Der Telekomkonzern Sunrise kauft den Konkurrenten UPC für 6,3 Milliarden Franken. Sunrise-Chef Olaf Swantee kündete an: «Wir wollen den Markt bewegen.» Noch muss die Wettbewerbskommission ihr Okay geben. Aber schon heute werden Fragen gestellt: Wird die neue Sunrise zum grossen Konkurrenten für den Branchenprimus Swisscom – und sinken dann die Preise? Oder werden die beiden grössten Telekomkonzerne in der Schweiz einander lieber nicht wehtun wollen?

Bei allen grossen Fragen werden die vielen kniffligen Details übersehen, die Fusionen überwinden müssen. Allein schon deshalb werden Sunrise und UPC in den nächsten drei Jahren nicht mit Angriffen auf die Swisscom beschäftigt sein. Sondern mit sich selbst. So sieht es etwa der Telekomanalyst der Zürcher Kantonalbank, Andreas Müller, der sagt: «Es wird mindestens drei Jahre dauern, bis aus den zwei Unternehmen ein einziges geworden ist.»

Sunrise wird angreifbar

Von diesen Umstellungsarbeiten innerhalb der neuen Sunrise – der Name UPC wird verschwinden – werden die Kunden zumeist gar nichts mitbekommen. So müssen etwa alle Systeme zusammengeführt werden. Die gemeinsamen Kunden müssen auf einer einzigen Plattform erfasst sein. Wenn Aussenstehende etwas merken, dann wären es Missgeschicke: Zum Beispiel bekäme ein Kunde der ehemaligen UPC zwei Mal die gleiche Post. Oder es werden Umstellungen nötig: Beispielsweise müssen wohl Boxen für die Verbindung zum Internet ausgewechselt werden.

In diesen drei Jahren wird die neue Sunrise kaum attackieren können, glaubt Müller. Vielmehr wird sie angreifbar, und die Swisscom erhält Chancen. Das hat mit den Gewohnheiten schweizerischer Kunden zu tun. Solange das Handy, der Internetanschluss oder das Fernsehangebot zuverlässig ihren Dienst tun, verschwenden sie keinen Gedanken an das Telekomunternehmen. Klemmt es aber irgendwo, muss etwas ausgetauscht oder ein neuer Vertrag unterschrieben werden – dann ist der Moment da: Alles wird infrage gestellt. ZKB-Analyst Müller sagt: «Wir erwarten, dass die Kunden der neuen Sunrise in den nächsten drei Jahren eher zu einem Wechsel bereit sein werden.»

Damit würde sich eine Geschichte wiederholen, die sich in den letzten zwei Jahren abspielte – mit umgekehrten Vorzeichen. Damals war es die Swisscom, die Kunden an die Sunrise verlor, weil sie ein altes Netzwerk abschalten musste. Nun könnte Swisscom wieder Kunden zurückgewinnen. Was kommt nach den drei Jahren, wenn die Übernahme verdaut ist?

Kampf um die bessere Qualität

Möglich ist vieles. Auch Unternehmen, die beide sehr mächtige Stellungen haben, können hart um Kunden streiten. Airbus und Boeing sind ein Beispiel. Doch im schweizerischen Telekommarkt gibt es bislang eine Konstante: Die Kunden achten sehr auf Qualität, der Preis kommt viel später. Nicht von ungefähr nennt sich Sunrise seit einigen Jahren einen «quality challenger». Auch die neue Sunrise dürfte versuchen, Swisscom mit besserer Qualität herauszufordern, etwa im Service. Sunrise würde Swisscom einen Qualitätskampf liefern, keinen Preiskampf.

Dafür spricht auch, dass Sunrise verhältnismässig viel für UPC zahlt. Das sahen auch die Börsianer so, die die Aktie am Donnerstag abstürzen liessen. Diese Investition muss Sunrise erst einmal wieder hereinholen. Das soll über Synergien gelingen, auch im Verkauf: bessere Produkte sollen angeboten werden; Mobilabo, Internetanschluss sowie Online-Fernsehen aus einer Hand.

Mit einer Discount-Strategie würde es dagegen schwierig. Die Rechnung würde kaum schnell aufgehen, wie Analyst Müller sagt. Ob die neue Sunrise diesen Qualitätswettbewerb härter führen wird als die alte Sunrise – das wird sich zeigen müssen. Allerdings ist es womöglich gar nicht matchentscheidend, was Swisscom und Sunrise als nationale Akteure tun – weil beide von sogenannten «Over the top»-Akteuren angegriffen werden. Das sind etwa der Messengerdienst Whatsapp, der zu Facebook gehört, oder der Streamingdienst Netflix. Die beiden amerikanischen Unternehmen konkurrenzieren Swisscom und Sunrise schon heute mit ihren Services, nutzen dabei deren Infrastruktur – und zahlen dafür keinen Rappen. In den nächsten Jahren könnten sie den Telekommarkt grundlegend verändern.