Gemüsemarkt
Laufsteg für Brokkoli, Blumenkohl und Bohnen – diese Gemüseinnovationen können wir bald im Laden kaufen

Im Herbst präsentieren Saatguthersteller ihre Neuheiten in den Niederlanden. Der Basler Konzern Syngenta will in diesem Bereich stark wachsen.

Roman Schenkel
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Das Gemüsefeld von Syngenta im niederländischen Grootebroek. Hier werden die Innovationen präsentiert.

Das Gemüsefeld von Syngenta im niederländischen Grootebroek. Hier werden die Innovationen präsentiert.

Syngenta

Was die Fashion Week in Mailand für die Mode ist, ist die Woche 39 im niederländischen Grootebroek für die Gemüsebauern. Statt High Heels oder schicke Anzüge sind allerdings Gummistiefel und Regenjacke gefragt, denn es regnet in Strömen.

Blumenkohl mit kleinerem Kopf und essbarem Stiel soll die Lebensmittelerschwendung reduzieren.

Blumenkohl mit kleinerem Kopf und essbarem Stiel soll die Lebensmittelerschwendung reduzieren.

Roman Schenkel / Aargauer Zeitung

In einem grossen Festzelt, mitten in Gemüsefeldern findet das Schaulaufen statt. Präsentiert werden Salatblätter, die perfekt auf ein Hamburgerbrötchen passen. Blumenkohl mit kleinem Kopf und essbarem Stengel wie ein Brokkoli, zehn Kilo schwere Kohlköpfe, die so in die Höhe wachsen, dass sie maschinell und nicht mehr von Hand geerntet werden oder Bohnen, die roh als Snack verzehrt werden.

Es sind die neusten Produkte aus der Zucht der Saatgutabteilung von Syngenta, die den angereisten Gemüsebauern und Grossverteilen aus aller Welt vorgestellt werden. Das Unternehmen mit Sitz in Basel forscht hier an Innovationen für das Gemüseangebot im Supermarkt. Die Reise in den Norden der Niederlande, rund 30 Minuten von Amsterdam entfernt, ist für die Gemüsefachwelt ein alljährliches Ritual.

Nicht nur Syngenta, auch die anderen grossen Saatguthersteller laden im Herbst zur Visite auf ihre Gemüsefelder. Die Besucher spazieren durch perfekt aufgereihte Gemüsefelder. Der Laie, CH Media nahm im Rahmen einer Pressereise teil, staunt über die Grösse der Pflanzen und des Gemüses.

«Seed Valley»: 40 Firmen, 3500 Angestellte

Die Niederlande ist eine der leistungsstärksten und innovativsten Argrarnationen weltweit. Das Klima ist ideal, nie zu heiss, nie zu kalt. Schon vor Hunderten Jahren wurden über die Häfen Produkte in die weite Welt verschifft. Heute gilt der Landzipfel zwischen Nord- und Zuidersee als Zentrum des Geschäfts mit Saatgut für Gemüse. Zwar fehlen Berge und Täler – die einzigen Orientierungspunkte in der Fläche sind die grossen Windräder – dennoch wird die Gegend «Seed Valley» genannt.

Das Gemüse ist der Star: Ein Syngenta-Angestellter präsentiert einen Kohlkopf.

Das Gemüse ist der Star: Ein Syngenta-Angestellter präsentiert einen Kohlkopf.

Syngenta

Mit gutem Grund: In einem Umkreis von rund 150 Kilometern sind hier rund 3500 Personen bei knapp 40 Unternehmen beschäftigt. Die Hälfte aller Gemüsearten, die weltweit gezüchtet wurden, sollen von hier stammen. Auf knapp 50 Milliarden Dollar wird der Saatgut-Markt geschätzt. Rund 60 Prozent davon ist Weizen und Soja.

Gemüse mache rund sieben Milliarden aus, sagt Jeff Rowe, Chef der Saatgut-Sparte von Syngenta. «Unser Markt wächst mit drei Prozent pro Jahr», sagt der US-Amerikaner. 3,3 Milliarden Dollar hat Syngenta im vergangenen Jahr in diesem Bereich umgesetzt. Rowe kann sich aufgrund der aktuellen Wachstumsdynamik eine Verdoppelung in den nächsten zehn Jahren vorstellen.

Mit den neuen Produkten wollen die Saatgut-Forscher zwei Fliegen aufs Mal schlagen: Zum einen die Produzenten und Verkäufer von ihren gezüchteten Sorten überzeugen, zum anderen einen Beitrag zur Minderung der Lebensmittelverschwendung leisten. Rund 30 Prozent des produzierten Gemüses wird gemäss Schätzungen von Syngenta verschwendet. Um diesen Prozentsatz zu reduzieren, arbeitet die Branche intensiv an neuem Gemüse, das den Wünschen der Verbraucher besser entspricht.

Für eine neue Gemüseart braucht es mehrere Jahre

Eine neue Gemüseart züchtet man jedoch nicht über Nacht. Die Naturgesetze lassen sich nicht überlisten. Für den Hamburgersalat dauerte es bis zur Marktreife über sieben Jahre. Neben seiner speziellen Grösse sind die Blätter auch spürbar dicker. «Dadurch bleiben die Salatblätter länger knusprig und sind auch länger im Kühlschrank haltbar», erklärt Lofti Bani, Wertschöpfungskette-Manager bei Syngenta.

So könne Foodwaste reduziert werden. Auch beim Blumenkohl, der in kleinerer Grösse daherkommt und in Grossbritannien bereits in den Läden erhältlich ist, dauerte die Erforschung rund sieben Jahre. Bei den Snackbohnen habe es gar 15 Jahre gedauert, erzählt Klaudia Borbola von der Produktentwicklung. Erst dann waren sie knackig genug und die Fasern, die sonst erst beim Kochen weich werden, weggezüchtet.

Gezüchtet wird nach altem mendelschem Gesetz. Man wählt Pflanzen, zum Beispiel Brokkoli, mit erwünschten Eigenschaften und befruchtet sie über mehrere Generationen mit sich selbst. Dann kreuzt man zwei solcher «Inzuchtlinien». Das Ergebnis sind sehr homogene Pflanzen – alle gleich gross, alle Früchte gleich geformt. Perfekt für die Massenproduktion in der Landwirtschaft. Hier sind die gezüchteten Sorten hochwillkommen. Denn die sogenannten Hybridsorten sind Hochleistungssorten.

Jan Bruin ist Pflanzenpathologe bei Syngenta. Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Wirsing oder Kohlrabi - viele Kinder verziehen bei einer solchen Aufzählung automatisch das Gesicht – sind seine Welt. Bruin erforscht die Pflanzengattung Brassica, besser bekannt als Kohlgemüse. Im Forschungszentrum in Enkhuizen konzentriert er sich auf die Entwicklung neuer Sorten, die gegenüber verschiedenen Schädlingen toleranter sind. «Hybridisierung ist ein langer Prozess, der zwischen 8 und 14 Jahren dauern kann», sagt er.

Das Forschungslabor nutzt den neuesten Stand der Technik. «Im Prinzip ist das Labor eine riesige Hightech-Indoor-Farm, innerhalb des Labors lässt sich auch das Klima anpassen – Licht, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Tageslänge», sagt Bruin. «Wir können auch Insekten und Krankheiten auf den Pflanzen in einheitlichen und geschlossenen Umgebungen freisetzen, ohne dass die Gefahr einer Kontamination in anderen Umgebungen besteht.»

Ungebrochener Trend zu mehr Gemüse auf dem Teller

All diese Technologie sorgt dafür, dass der Zusammenhang zwischen einer bestimmten Resistenz und der genetischen Information leichter zu finden ist. «Diese Gene können dann schneller in geeignete Linien gekreuzt werden», erklärt Bruin. Dabei geht es nicht nur die Resistenz vor Krankheiten. Die Forschenden versuchen auch Produktionsverluste, die aufgrund des Klimawandels – beispielsweise wegen Dürren – entstehen, zu reduzieren.

Noch sind Innovationen nicht in den Schweizer Regalen zu finden. Doch lange kann es nicht mehr dauern, die Syngenta-Verantwortlichen sind überzeugt, dass künftig deutliche mehr Gemüse gegessen wird. Der Trend zu gesünderem und proteinhaltigem Essen sei ungebrochen.

Der Franzose Jérémie Chabanis, der als Manager die Wertschöpfungsketten das EU-Geschäft von Syngenta verantwortet, kennt die Trends in den Restaurantküchen. Er steht regelmässig im Austausch mit Köchen. «Es kommt immer öfter statt einem saftigen Steak schmackhaftes Gemüse auf den Teller», sagt er. Deshalb sei Vielfalt beim Gemüse gefragt.

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