Aktienhandel
Folge des Brexit: Kein Hausarrest mehr für Schweizer Aktien in London

Seit dem EU-Austritt können die Briten ihren Finanzplatz wieder nach eigenen Vorstellungen regulieren. Sie anerkennen die Äquivalenz der Schweizer Börsenregulierung und lassen den Handel zu.

Daniel Zulauf
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Nach neunzehnmonatiger Abstinenz dürfen Schweizer Aktien wieder in London gehandelt werden.

Nach neunzehnmonatiger Abstinenz dürfen Schweizer Aktien wieder in London gehandelt werden.

Keystone

Der europäische Bannstrahl gegen Schweizer Aktien ist gebrochen. Im Zug der per Ende Januar verwirkten EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs können die helvetischen Dividendentitel wieder in London gehandelt werden. Der Bundesrat hat am Mittwoch ein seit Anfang Juli 2019 geltendes Verbot aufgehoben. Gegenüber der EU bleibe das Verbot aber unverändert in Kraft, präzisierte das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen in einer Mitteilung.

Das Handelsverbot war die Antwort gewesen auf eine vorgängige Massnahme der Europäischen Kommission, die der Regulierung der Schweizer Börse die Äquivalenz mit der EU-Regulierung aberkannt hatte. Schon 2018 hatte die EU-Kommission der Schweiz mit der Aberkennung der Börsenäquivalenz gedroht, die Drohung aber erst im Juni 2019 wahr gemacht. Die Brüsseler Massnahme und die helvetische Antwort darauf führten zu einem faktischen Hausarrest für Schweizer Aktien.

Erst der Brexit brachte die nötigen Voraussetzungen

Das offensichtliche Ziel der EU-Sanktion bestand darin, dem Durchbruch des seit rund drei Jahren hängigen Abschlusses eines «institutionellen Rahmenabkommens» mit der Schweiz etwas «nachzuhelfen». Dass dies nicht so leicht möglich ist, war eigentlich vorauszusehen. Immerhin war der Vertragstext in dem vom Bundesrat 2019 durchgeführten Konsultationsverfahren in mehreren Punkten durchgefallen. In der Konsultation wurde klar, dass der Vertrag in der bestehenden Form eine Volksabstimmung kaum überstehen würde. Die Bemühungen des Bundesrates um Nachverhandlungen stiessen in Brüssel auf taube Ohren.

Vor diesem Hintergrund hätte der Hausarrest für Schweizer Aktien wohl noch lange so weitergehen können, wenn der Brexit die Regeln nicht grundlegend verändert hätte. Die Briten können ihren Finanzplatz seit dem EU-Austritt wieder nach den eigenen Vorstellungen regulieren und als traditionsreicher Börsenstandort nimmt London den Handel mit Schweizer Blue-Chips offensichtlich gerne wieder auf.

Börsenbetreiberin Six begrüsst die erfolgte Öffnung

Vor Ausbruch des Börsenstreites zwischen Bern und Brüssel waren rund 20 Prozent des Handelsvolumens mit Schweizer Aktien über britische Plattformen wie die LSE, die CBOE Europe, Turqoise, Instinet und verschiedene bankinterne Matchingsysteme gelaufen. Durch den EU-Bann ist der Marktanteil der Schweizer Börse auf 100 Prozent gestiegen.

Zwar haben sich als Folge der durch die Sanktion gestiegenen Handelsvolumina zu einer für die Anleger günstigen Verengung der Preisspannen geführt, wie ein Six-Sprecher ausführte. Dennoch wird die nun erfolgte Öffnung von der Börsenbetreiberin ausdrücklich begrüsst. «Wir haben uns immer für offene und internationale Kapitalmärkte eingesetzt. Dies im Interesse der nationalen und internationalen Anleger», wird Six-Präsident Thomas Wellauer in einer Medienmitteilung zitiert.

Begrüsst wird die Normalisierung der Börsenbeziehungen mit Grossbritannien vom ganzen Schweizer Finanzsektor. Insbesondere die Bankbranche strebt eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit Grossbritannien an. Der gegenseitige Austausch im Finanzdienstleistungsbereich berge noch «beträchtliches Potential», konstatierte die Bankiervereinigung kürzlich in einem Positionspapier. Im Juni 2020 hatten der britische Schatzkanzler Rishi Sunak und der Schweizer Finanzminister Ueli Maurer eine Absichtserklärung zur Stärkung der Beziehungen der beiden Finanzplätze unterschrieben. Seit Herbst organisiert die Bankiervereinigung einen regelmässigen Finanzdialog, der in einem Staatsvertrag gipfeln soll.