Fredy Hiestand

«Resistente Keime sind eine Gefahr» – der «Gipfelikönig» über Corona, Nachhaltigkeit und die Zukunft

Fredy Hiestand, der Gipfelikönig, 2015 in seiner Grossbäckerei Fredy's in Baden. (Archiv)

Fredy Hiestand, der Gipfelikönig, 2015 in seiner Grossbäckerei Fredy's in Baden. (Archiv)

Fredy Hiestand streckt zum Gruss die rechte Faust entgegen. Der linke Unterarm steckt im Gips. Es ist nicht so, dass der Gipfelikönig auf cool macht. Der 77-Jährige Unternehmer hält sich bloss an die Vorschriften des BAG und verzichtet auf den Handschlag.

Was ist mit Ihrem Arm passiert?

Fredy Hiestand: Ich war zu Hause am Werken, trat dabei auf ein Rundholz und fiel hin. Reflexartig nahm ich die Hände nach hinten, um den Aufprall zu dämpfen. Da zog ich mir einen ziemlich komplizierten Bruch zu.

Mitten im Lockdown?

Ja, Ende Mai, aber das war nicht weiter ein Problem. Die Spitäler waren und sind ja bestens organisiert.

Wie hat das Coronavirus Ihre Geschäfte beeinträchtigt?

Der halbe März ist weggefallen. Im April brach der Umsatz um 70 Prozent ein. Mit den Öffnungen im Mai kam es zu einer ersten Erholung, aber wir sind noch längst nicht wieder da, wo wir mal waren.

Mussten Sie Stellen streichen?

Ja, wir mussten einige Personen entlassen, trotz Anmeldung von Kurzarbeit. Wobei wir seit Anfang Juli auf Kurzarbeit verzichten, obwohl die Umsätze noch längst nicht zurück sind.

Bis wann rechnen Sie mit einer Normalisierung?

Das wird kaum vor Ende 2021 passieren. Das ist der Grund für die Kündigungen, wir mussten zurückbuchstabieren. Die Leute haben Freude bekommen am Backen zu Hause. Die Hefe war ja zwischenzeitlich ausverkauft und auch Mehl sowie Backmischungen haben die Detailhändler in gewissen Phasen doppelt so viel verkauft wie normal. Zudem leisten die Einschränkungen in der Hotellerie und Gastronomie ihren Beitrag für eine sehr zögerliche Erholung des Arbeitsvolumens.

Sie wollten in diesem Jahr durchstarten, haben die Produktion auf Mehl aus pestizidfreiem Anbau umgestellt. Als erster Bäcker überhaupt.

Ja, das ist so. Aber bei der Umstellung auf IP-Suisse-Mehl aus pestizidfreiem Anbau geht es uns nicht in erster Linie ums Geschäft. Keine Mutter würde ihrem Kind bewusst pestizidbelastete Nahrungsmittel geben. Viele aber können sich Bio-Backwaren nicht leisten. Da wollten wir in die Bresche springen.

Sie überwälzen den Mehrpreis, den Sie bezahlen, nicht auf die Kunden?

Nein, die Preise sind unverändert. Obschon wir seit Anfang Jahr komplett umgestellt haben und obwohl wir 15 bis 20 Rappen mehr zahlen für ein Kilo Mehl. Wir stemmen das, in dem wir unter anderem die Produktionsabläufe effizienter gestaltet haben.

Warum stellen Sie nicht gleich komplett auf Bio um?

Weil wir das nicht ohne Preiserhöhung machen könnten. Bio-Mehl kostet pro Kilo 70 Prozent mehr als Mehl aus normalem IP-Suisse-Weizen.

Sind Sie im Alter zum Idealisten geworden?

Man kann es so sagen. Grüne Anliegen wie Nachhaltigkeit sind keine Modethemen, sondern elementar wichtig. Man weiss ja heute, dass auch das Grundwasser immer mehr mit Pestiziden belastet ist. Deshalb unterstütze ich die Trinkwasser-Initiative, die nächsten Frühling zur Abstimmung kommt.

Der Bauernverband sagt: Ohne Pestizide geht es nicht.

Wenn es nicht ginge, hätten wir keine Bio-Bauern. Wir müssen endlich aufhören, die Bio-Diversität zu zerstören mit unserem Konsum. Zudem ist es eine liberale Vorlage ohne Verbote. Wer weiterhin Pestizide und prophylaktische Antibiotika einsetzen will, kriegt einfach keine Subventionen mehr. Dafür gibts mehr Geld für die Bio-Bauern.

Was bringt das?

Schauen Sie, infolge resistenter Keime sterben heute weltweit schon ähnlich viele Menschen wie durch das Coronavirus. Das ist eine reale Gefahr. Wir müssen etwas machen.

Wie lange wollen Sie weitermachen?

Sicher noch drei bis fünf Jahre. Einfach, weil es mir nach wie vor Freude bereitet, Innovationen voranzutreiben, zu arbeiten. Ich bin noch immer mindestens drei Mal pro Woche in der Backstube. Zusätzlich berate ich meine Frau Tina und ihre Tochter Lucia in der Führung und der Gestaltung des Angebotes ihrer kleinen Bäckerei «Fredy dä Beck» in Schlieren.

Eigentlich wollten Sie das Unternehmen vor fünf Jahren an Ihren Sohn Oliver übergeben. Warum ist es anders gekommen?

Mein Sohn ist im Verwaltungsrat. Aber er hat geheiratet und lebt heute mit seiner Partnerin in Schweden. Deswegen haben wir Verwaltungsratspräsident Benno Traber einen grösseren Anteil am Unternehmen abgetreten. Er hat mit mir 1988 bis 2002 den deutschen Markt aufgebaut. Auch die Geschäftsleitung, also Jeannette Müller und Bojan Cepon, sind beteiligt. Diese Leute arbeiten hervorragend. Ich kann mir einen Management-Buy-out durch sie gut vorstellen.

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