gute Rahmenbedingungen. Ich erinnere mich lebhaft an die Diskussionen über das Klumpenrisiko Swiss für den Flughafen Zürich, das am Ende zum Erfolgstreiber wurde. Es kommt auf das Tandem an, auf das Zusammenwirken im System. Das gilt im Übrigen für die ganze Schweiz: Wir müssen die Schweiz als einen grossen Innovationsstandort sehen. Daher sind all die Initiativen wichtig, wie etwa der geplante Innovationspark in Allschwil und beim Paul-Scherrer-Institut in Villigen oder der Neubau des Biozentrums in Basel.

Aus familiären Gründen wohnen sie in Zürich. Was schätzen Sie am meisten an Basel, wo sind Sie am liebsten?

Auf dem Münsterplatz und der Pfalz. Diese Aura der Geschichte gefällt mir sehr. Und Basel als Kristallisationspunkt des liberalen Denkens und des aufgeschlossenen Bürgertums.

Was gefällt Ihnen nicht an Basel?

(Überlegt lange). Als Pendler stecke ich manchmal im Stau. Aber das ist nicht der Fehler von Basel.