Plastikflaschen

Grüne und braune PET-Flaschen sind ein Problem: Nun geraten Valser und Rivella in Erklärungsnot

Bei der Nestlé-Tochter Henniez bestehen die Flaschen neu zu 75 Prozent aus recyceltem PET.

Bei der Nestlé-Tochter Henniez bestehen die Flaschen neu zu 75 Prozent aus recyceltem PET.

Getränkehersteller sind daran, für Plastikflaschen recyceltes PET einzusetzen. Bei Valser sind es bereits 100 Prozent - doch die PR-Botschaft der Coca-Cola-Tochter hat einen grossen Haken. Nun übt ein bekannter Konkurrent Kritik.

Der Stolz war gross: «Valser baut seine Rolle als Nachhaltigkeitspionier weiter aus» – so verkündete die US-Mutterfirma Coca-Cola die Innovation beim Schweizer Mineralwasserproduzenten vergangenen Sommer. Neu verwende Valser ausschliesslich PET-Flaschen aus 100 Prozent recyceltem Material, so genanntem R-PET. Eine gross angelegte Kampagne begleitete den Wechsel auf das nachhaltigere Plastik. Die traditionelle grüne Farbe der Valser-PET-Flaschen passte perfekt zur grünen Botschaft.

Tatsächlich ist die gesamte Branche daran, auf R-PET umzusatteln. Die Klimadebatte und Bilder von herumliegenden Plastikmüll haben die Getränkehersteller in Erklärungsnote gebracht. Auch die Nestlé-Tochter Henniez zieht mit. Alessandro Rigoni, Chef der Schweizer Sparte von Nestlé Waters, sagt gegenüber CH Media, dass ab sofort alle Henniez-PET-Flaschen zu 75 Prozent aus Schweizer R-PET bestehen, statt wie bisher zu 30 Prozent.

Als Konsument stellt sich allerdings die Frage: Wieso nur 75 Prozent, wenn Konkurrenten wie Valser bereits 100 Prozent davon einsetzen? Natürlich habe auch Henniez das Ziel, 100 Prozent zu erreichen. Man wolle aber schrittweise vorgehen, um sicherzustellen, dass langfristig genügend R-PET verfügbar sei. Denn heute übersteige die Nachfrage nach recyceltem PET das Angebot. Und Rigoni nennt einen weiteren Grund: «Gefärbte PET-Flaschen können noch nicht zu neuen PET-Flaschen recycelt werden, um die Gesamtmenge an R-PET zu steigern.»

Nestlé-Manager: «Das hätte weniger mit Nachhaltigkeit zu tun, sondern mehr mit PR»

Ohne Namen zu nennen, ist klar, welche grossen Schweizer Konkurrenten der Nestlé-Manager damit meint: Rivella mit seinen braunen Flaschen und Valser mit seinen grünen. «Heute recyceln wir in der Schweiz 82 Prozent aller PET-Flaschen, was schon sehr gut ist, aber logischerweise können damit nicht alle Hersteller 100 Prozent R-PET verwenden.» Um das Kreislauf-Prinzip „Flasche zu Flasche“ zu respektieren, verwende Nestlé nur so viel R-PET, wie aus den verkauften Henniez-Flaschen hergestellt werden könne.

«Es wäre unfair, unverhältnismässig viel R-PET einzukaufen, das der Markt an sich noch gar nicht hergibt und so anderen Herstellern ihre R-PET-Menge wegzunehmen. Das hätte weniger mit Nachhaltigkeit zu tun, sondern mehr mit PR.» Henniez selber verwendet zwar ebenfalls ein helles Blau für seine Flaschen, dieses ist laut Rigoni aber recycelbar, genauso wie transparentes PET.

Rigoni legt den Finger damit auf einen wunden Punkt, über den man in der Branche bisher nicht gerne gesprochen hat. Und was sagen die betroffenen Hersteller selbst? Bei der Aargauer Familienfirma Rivella heisst es, dass man heute 30 Prozent R-PET verwende und man daran arbeite, den Anteil zu erhöhen. Bei den Michel-Fruchtsäften seien es bereits 100 Prozent. Aber eben: Rivella trägt mit seinen braunen Flaschen selber nicht zu einem funktionierenden Recycling-Kreislauf bei.

Jetzt kümmert sich eine Arbeitsgruppe um das Thema

Die Sprecherin sagt dazu nur, dass eine Projektgruppe «mit Hochdruck an diesem Thema» arbeite und man in Zukunft alle Rivella-Flaschen in den Kreislauf zurückbringen wolle. Die Rivella Flaschen sind seit ihren Anfängen braun. Ursprünglich diente die Farbe als Lichtschutz für das auf Milch basierte Getränk. Heute ist es laut der Sprecherin «ein wichtiger Teil des Markenbildes.» Erst auf Nachfrage bestätigt sie, dass das Braun zwar immer noch besser, aber nicht mehr zwingend sei. Heisst: Würde Rivella auf die Farbe verzichten, wäre das Problem gelöst.

Ein Coca-Cola-Sprecher verweist ebenfalls auf eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Farbthematik beschäftige. Der US-Getränkeriese verwendet nebst Valser auch bei Sprite gefärbtes PET. Den Vorwurf, dass die Valser-Nachhaltigkeits-Kampagne widersprüchlich erscheine, da man weiterhin grüne Flaschen in den Umlauf bringe - die Firma bezeichnet sich selbst als «Nachhaltigkeitspionier» - kann der Sprecher nicht entkräften. Das grüne PET werde zwar bereits heute recycelt, könne aber nicht zu neuen Getränkeflaschen wiederverwertet werden.

Der Verband Pet Recycling Schweiz bestätigt die neue Arbeitsgruppe, in der auch Vertreter von Rivella und Valser sitzen. Ziel sei die Entwicklung von neuen Recycling-Verfahren für grüne und braune PET-Flaschen. Denn heute ist es chemischen Grünen noch nicht möglich, aus den verschiedenen Farbstoffen ein neues, homogenes R-PET herzustellen bei gleichbleibender Qualität. «Erste Ergebnisse sehen positiv aus, und wir hoffen, dass wir noch dieses Jahr den Durchbruch kommunizieren können», sagt eine Sprecherin. Das neue Verfahren käme in Bilten, Glarus, zur Anwendung. Dort wurde vergangenen April die laut dem Verband modernste PET-Verwertungsanlage Europas eröffnet.

4000 zusätzliche Sammelstellen geplant

Laut der Sprecherin dürfte die R-PET-Quote in der Schweiz in diesem Jahr von 40 Prozent 2019 auf 50 Prozent steigen. Eine 100 Prozent R-PET-Quote sei aber leider utopisch. Denn dafür müssten alle Flaschen 100 prozentig rein sein und keine Fremdstoffe beinhalten. Und vor allem müsste die Sammelquote von über 90 Prozent auf 100 Prozent steigen.

Das Problem: Vor allem unterwegs landen noch immer viele PET-Flaschen in herkömmlichen Abfallbehältern. Um dies zu ändern, plant der Verband in den nächsten Jahren bis zu 4000 zusätzliche Sammelstellen an Bus- und Tramstationen (CH Media berichtete). Erst kürzlich entschied die Stadt Bern, das Sammelsystem stark auszuweiten. Der Gemeinderat genehmigte dafür 50 zusätzliche Kehrichtbehälter mit Trennsystem und ein elektrisches Kleinmüllfahrzeug, das es zur Leerung benötigt.

Den Recycling-Bemühungen zum Trotz, bleibt die generelle Kritik an Einweg-Material bestehen – egal, ob sie nun aus PET oder R-PET bestehen. Bei der Umweltorganisation Greenpeace Schweiz heisst es, dass das Schweizer Bewusstsein für die Abfalltrennung im internationalen Vergleich zwar gross sei. In Bezug auf die Abfallvermeidung schneidet die Schweiz hingegen schlecht ab: Hiesige Haushalte produzieren mit 720 Kilogramm pro Person und Jahr hinter den USA und Dänemark weltweit am drittmeisten Abfälle.

Deshalb brauche es ein generelles Umdenken in Richtung «Zero Waste» (auf Deutsch: Null Abfall). Konsumgüterkonzerne wie Nestlé seien gefordert, auf alternative Mehrweg-Liefersysteme zu fokussieren.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1