Neuer Chef?
Gegen seinen Chef wird ermittelt – jetzt läuft UBS-Präsident Axel A. Weber die Zeit davon

Die Strafuntersuchung gegen CEO Ralph Hamers ist jetzt offiziell. Dauert sie nur halb so lange wie die Vincenz-Untersuchung, muss Weber seinen wichtigsten Job dem Nachfolger überlassen.

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Eben erst Platz genommen und schon wieder weg? Axel Weber (Mitte) stellt Ralph Hamers (rechts) im Ferubar 2020 als kommenden UBS-Chef vor. Sergio Ermotti (links) überliess den Chefposten im November dem Niederländer.

Eben erst Platz genommen und schon wieder weg? Axel Weber (Mitte) stellt Ralph Hamers (rechts) im Ferubar 2020 als kommenden UBS-Chef vor. Sergio Ermotti (links) überliess den Chefposten im November dem Niederländer.

Walter Bieri / KEYSTONE

Nun ist es offiziell: Die niederländische Staatsanwaltschaft führt gegen UBS-Chef Ralph Hamers eine strafrechtliche Untersuchung. Das geht aus einem Statement hervor, das die Staatsanwaltschaft dieser Zeitung abgegeben hat. Ob es nach Abschluss der Untersuchung zu einer Anklage kommt, ist offen.

Schon länger Bescheid weiss der niederländische Aktionärsaktivist und Kläger Pieter Lakeman, der am 8. Januar brieflich über das weitere Vorgehen der Strafverfolgungsbehörde informiert worden war, wie diese auf Anfrage bestätigt.

«Wir haben in dem Brief gegenüber Herrn Lakeman und seinem Anwalt bestätigt, dass wir dem Auftrag des Gerichtes nachkommen werden», schreibt eine Sprecherin des für den Fall zuständigen «National Office for Serious Fraud, Environmental Crime and Asset Confiscation». Eine Voraussage über den zeitlichen Bedarf der Untersuchung sei im Moment nicht möglich. Zum Vergleich: Die Strafuntersuchung gegen den früheren Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz dauert zwei Jahre.

Geht Weber unverrichteter Dinge?

So viel Zeit hat UBS-Präsident Axel Weber allerdings nicht mehr. Der Deutsche muss im Frühjahr 2022 seinen Posten räumen. So ist es längst geplant. Aber wenn die Besetzung der CEO-Position bis dahin nicht definitiv geklärt ist, bleibt Webers wichtigste Aufgabe ungelöst.

Axel Weber.

Axel Weber.

Laurent Gillieron

Wer den ehemaligen Bundesbankpräsidenten kennt, der weiss: Weber wird alles unternehmen, um eine solche Schmach zu verhindern. Umso mehr, als der bald 64-jährige mit einem Jahresgehalt von sechs Millionen Franken zu den bestbezahlten Verwaltungsratspräsidenten Europas gehört.

Der Fall Hamers klebt Weber schon jetzt an den Fersen, obschon der Niederländer noch keine drei Monate UBS-Chef ist. Wo auch immer der Chairman dieser Tage in die Nähe von Journalisten kommt, wird er nach der Zukunft seines CEO gefragt. Vergangene Woche war die Reihe an einem Moderator des internationalen Bloomberg-Business-TV. Wird Hamers weiterhin die UBS steuern, wollte er von Weber wissen. Dieser antwortete ausweichend:

Ich bin sehr zuversichtlich, dass er als CEO von UBS gute Arbeit leisten kann.

Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu erkennen, dass Weber gerade arg in der Klemme steckt und lieber nicht über seinen wichtigsten Manager reden würde.

Kein Verschulden nachgewiesen

Der Schatten über Hamers senkte sich im Dezember, nur wenige Wochen nach dessen Inthronisierung als UBS-Chef. Ein Berufungsgericht in Den Haag beauftragte die niederländische Staatsanwaltschaft, noch einmal zu überprüfen, ob Hamers in dem vor zwei Jahren mit einem spektakulären Vergleich beigelegten Geldwäschefall in der niederländischen Grossbank ING tatsächlich keine persönliche Verantwortung nachzuweisen sei.

Ralph Hamers geniesst die Unschuldsvermutung.

Ralph Hamers geniesst die Unschuldsvermutung.

Keystone

Hamers war im kritischen Jahr 2013 ING-Chef geworden. Gemäss der ersten Untersuchung der Staatsanwaltschaft war es kriminellen Kunden der Bank in jener Zeit (2010 bis 2016) gelungen, Hunderte von Millionen Euro über eine Vielzahl von ING-Konti zu rezyklieren. Die Affäre kostete ING 775 Millionen Euro und den damaligen Finanzchef Koos Timmermans den Job. Ein persönliches Verschulden wurde aber keinem Mitglied des damaligen Managements nachgewiesen, auch Timmermans nicht.

Auch ehemaligem ABN-Amro-Chef droht Strafuntersuchung

Nach Auffassung Lakemans kann es nicht angehen, dass nur die Aktionäre für diesen Schaden grad stehen müssen. Er weiss die öffentliche Meinung in den Niederlanden hinter sich. Offenbar blüht demnächst auch ABN Amro eine Strafe in dreistelliger Millionenhöhe für Verfehlungen bei der Geldwäschrei-Prävention, wie die niederländische Zeitung Financieele Dagblad am Mittwoch gemeldet hat. Die Strafbehörde soll gemäss der Zeitung auch ein Strafverfahren gegen den ehemaligen ABN-Amro-Chef Gerrit Zalm prüfen. Zalm war Finanzminister in den Niederlanden, bevor er die Leitung der in der Finanzkrise verstaatlichten Bank übernommen hatte.

Hamers geniesst selbstredend die Unschuldsvermutung. Doch sein Handlungsspielraum ist durch die Strafuntersuchung eingeschränkt. Ob er für den UBS-Verwaltungsrat heute noch wählbar wäre, ist zweifelhaft. Offiziell gilt bei der UBS die Sprachregelung, man habe «volles Vertrauen» in die Fähigkeit des CEO, die UBS zu führen. Doch man muss annehmen, dass die Vertrauensbekundung in den vergangenen Tagen etwas von ihrem anfänglichen Wert verloren hat.

Lakeman wirft Hamers überzogene Sparwut vor

Das ist eine Vermutung, deren Plausibilität sich aber an einem einfachen Beispiel darstellen lässt: Lakeman, der die gerichtliche Revision des ersten ING-Vergleichs über seine Stiftung «Sobi» zur kritischen Erforschung von Unternehmensinformationen angestrengt hatte, wirft Hamers eine verantwortungslose Sparwut insbesondere im Bereich der Geldwäscheprävention vor. Dieser habe in seiner Zeit als ING-Chef nicht nur Warnungen – etwa von Seiten seines obersten Risiko-Chefs – in den Wind geschlagen, sondern auch nicht verhindert, dass interne Kritik an den Sparmassnahmen der Bank «im Keim erstickt» worden seien. Lakeman und dessen Anwalt, Gabriel Meijers, beziehen sich nach eigenen Angaben auf Zeugen, welche die niederländische Steuer- und Zollfahndungsbehörde im Rahmen der ING- Untersuchung befragt haben soll.

Wahrscheinlich sollte man diese Vorwürfe nicht ganz zum Nennwert nehmen, immerhin stammen sie von der klagenden Partei. Doch ignorieren kann sie der UBS-Verwaltungsrat trotzdem nicht. So wie die ING ist auch die UBS zum Sparen gezwungen. Das eben erst publik gemachte Filialschliessungsprogramm in der Schweiz macht dies deutlich. Die Verpflichtung Hamers’ gründete nicht zuletzt auf der Idee, die Automatisierung und Digitalisierung der Bank stärker voranzutreiben. Ist Hamers immer noch der richtige Mann dafür? Lakeman sagt, der heutige UBS-Chef habe bei ING «mehr Wert auf Gewinn als auf Compliance» gelegt.