Coronakrise

Österreichs Kanzler Kurz gibt mit Corona-Strategie an – die Schweiz steht besser da

Ein meisterhafter Selbstdarsteller: Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Ein meisterhafter Selbstdarsteller: Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz lobt sein Land für die Corona-Strategie. Dabei stützt er sich auf die Prognose der EU-Kommission – gemäss welcher die Schweiz allerdings besser dran ist als Österreich.

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz gilt als Meister der Selbstdarstellung. Kurz lässt keine Gelegenheit aus, um in der Coronakrise auf Erfolge zu verweisen - selbst wenn es nur relative sind.

«Österreich steht wirtschaftlich besser da als die meisten von Corona betroffenen Länder.» So hat es Kurz am heutigen Donnerstag auf Twitter vermeldet. Österreich habe schnell und entschlossen reagiert, weshalb die Infektionskurve rascher als in den meisten Ländern Europas gesunken ist.

Eigenlob: Bundeskanzler Sebastian Kurz auf Twitter

Eigenlob: Bundeskanzler Sebastian Kurz auf Twitter

Kurz beruft sich auf die Wirtschaftsprognose der Europäischen Kommission, die gestern Mittwoch erschienen ist. Dort wird für Österreich für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von minus 5,5 Prozent erwartet.

Das ist einer der schlimmsten Einbrüche in der Geschichte Österreichs. Aber immerhin ist es weniger schlimm als in den allermeisten EU-Staaten. Nur Polen und Luxemburg ergeht es noch weniger schlecht. Also verkauft Kurz diese Rangliste als Erfolg.

Schweiz würde Österreich von Rang 3 verdrängen

Doch auch der Schweiz ergeht es ein wenig besser als Österreich. In der 216-Seiten langen Frühlingsprognose der Europäischen Kommission findet sich auch eine Vorhersage für die Schweiz. Und siehe da, die Schweiz wird gemäss dieser Prognose - auf die sich Kurz beruft - in diesem Jahr etwas besser als Österreich abschneiden.

Für Österreich wird ein Einbruch des Bruttoinlandproduktes von 5,5 Prozent vorhergesagt. Für die Schweiz wird mit einem Minus von 5 Prozent gerechnet - immerhin ein halber Prozentpunkt weniger. Die Schweiz käme als noch vor Österreich auf Platz 2 nach Polen und vor Luxemburg.

Die Schweiz gibt sich selber die düsterere Prognose

Was Kurz ohnehin unterschlug: Österreich hatte mehr Zeit, um auf das Coronavirus zu reagieren. Die Schweiz war früher betroffen aufgrund ihrer grösseren geografischen und wirtschaftlichen Nähe zu Italien.

Eine Bemerkung am Rande: Die EU-Kommission ist für die Schweiz zuversichtlicher als es die Schweiz selber ist. Die Kommission erwartet einen Einbruch von 5 Prozent für die Schweiz. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet mit einer tieferen Rezession. In seiner April-Prognose sagt das Seco für 2020 ein Minus von 6,7 Prozent voraus.

Schweiz auch mit der tieferen Arbeitslosenquote

Bei der Arbeitslosigkeit erwartet die EU-Kommission für Österreich und die Schweiz ein ähnlich hohes Niveau der Arbeitslosigkeit. Für die Schweiz wird eine Arbeitslosenquote von 5,5 Prozent erwartet. Für Österreich wird leicht mehr erwartet: 5,8 Prozent.

Die EU-Zahlen zur Arbeitslosigkeit sind auf den ersten Blick verwirrend. Für die Schweiz ist die EU-Zahl deutlich höher als die Arbeitslosenquote, die vom Seco ausgewiesen wird. Das Seco erwartet für 2020 eine Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent. In Österreich ist die EU-Zahl viel tiefer als jene Zahl, die vom nationalen Arbeitsamt ausgewiesen wird. Im April stieg die Arbeitslosenquote auf 12,8 Prozent an.

Unterschiedliche Definitionen von Arbeitslosigkeit

Das Zahlengewirr hat mit unterschiedlichen Definitionen von Arbeitslosigkeit zu tun. Die EU richtet sich nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Mit dieser Definition sind internationale Vergleiche möglich. In der Schweiz verwendet das Seco eine eigene nationale Definition, in Österreich das nationale Arbeitsamt nochmals eine andere.

In der Schweiz zählt das Seco jene Personen als arbeitslos, die bei den Arbeitsvermittlungszentren registriert sind. Jugend- und Langzeitarbeitslose sind oft nicht registriert. Von der ILO werden sie erfasst. In Österreich sind beim Arbeitsamt auch Personen als arbeitslos registriert, die nicht aktiv nach einem Job suchen. Von der ILO wird man ohne dieses Suchen nicht gezählt.

Die Unterschiede in den Definitionen haben Folgen. In der Schweiz liegt die Arbeitslosenquote gemäss Seco stets tiefer als die Arbeitslosenquote gemäss ILO. In Österreich ist die Arbeitslosenquote nach der nationalen Definition ständig höher als die Arbeitslosenquote gemäss ILO.

Kurz auf einmal kleinlaut

In Österreich zeichnen die nationalen Zahlen ein düsteres Bild. Anfang der Woche wurde bekannt, dass im April die Arbeitslosenquote auf 12,8 Prozent angestiegen ist. In den Medien war die Rede von einem «traurigen Rekord für die Zweite Republik».

Kurz war nach seinem Eigenlob dennoch auch recht kleinlaut in einem weiteren Tweet. «Trotzdem leiden viele unter der hohen Arbeitslosigkeit und den wirtschaftlichen Folgen.»

Meistgesehen

Artboard 1