Der Stellenabbau bei Novartis zählt zu den grössten der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Interne Unterlagen zeigen nun, wie der Pharmakonzern die Streichung von 2000 Arbeitsplätzen abfedern will: Mit hohen Abfindungen und grosszügig finanzierten Frühpensionierungen für ältere Mitarbeiter. Insgesamt dürfte der Abbau den Pharmakonzern mindestens einen hohen zweistelligen Millionen-Betrag kosten.

Novartis wird jedoch zunehmend zum Einzelfall. Anderen Branchen ist in den letzten Jahren das Geld ausgegangen für grosszügige Frührenten. Gewerkschaften klagen deshalb über einen «versperrten Notausgang» für ältere Arbeitnehmer. Doch Frühpensionierungen sind kontrovers. Der Arbeitgeber-Verband der Banken kritisierte sie kürzlich als «demografischen Blödsinn.» Man müsse Restrukturierungen anders lösen.

Der Kahlschlag bei Novartis wurde im vergangenen Herbst öffentlich. Konzern-Chef Vas Narasimhan versicherte damals in einem Interview mit dieser Zeitung: «Die Mitarbeiter werden anständig behandelt.» Aus den internen Unterlagen, die der Redaktion von CH Media vorliegen, wird nun ersichtlich: Zumindest lässt sich Novartis die Massenentlassung sehr viel Geld kosten.

Novartis-CEO: „Wir werden agiler und effizienter“

Der Novartis-CEO im Video-Interview: «Wir werden agiler und effizienter.» (25. September 2018)

Frühpension ab 58

In die Frühpensionierung dürfen ältere Mitarbeiter, die das 58. Lebensjahr erreicht haben. Ihnen zahlt Novartis eine Abfindung von mindestens 100'000 Franken. Wer über 25 Jahre beim Konzern war, darf sich auch 4000 Franken pro Dienstjahr auszahlen lassen. Und Novartis schiesst jedem frühpensionierten Mitarbeiter noch maximal 90 000 Franken in die Pensionskassen ein.

Doch bei Novartis erhalten auch jüngere Mitarbeiter hohe Abfindungen. Wer zwischen 55 und 58 Jahre alt ist, erhält ebenfalls mindestens 100'000 Franken. Dazu einen Zuschlag von 14 Prozent, also insgesamt 114'000 Franken. Wer unter 50 ist, erhält eine mit Dienstjahren und Alter verrechnete Abfindung. Ein Beispiel: Wer 20 Jahre bei Novartis arbeitete, 45 Jahre alt ist und 8000 Franken im Monat verdiente, bekommt 72'000 Franken. Auf diese Weise werden langjährige Mitarbeiter bessergestellt. Hinzu kommen Härtefall-Lösungen und weitere Zahlungen, etwa Beiträge an die Pensionskasse.

Damit wird die Sparübung richtig teuer für Novartis. Denn betroffen sind total über 2000 Mitarbeiter an den Standorten Basel, Stein, Schweizerhalle, Locarno und Rotkreuz. Selbst wenn gewisse Entschädigungen nicht ausgezahlt werden, weil Mitarbeiter eine Novartis-interne Stellen annehmen, werden sich die Kosten für das ganze Programm wohl mindestens auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen.

Dem Beispiel Novartis folgen heute am ehesten noch die Banken. Derzeit greifen sie mit grossem Vorsprung auf andere Branchen auf dieses Mittel zurück. Im Gesundheits- und Sozialwesen ist der Anteil der Frühpensionierten gemäss Bundesamt für Statistik nur halb so hoch.

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Frührenten werden seltener

Dabei hat selbst der eigene Branchenverband kürzlich Frühpensionierungen einen «demografischen Blödsinn» genannt. Denn Mitarbeiter würden mit der gesellschaftlichen Alterung je länger, je mehr fehlen. Man müsse andere Wege finden, um Restrukturierungen zu meistern, so der Verband Arbeitgeber Banken.

Doch der «demografische Blödsinn» ist aktuell bei den Schweizer Banken nicht ohne Grund beliebt. Wie ein Sprecher von Arbeitgeber Banken sagt, sei die Frührente für die Mitarbeiter oft schlicht und einfach attraktiv. Der verfrühte Abschied aus dem Arbeitsleben wird finanziell derart gut entschädigt, dass mancher froh darüber sei. Vielleicht noch wichtiger: In der Bankenbranche könne man sich Frühpensionierungen leisten, so der Sprecher – «zumindest im Moment noch».

Ausser den Banken sind Frührenten jedoch den meisten Unternehmen mittlerweile zu teuer. In einer Studie des Bundes heisst es, in den letzten Jahren sei der finanzielle Spielraum dafür in der zweiten Säule der Altersvorsorge enger geworden. In der Folge wurden Frühpensionierungen seit 2005 seltener. Die Gewerkschaften sehen diesen Trend kritisch. Frühpensionierungen hätten am Arbeitsmarkt die Funktion von «Notausgängen», steht in einem Papier des Gewerkschaftsbundes: Ältere Arbeitnehmer könnten flüchten, wenn ein Stellenverlust drohe. Seien diese Notausgänge verschlossen, verschärfe sich ihre Situation.

In den Neunzigerjahren wurden Frühpensionierungen öfter als heute verwendet, um den wirtschaftlichen Wandel einigermassen sozial verträglich abzufedern. Damals stagnierte die Wirtschaft lange, die Firmen bauten Stellen ab – und Frühpensionierungen wurden häufiger.

Löhne in der Schweiz: