Tiefer Ölpreis
Konsumenten sind die Gewinner, einige Firmen die Verlierer

In den letzten Wochen ist der Preis für Erdöl in die Tiefe gerauscht. Während Privathaushalte deutlich entlastet werden, stehen Konzerne vor Problemen — und manche Länder gar vor der Staatspleite.

Fabian Hock
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Die Ölpreise sind seit Wochen auf Talfahrt, profitieren können vor allem die Konsumenten, etwa von Heizöl.

Die Ölpreise sind seit Wochen auf Talfahrt, profitieren können vor allem die Konsumenten, etwa von Heizöl.

Keystone

Tanken ist so billig wie lange nicht mehr. Ob Diesel oder Super: Weniger als 1.50 Franken müssen Autofahrer derzeit pro Liter bezahlen. Der Grund dafür ist der niedrige Ölpreis, der kurz vor Jahresende auf ein neues Fünf-Jahres-Tief gerutscht ist. Davon profitieren auch Hausbesitzer, die Heizöl derzeit zu Tiefstpreisen einkaufen. Für Mieter wirds ebenfalls günstiger: Der niedrige Heizölpreis verringert die Nebenkostenabrechnung. Die Schweizer Konsumenten profitieren vom günstigen Öl.

In der Wirtschaft sieht das Bild differenzierter aus. Beispiel Sulzer: Beim Industriekonzern aus Winterthur freut sich niemand über den billigen Rohstoff. Ein grosser Teil des Firmenumsatzes stammt aus dem Ölgeschäft. Sulzer produziert Pumpen und weitere Komponenten zur Erdölförderung. Letztere läuft in Saudi-Arabien, den USA und anderen Förderländern zwar auf Hochtouren. Doch angesichts des niedrigen Ölpreises verzichten viele Förderunternehmen auf Investitionen, zum Beispiel in Sulzer-Pumpen.

Vorteile sind überschaubar

Obwohl die Schweiz zu den Erdölimporteuren gehört, gibt es hierzulande Verlierer der Preisentwicklung. Dazu zählen auch der Automatisierungskonzern ABB sowie das in Steinhausen ZG domizilierte US-Unternehmen Transocean, das mit eigenen Plattformen und Schiffen nach Öl bohrt.

Einigen Branchen kommt der tiefe Ölpreis dagegen zugute. So können Firmen aus der Chemie- und der Bauindustrie etwas günstiger produzieren. In den asiatischen Ländern befeuert der billige Rohstoff den Wirtschaftsaufschwung. Die Asiaten haben dadurch mehr Geld in der Tasche. Das wiederum nützt der Schweizer Uhrenindustrie, denn viele ihrer Kunden stammen aus Asien.

Unter dem Strich sind die Vorteile für die Schweizer Industrie jedoch überschaubar. «Die Schweizer Wirtschaft ist vergleichsweise energieeffizient», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse. «Die Erdölabhängigkeit der Schweiz ist im Vergleich zu den Siebzigerjahren viel kleiner.» Schwankungen des Erdölpreises hätten daher einen viel geringeren Einfluss auf die Konjunktur als früher.

Solarenergie nicht tangiert

Viele Unternehmen profitieren weniger vom billigen Erdöl, als man vermuten würde. Beispiel Logistik: Obwohl der Treibstoffverbrauch in der Branche hoch sei, gewinne man nicht viel, sagt Philipp Muster, stellvertretender Direktor des Verbands schweizerischer Speditions- und Logistikunternehmen. «Für die betriebsexterne Logistik und die Spedition sehe ich keinen signifikanten Vorteil, der aus den tiefen Ölpreisen zu ziehen wäre, da die reduzierten Einkaufskosten in aller Regel auch am Markt weitergegeben werden.» Allenfalls LKW-Unternehmer, Airlines und Reedereien könnten Nutzen aus den günstigeren Einkaufsbedingungen ziehen, sagt Muster.

Die Auswirkungen auf den Stromsektor sind ebenfalls gering: «Der Schweizer Elektrizitätsmarkt korreliert kaum mit dem Rohölmarkt», sagt Dorothea Ditze, Sprecherin der Centralschweizerischen Kraftwerke AG. Auch die Befürchtung, das billige Öl blockiere den Ausbau erneuerbarer Energien, kann entkräftet werden. So sagt Sibylle Hamann vom Solarunternehmen Tritec: «Der Photovoltaik-Ausbau in der Schweiz und in Europa wird von dem niedrigen Ölpreis nicht beeinflusst.» Die Solarpanel-Hersteller kämpfen hauptsächlich gegen die stark subventionierte Konkurrenz aus China und weniger mit dem Ölpreis.

Während die Effekte auf die Schweizer Wirtschaft nicht dramatisch sind, reisst das billige Öl andernorts ganze Länder in den Abgrund. Venezuela steht kurz vor dem Staatsbankrott. Das Land ist einer der grössten Erdölexporteure der Welt. Bei Preisen von weniger als 60 Dollar pro Fass spült die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle des Landes nicht mehr genug Geld in die Kassen. Venezuelas Präsident Nicolas Maduro spricht mittlerweile gar von einem Ölkrieg, den die USA gegen sein Land führen würden.

Die USA erleben dank neuer Fördermethoden gerade einen Boom bei der Gewinnung von Öl aus Schiefergestein. Dieser trägt zum Preisverfall bei. Doch die Förderung von Schieferöl ist vergleichsweise teuer. Für viele Unternehmen lohnt sich das Geschäft bei den heutigen Preisen bereits nicht mehr.

Russland trifft es gleich doppelt hart: Das Land rechnet mit einem Verlust von 100 Milliarden Dollar durch den abgestürzten Ölpreis. Für die Russen ist der Ölexport eine der wichtigsten Einnahmequellen.

Lage bleibt vorerst prekär

Für die Erdölexporteure könnte es 2015 sogar noch schlimmer kommen. Analysten halten ein kurzfristiges Absacken des Preises deutlich unter die 50-Dollar-Marke pro Fass für möglich. Im Jahresdurchschnitt erwarten sie einen leicht höheren Preis von rund 70 Dollar.

Auf einen langfristig tiefbleibenden Ölpreis muss sich dagegen niemand einstellen. Das hat einen einfachen Grund: Erdöl ist eine begrenzte Ressource. Die Schieferöl-Förderung in den USA wird in wenigen Jahren zurückgehen, und die heute ausbleibenden Investitionen in den Förderländern werden schon bald Wirkung zeigen.

So sieht es auch Stefan Batzli, Geschäftsführer der Dachorganisation der Wirtschaft für erneuerbare Energien und Energieeffizienz AEE Suisse. Er geht davon aus, dass der Rohstoff «sehr schnell wieder teurer wird».