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Pierin Vincenz' einsamster Geburtstag – der einstige Starbanker erreicht das AHV-Alter

Der ehemalige Raiffeisen-Chef wird am 11. Mai 65 Jahre alt. Früher machte er grosse Sausen, jetzt feiert er seinen Geburtstag im Stillen. Derweil rückt der Prozess gegen ihn näher.

Daniel Zulauf
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Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz am Februar 2015.

Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz am Februar 2015.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Pierin Vincenz? Der Name des früheren Chefs der Raiffeisen-Gruppe sorgt nur noch sporadisch für Schlagzeilen. Dann etwa, wenn im Zusammenhang mit dem anstehenden Betrugsprozess neue Gerüchte oder Fakten publik werden. Dies war zuletzt im November des vergangenen Jahres der Fall, als verschiedene brisante Inhalte aus der nicht öffentlich einsehbaren Anklageschrift der Zürcher Staatsanwaltschaft publik wurden. In den Medienberichten war ausgiebig von Vincenz’ kostspieligen Ausflügen ins Zürcher Rotlichtmilieu die Rede. Mit solchen Geschichten schafft es der einstmals beliebteste Banker der Schweiz noch immer in die obersten Plätze der Hitlisten einschlägiger Onlineportale.

Doch seither ist es um Pierin Vincenz wieder still geworden. So still, dass niemand weiss, wo der Banker heute gerade seinen 65. Geburtstag feiert. In seinen besten Zeiten war diese Information quasi ein öffentliches Gut. Vincenz wusste sich öffentlich zu inszenieren wie kein anderer Banker vor ihm. 2015 machte er seinen Rücktritt als CEO zu einer vorzeitigen Geburtstagsfeier, zu der 10'000 Mitarbeitende der Genossenschaftsbank geladen waren. Im darauffolgenden Frühjahr stellte Vincenz vermutlich selbst sicher, dass er in den Wirtschaftsspalten der Schweizer Presse als heissester Kandidat für den Posten als Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung gehandelt wurde. Er zog in neue Verwaltungsräte ein und war bereit für die Krönung im dritten Lebensabschnitt.

Vincenz droht Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren

Doch dann kam die grosse Zäsur. Die von einzelnen Journalisten schon frühzeitig kolportierten Vermutungen, nach denen der Banker seine machtvolle Position als langjähriger Chef der grössten Schweizer Hypothekenbank für seine eigenen finanziellen Interessen auszunutzen begann, verdichteten sich zusehends und führten alsbald dazu, dass die Zürcher Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung eröffnete. Diese gipfelte im vergangenen Jahr in einer Anklage, in der Vincenz und sein wichtigster Geschäftspartner Beat Stocker des gewerbsmässigen Betruges bezichtigt werden.

Die beiden sollen ihre treuhänderische Verantwortung gegenüber Aktionären und Genossenschaftern missachtet haben, die sie in ihren führenden Positionen hätten übernehmen müssen. Vor allem aber sollen sie ihr fehlbares Handeln auf kriminelle Weise mit verdeckten Treuhandgeschäften und bestechungsähnlichen Provisionsvereinbarungen kaschiert haben. Das sind gravierende Anschuldigungen, auf die es im äussersten Fall eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren geben kann.

Wie der voraussichtlich im kommenden Winter stattfindende Prozess ausgehen wird, ist offen. Doch inzwischen weiss die Öffentlichkeit zu viel über den einstigen Starbanker, als dass dieser seine frühere Popularität zurückgewinnen könnte. Die Geburtstage wird Vincenz deshalb so oder so auch künftig im kleinen Kreis feiern.

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