Coronavirus

Horrorszenario für Reisebüros: Branche befürchtet Abbau von jeder vierten Stelle

Hotelplan entlässt fast 20 Prozent seiner Belegschaft. In der Schweiz sind 170 Arbeitsplätze betroffen.

Hotelplan entlässt fast 20 Prozent seiner Belegschaft. In der Schweiz sind 170 Arbeitsplätze betroffen.

Der Abbau bei Hotelplan ist erst der Anfang für die Reisebürobranche. Neue Zahlen zeigen: insgesamt könnten 2000 Stellen verloren gehen.

Die gegenwärtige Pandemie hat die reisewütigen Schweizer wider Willen zu Stubenhockern gemacht. Ferien in der Schweiz sind inzwischen zwar wieder gut möglich, Reisen ins Ausland werden aber noch kaum gebucht. Reiseveranstalter gehören deshalb zu den grössten Verlierern der Coronakrise. Obwohl der Geldhahn für Kurzarbeit noch nicht versiegt ist, kommt es schon jetzt zum ersten grossen Stellenabbau: Die Migros-Tochter Hotelplan gab gestern bekannt, dass sie 425 Stellen streicht – 170 davon in der Schweiz. Die restlichen Entlassungen erfolgen mehrheitlich in Deutschland und Grossbritannien, wo Hotelplan-Töchter wie Explore und Inntravel tätig sind. Insgesamt wird fast jede fünfte Person entlassen.

Zudem reduziert Hotelplan die Anzahl Filialen. In der Schweiz werden von den 96 Standorten folgende 12 geschlossen: Allschwil, Basel M-Parc, Bern Westside, Buchs St.Gallen, Glarus, Kriens, Liestal, St.Gallen Bahnhofstrasse, Zürich Migros City, Travelhouse Basel, Travelhouse Lausanne, Globus Reisen Lounge Basel.

«Die Entwicklung im Reisegeschäft ist ein Albtraum für uns alle», sagt Thomas Stirnimann, CEO der Hotelplan Group, gegenüber CH Media. «Es tut weh, dass wir nicht mehr allen Mitarbeitenden eine Perspektive bieten können». Für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei ein Sozialplan ausgearbeitet worden. «Die meisten wurden per sofort freigestellt. Sie können sich mit aktuell noch vollem Lohn also auf Stellensuche begeben», sagt Stirnimann. Für einige gebe es möglicherweise Lösungen innerhalb der Migros-Gruppe.

Verhalten von Swiss spielte bei Entscheid keine Rolle

Angesichts der riesigen Verluste, die Hotelplan seit Ausbruch des Coronavirus verbuchen musste, überrascht der Stellenabbau nicht. Laut Stirnimann musste Hotelplan in den vergangenen zehn Wochen Reisen im Wert von 800 Millionen Franken annullieren. Und das bei einem jährlichen Umsatz von etwa 1,8 Milliarden Franken. «Neue Buchungen tröpfeln langsam zwar wieder rein, insbesondere nach Griechenland und Zypern. Im Vergleich zu vorher sind diese aber praktisch gleich Null.» Profitieren kann davon immerhin der Konsument: Zahlreiche Sommerangebote sind für einmal noch nicht ausgebucht, sondern zu günstigen Konditionen zu haben.

Welche Rolle spielte bei dem Entscheid eigentlich die Swiss? Sie wird von den Reisebüros seit Wochen heftig kritisiert, weil sie ihnen die bereits erhaltenen Kundengelder für stornierte Reisen nicht zurückbezahlt. «Die Swiss macht uns das Leben sicher nicht einfacher. Die Entlassungen sind aber nicht ihre Schuld», so der CEO. «Ein Liquiditätsproblem haben wir dank unseres Mutterkonzerns nicht. Wir können uns verschulden.» Der Entscheid sei aufgrund der langfristigen Perspektive gefallen: Bis das Unternehmen wieder auf soliden Beinen steht, dürfte es zwei Jahre dauern.

Dass ausgerechnet Hotelplan mit einem starken Mutterkonzern im Rücken einen solchen Abbau verkündet, ist indes alarmierend und lässt das Ausmass der zukünftigen Entlassungswelle erahnen. «Wir gehen davon aus, dass auch andere Reisebüros ihre Strukturen an die neuen Gegebenheiten anpassen müssen», sagt Max E. Katz, Präsident des Schweizer Reiseverbands. Ein Beispiel ist DER Touristik Suisse, zu dem auch Kuoni und Helvetic Tours gehören. CEO Dieter Zümpel kündigte in einem Interview mit der «Sonntagszeitung» jüngst einen Stellenabbau an.

Viele Reisebüros sind in letzten Jahren schon verschwunden

Damit beschleunigt die Coronakrise einen langjährigen Trend. In den letzten zwanzig Jahren sind fast sechs von zehn Reisebüros verschwunden. Dennoch war laut dem Schweizer Branchenverband die «Zahl der Reisebüros noch immer ausserordentlich hoch». In den kommenden Jahren dürfte es noch schneller gehen: mehr Reisebüros müssen schliessen, noch mehr Arbeitsplätze verschwinden.

Aktuell gehen in der Branche erschreckende Zahlen um: 2020 werden rund 70 bis 80 Prozent des Umsatzes wegbrechen, 25 Prozent aller Arbeitsplätze gehen verloren. Die Zahlen präsentierte diese Woche das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) an einem Anlass des Ländervereins OECD. Das Seco stützte sich auf Umfragen des Schweizer Reiseverbands.

Derzeit arbeiten gemäss dem Branchenverband noch rund 8000 Personen für Reisebüros. Demnach wird in der Branche derzeit ein Verlust von rund 2000 Stellen für möglich gehalten.

Die Krise der Schweizer Reisebüros ist Ausdruck der rabenschwarzen Aussichten im globalen Tourismus. Je nachdem wann die Erholung gelingt, werden gemäss Länderverein dieses Jahr zwischen 60 bis 80 Prozent aller Umsätze verloren gehen. In der Hotellerie etwa waren Ende Mai bloss 16 Prozent aller Zimmer belegt in Europa. In den USA waren es 35 Prozent.

Auch in der Schweiz durchleidet die Hotellerie historisch schlechte Zeiten. Was den ausländischen Tourismus betrifft, so wird die Hotellerie in diesem Jahr zurückgeworfen ins Jahr 1954. So weit muss man zurückgehen, um ein Jahr zu finden mit so wenigen ausländischen Touristen wie im Jahr 2020.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1