Krise an der Börse
Nach dem Einbruch rettet der Staat die Börse: Wie China versucht, das Vertrauen in seine Märkte wiederherzustellen

Chinas Regierung verspricht konjunkturstützende Massnahmen für die heimischen Märkte. Dabei versucht sie das Vertrauen wiederherzustellen, welches sie zuvor aktiv beschädigt hat.

Fabian Kretschmer, Peking
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Anfang Woche brachen Börsen wie jene in Hongkong drastisch ein.

Anfang Woche brachen Börsen wie jene in Hongkong drastisch ein.

Keystone

Die Rally auf Chinas Märkten schien gar kein Ende mehr nehmen zu wollen: Die Aktien von Alibaba stiegen innerhalb von 48 Stunden um über 30 Prozent, ähnlich stark legten auch die Papiere vom Tech-Riesen Tencent zu. Der Hongkonger Hang-Seng-Index hatte am Mittwoch gar seinen erfolgreichsten Handelstag seit über 14 Jahren hinter sich gebracht.

Solche Erfolgsmeldungen waren lange nicht mehr aus Chinas Börsenhäusern zu vernehmen, denn seit dem Vorjahr bildeten die Kurse eine einzige Talfahrt. Die nun mehr spektakuläre Erholung war dabei weniger den Verhandlungen in der Ukraine oder der Zinspolitik der US-Notenbank geschuldet, sondern lag vor allem an einem chirurgischen Eingriff der staatlichen Hand.

«Historischer Rutsch» an den Börsen

Chinas Vize-Ministerpräsident Liu He, der sich unter Staatschef Xi Jinping um die Kontrolle der Wirtschaft kümmert, sprach am Mittwoch ein deutliches Machtwort: Der 70-Jährige hatte versichert, konjunkturstützende Massnahmen einleiten zu wollen und künftig Erstnotierungen seiner Unternehmen im Ausland zu «unterstützen». Was in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit wäre, ist in China unter Xi Jinping eine seltene Kurskorrektur: Denn die Parteiführung versucht derzeit, genau jenes Vertrauen in die chinesischen Märkte wiederherzustellen, das man im letzten Jahr höchstselbst beschädigt hatte.

Der Schritt ist wohl auch als Notfallmassnahme zu werten. Denn zu Beginn der Woche brachen die Börsen in Hongkong und Shanghai derart stark ein, dass viele Beobachter schon von einem «historischen Rutsch» sprachen. Mehrere Hiobsbotschaften kommen derzeit zusammen: Einerseits haben Anleger die berechtigte Angst, dass Chinas globale Firmen ins Visier westlicher Sanktionen gegen Russland geraten könnten.

Ist China «uninvestierbar»?

Zudem leidet die Volkswirtschaft aufgrund der höchsten Infektionszahlen seit über zwei Jahren unter flächendeckenden Lockdowns. Es gilt bereits jetzt, gegen Ende des ersten Quartals, als nahezu gesichert, dass das Land sein selbst ausgegebenes, ambitioniertes Wachstumsziel von 5,5 Prozent für 2022 wohl nicht mehr erreichen wird können. Dabei war die Volksrepublik noch vor einem Jahrzehnt Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich gewöhnt.

Doch die externen Umstände sind nicht die einzigen Ursachen. Die Börseneinbrüche gingen auch mit einer aussergewöhnlichen Stellungnahme der US-Investmentbank JP Morgan vom Dienstag einher: Darin bezeichnete sie die gesamte chinesische Tech-Branche als «uninvestierbar»: Für das kommende Jahr würde man davon abraten, bei Alibaba und Co. einzusteigen.

China will Firmen in Schranken verweisen

Kein Wunder, denn fast alle einstigen Marktführer haben seit letztem Jahr immens an Wert verloren. Der Grund dafür war eine plötzliche und radikale Regulierungswelle der Parteiführung gegen sämtliche Internetfirmen: Dabei ging es einerseits um inhaltlich nachvollziehbare Punkte, etwa die Zerschlagung von Oligopolen und dem Datenschutz von Kunden. Gleichzeitig jedoch besteht wenig Zweifel daran, dass Xi Jinpings seinen erfolgreichsten Unternehmern auch in die machtpolitischen Schranken verweisen wollte.

Unzählige, erfolgreiche Tech-Firmen wurden in den letzten Monaten auf der Zielgeraden daran gehindert, sich in New York an der Börse notieren zu lassen. Und reihenweise verabschiedeten sich die Gründer der Tech-Konzerne aus dem medialen Rampenlicht oder gaben gar ihre Posten ab. Vor allem aber litt die Belegschaft der Unternehmen, die in Scharen gekündigt wurde.

Lösung oder Ursache des Problems?

Wenn nun Vize-Premier Liu He bekräftigt, dass man künftig transparenter agieren wolle, ist das natürlich ein indirektes Schuldeingeständnis der vorherigen Vorschlaghammer-Politik. Offen eingestehen würde das die Parteiführung allerdings nicht, schliesslich gilt Staatschef Xi Jinping in China mittlerweile als unfehlbar.

Einerseits beweist Peking also mit seiner jetzigen Kursanpassung, dass es im Vergleich zu den USA und auch Europa eine deutlich stärkere Kontrolle über seine Märkte ausüben kann. Doch der staatliche Hebel, der nun als rettende Lösung erscheint, gilt unter vielen Ökonomen überhaupt erst als Ursache des Problems.

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