Die Schweiz gilt als Weltmeisterin im Recycling. Ganz ohne Gesetz. Wer seine Flaschen und Dosen in die Container zur Wiederverwertung wirft, tut dies aus Freiwilligkeit.

Laut dem Bundesamt für Umwelt beträgt die Recycling-Quote bei PET-Flaschen 83 Prozent, bei Alu-Dosen 92 Prozent und bei Glasflaschen 94 Prozent.

Doch ginge es noch besser? 32 Parlamentarier meinen: ja. Namhafte Politiker von links bis rechts wie Bastien Girod (Grüne), Andreas Aebi (SVP), Petra Gössi (FDP), Martin Landolt (BDP) und Kathy Riklin (CVP) haben eine parlamentarische Initiative von Alois Gmür (CVP) mitunterzeichnet.

Sie fordern eine Einführung eines Pflichtpfands für Getränkeflaschen und –dosen. In der Begründung schreibt Gmür:

Ein Pfand gäbe diesen einen Wert, sodass es sich lohnt die Flaschen und Dosen zu sammeln und an die Verkaufsstelle zurückzubringen.

So könnten das umweltschädliche Wegwerfen und die Abfallmengen reduziert werden, glaubt Gmür. Ein Pflichtpfand käme auch Tieren zugute, da diese nicht zwischen Gras und herumliegenden PET-Flaschen und Dosen unterscheiden könnten.

«Sie erkranken daran und können sogar verenden.» Gmür, der in Einsiedeln SZ eine eigene Brauerei betreibt, verweist auf das Ausland, wo vielerorts das Pflichtpfand erfolgreich eingeführt worden sei.

Tönt vernünftig? Nicht in den Ohren der Detailhändler. Die Interessensgemeinschaft Detailhandel Schweiz, zu der Migros, Coop, Denner und Manor gehören, lehnt ein Pflichtpfand in aller Form vehement ab. Das heutige Recycling-System funktioniere seit 30 Jahren mit geringen Kosten sehr gut, sagt ein Sprecher.

Hierzulande gibt es rund 100'000 Sammelstellen, die Hälfte allein für PET-Flaschen. Ein Pflichtpfand könnte dieses System laut den Händlern gefährden: «Es hätte den Aufbau eines komplett neuen Recycling-Systems mit sehr viel weniger Rückgabestellen zur Folge.

Dann würde nicht mehr, sondern weniger zurückgebracht werden und das Littering eher gefördert», sagt der Sprecher. Ein Pflichtpfand sei weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll.

Heute nehme jede Verkaufsstelle von Migros, Coop, Denner und Manor PET-Flaschen zurück, sagt der Sprecher. Pro Jahr sammle der hiesige Handel 20'000 Tonnen. Bei Alu-Dosen und Glas-Flaschen sei die Recyclingquote sogar noch höher als beim PET, so der Sprecher der Händler. Deshalb lehne man auch bei diesen ein Pfand ab.

Auch die Supermarktkette Volg der Bauern-Genossenschaft Fenaco wehrt sich gegen eine neue Regelung: «Es wäre unsinnig, an einer solchen Erfolgsstory etwas zu ändern», sagt eine Sprecherin. Die Sammelpunkte würden drastisch sinken.

«Auf Bahnhöfen gäbe es keine Sammelbehälter mehr. Auch in Büros, Schulen, Freizeitanlagen und an der Gemeindesammelstelle könnte man kein PET mehr zurückgeben.» Von heute 50'000 PET-Sammelstellen würden bloss rund 7000 Geschäfte der Detailhändler übrig blieben.

Der Umweltschutz-Organisation Greenpeace sind die PET- und Alu-Behälter ein Dorn im Auge. Man fordere generell eine Reduktion von Einwegverpackungen. Ein Pfand solle aber nur eingeführt werden, sofern damit eine höhere Recyclingquote erreicht werden kann.

Jean-Claude Würmli, Geschäftsführer vom Verein PET Recycling Schweiz, weist auf dieselben negativen Folgen eines Pfands hin wie die Detailhändler. Zudem zeigt er sich überrascht ob dem Vorstoss von Alois Gmür.

Dabei handle es sich um die identische parlamentarische Initiative wie sie Gmür bereits einmal vor sieben Jahren eingereicht habe. Diese wurde vom Nationalrat damals klar abgelehnt.

Es brauche keine Systemänderung, sagt Würmli. Der Blick ins Ausland zeigt laut Würmli, dass auch Länder mit Pfandsystemen Probleme mit dem Littering haben.

Deshalb sei es wichtig, die Bevölkerung weiterhin auf die Vorteile des Recyclings hinzuweisen. Komme hinzu, dass PET-Flaschen nicht das eigentliche Problem seien. Tatsächlich machen laut dem Bundesamt für Umwelt Take-away-Verpackungen, Zigaretten-Stummel, Plastiksäcke und Zeitungen 83 Prozent des Litterings aus.

Und laut der ETH Zürich sind die Littering-Zahlen trotz einer wachsenden Bevölkerung und mehr Unterwegsverpflegung stabil bis rückläufig.

Laut Würmli betragen die Kosten für das heutige Sammelsystem rund 90 Millionen Franken pro Jahr. Mit einem Pfandsystem würden die Kosten auf 290 Millionen steigen. Zu diesem Schluss sei das Bundesamt für Umwelt bereits beim ersten Vorstoss von Alois Gmür gekommen.

In Deutschland gibt es das Pfandsystem. Bei Einwegflaschen und -Dosen beträgt das Depot 25 Cent. Laut offiziellen Angaben beträgt die Sammelquote in Deutschland 98 Prozent bei PET-Flaschen - ein Wer, den Würmli anzweifelt.

Einerseits handle es sich dabei um eine Hochrechnung und keine genaue Messung. Andererseits bezieht sich die Zahl auf die gesamte, gesammelte Menge. In der Schweiz beziehen sich die 83 Prozent hingegen auf das tatsächlich wiederverwertete Plastik.

Ein Pfand auf Plastikflaschen – damals noch vielfach bestehend aus dem Polymer PVC – gab es in der Schweiz bereits einmal. Das Mindestpfand betrug 30 Rappen, bei grossen Flaschen waren es 50. Anfang der 2000er-Jahre hoben es die Händler aber auf. Die Ironie: In der Mitteilung von damals schrieb die Migros 2002, dass die Rücklaufquote mit der Aufhebung des Depots sinken dürfte. Das Gegenteil war der Fall.

Um einen Lenkungseffekt zu erzielen würden 30 Rappen heute aber nicht mehr ausreichen, sagt Würmli. «Auch 50 Rappen würden kaum etwas bewirken wenn abends die Geschäfte schon zu sind. Kaum jemand würde seine Cola-Flasche vom Ausgang nach Hause nehmen, um sie am nächsten Tag ins Geschäft zu retournieren. Da wäre wohl mindestens ein Franken nötig.»