Raiffeisen
Gelder fliessen stärker als geplant

Tony Broghammer hat die ersten zehn Jahre der Raiffeisenbank Wandflue hautnah miterlebt und dabei ein spannendes Stück Bankengeschichte mitgeschrieben. Heute Abend treffen sich die Genossenschafter und feiern das Jubiläum

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Berner Rundschau

Urs Byland

Vor zehn Jahren war Grenchen ein «weisser Fleck», das heisst ein raiffeisenloses Gebiet. Das änderte sich 1999 mit der Fusion der beiden Raiffeisenbanken Bettlach und Selzach/Lommiswil und der Eröffnung einer Filiale in Grenchen. Die Absicht damals war: Grenchen sollte Raiffeisengebiet werden.

Viele Grenchner und Grenchnerinnen haben offensichtlich nur darauf gewartet, erobert zu werden. Obwohl die neue Raiffeisenbank Wandflue, wie sie sich seit der Fusion nennt, in Grenchen nicht bei Null in Sachen Anzahl der Genossenschafter begann, hatten in der neuen Geschäftsstelle an der Kapellstrasse die Angestellten alle Hände voll zu tun, die Neukunden aufzunehmen.

Grosse Marktdurchdringung
1999 startete die «Wandflue» mit 3323 Genossenschafter. Die Marktdurchdringung war in den Gemeinden Bettlach, Lommiswil und vor allem in Selzach bereits äusserst stark. Dort wurde schon 1902 eine Raiffeisenbank gegründet. «Wir hatten in diesen Gemeinden mit Ausnahme von Bettlach nicht mehr grosses Wachstumspotenzial», erklärt Tony Broghammer. Zehn Jahre später hat sich die Anzahl der Genossenschafter mit 7574 mehr als verdoppelt. «Ursprünglich hatte Selzach am meisten Mitglieder. Inzwischen hat Grenchen Selzach den Rang abgelaufen.» Aktuell leben 3517 Genossenschafterinnen und Genossenschafter in Grenchen, 1740 in Selzach, 1452 in Bettlach, 477 in Lommiswil und 388 in Lengnau. Letztere Gemeinde wurde 2006 in den Geschäftskreis aufgenommen. Pieterlen bildet ist weiterhin ein «weisser Flecke» in der Raiffeisenlandschaft. Es sei die Strategie der nächsten Jahre, dies zu ändern, erklärt Tony Broghammer.
Die imposante Entwicklung hat sich in der Anzahl der Mitarbeitenden niedergeschlagen. 1999 begann die «Wandflue» mit 8,6 Stellen. Heute sind es deren 22 Stellen, die von insgesamt 29 Personen (inklusive Lernende) besetzt werden.

Erneut ein Spitzenergebnis
Im letzten Jahr konnte die «Wandflue» das Spitzenergebnis von 2007 mit einem Bruttogewinn von 3,7 Mio. Franken egalisieren. Die Kunden haben 399 Mio. Franken Spargelder einbezahlt. Die Ausleihungen liegen bei 373 Mio. Franken. Zum Vergleich: vor zehn Jahren lagen die Kundengelder bei 178 und die Ausleihungen bei 187 Mio. Franken. Das Geld, das nicht im eigenen Markt ausgeliehen werden kann, wird in der Zentrale in St.Gallen parkiert, «zu marktgerechten Konditionen», so Broghammer. Mit der Wirtschaftskrise seien die Leute vorsichtiger mit Investitionen geworden. Mehr Geld ist also nach St. Gallen geflossen. Im letzten Jahr sei dies der grössere Teil der anvertrauten Kundengelder gewesen.

Ehre, aber auch Belastung
Als Folge der Bankenkrise sind der Raiffeisenbank viele Kundengelder zugeflossen. «Wir hoffen, dass dies ein einmaliger Vorgang war, weil die Situation volkswirtschaftlich problematisch ist. Wir haben nicht Freude, wenn es der Konkurrenz schlecht geht. Es ehrt uns, wenn die Leute Vertrauen in uns haben, aber wir müssen das Geld auch anlegen können.» Das Geschäftsregelement schränke dabei die Möglichkeiten ein. Riskantere Geschäftstätigkeiten seien nicht möglich. «Damit leben wir seit über 100 Jahren und wir leben gut.»

Dennoch hat sich die Raiffeisenbank Wandflue seit 1999 stark gewandelt. Da wird nicht nur gespart oder Hypotheken vergeben. Von der ursprünglichen Spar- und Hypothekenbank hat sie sich zu einem Finanzdienstleistungsbetrieb gewandelt. Zu Beginn sei das Geschäft neben den traditionellen Standbeinen Sparen und Ausleihen eher harzig verlaufen. «Unsere Dienstleistungen waren nicht gefragt, oder nicht attraktiv genug im damaligen Umfeld.» Heute sind nicht nur die Bankkunden anspruchsvoller, auch die «Wandflue» hat ihr Angebot sukzessive auf- und ausgebaut. Die Kooperationen mit der Bank Vontobel und der Helvetia Versicherungen haben die Angebotspalette attraktiviert. Intern haben sich die Mitarbeiter entwickeln müssen. Der frühere Kassier ist heute ein Bankfachmann, oft ein spezialisierter. Denn auch die Anlageberatung ist heute mit einem Depotvolumen von 68 Mio. Franken ein Standbein der «Wandflue». «Wir hatten früher noch das Image der Buurebank. Das lässt sich geschichtlich begründen, aber diese Zeit ist längst
vorbei.»