Interview

«Eine Pandemie ist nicht versicherbar» –Helvetia-Chef Philipp Gmür verteidigt die Praxis seines Unternehmens und skizziert eine Lösung für den künftigen Umgang mit Grossrisiken

«Wir lassen unsere Kunden nicht im Regen stehen, im Gegenteil»: Philipp Gmür, Konzernchef des Versicherers Helvetia, am Hauptsitz auf dem Rosenberg.

«Wir lassen unsere Kunden nicht im Regen stehen, im Gegenteil»: Philipp Gmür, Konzernchef des Versicherers Helvetia, am Hauptsitz auf dem Rosenberg.

Ein Versicherungsobligatorium und der Bund als Hauptzahler im Schadenfall: Das könnte laut Helvetia-Chef Philipp Gmür die Lösung sein. Denn: Im Alleingang könne die Assekuranz Schäden wie etwa aus einer globalen Seuche nicht abdecken.

Als Konzernchef eines Versicherers: Wie vorsichtig sind Sie als Privatperson?

Philipp Gmür: Ich bin sicher ein risikobewusster Mensch, immer für den schlechtesten Fall gewappnet. Beim Sport zum Beispiel schaue ich, dass ich immer noch Reserven habe, beim Jassen gebe ich möglichst nicht am Anfang alle Trümpfe aus der Hand.

Hat Sie Ihr Risikobewusstsein auch schon im Stich gelassen?

Ich wäge Risiken und Chancen immer ab. Aber ja: Zeitweilige Unvorsicht hat auch schon zu einem Skiunfall geführt.

Wie halten Sie es denn diesen Winter mit Schneesport?

Ich bin erst auf Langlaufskis gestanden. Ich möchte aber auch noch alpin Ski fahren und hoffe, dass neben den Skigebieten später auch die Bergbeizen noch öffnen. Denn am Berg etwas zu essen und ein Glas zu trinken, gehört für mich dazu.

Abgesehen vom Skifahren – wie schützen Sie sich vor Corona?

Zum einen halte ich mich strikt an die Empfehlungen und Pflichten wie Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen. Zum anderen haben wir den physischen Kontakt mit Freunden und der erweiterten Familie massiv eingeschränkt. Auch über die Festtage haben wir im sehr kleinen Kreis gefeiert. Es ist zentral, dass jetzt alle die Schutzmassnahmen einhalten.

Kommen wir zum Geschäft. Nach öffentlicher Empörung hat Helvetia Gastronomiebetrieben mit Epidemieversicherung, aber Pandemieausschluss, im Rahmen eines Vergleichs Zahlungen angeboten, um einen Teil des Schadens aus Betriebsunterbruch zu ersetzen. Wie sieht die Bilanz 2020 aus?

Die Lage der Gastronomie ist dramatisch. Helvetia hat den Vergleich angeboten, weil die Gastrobranche von Corona mit am empfindlichsten getroffen wurde und weil teils die Rechtslage umstritten ist. Unser Vergleichsangebot ist in der Schweiz von über 95 Prozent der betroffenen Betriebe akzeptiert worden. In Deutschland sind es 50 Prozent, auch das ist ein gutes Echo.

An der Semesterkonferenz hatten Sie aber auch von ersten Klagen berichtet von Gastronomiebetrieben, die den Rechtsweg beschreiten. Wie sieht es hier aus?

In der Schweiz laufen bis jetzt eine Handvoll Rechtsverfahren, entschieden ist noch keines. In Deutschland gab es bisher vier Prozesse, davon haben wir in erster Instanz drei gewonnen und einen verloren. Alle werden wohl weitergezogen, und entscheidend wird sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland das Urteil des obersten Gerichts sein.

Schäden einer Epidemie oder Pandemie sind bei Helvetia nun nicht mehr versicherbar. Warum lassen Sie Ihre Kunden im Regen stehen?

Wir lassen unsere Kunden nicht im Regen stehen, im Gegenteil: Wir gewährten Mietzinserlasse, Prämienstundungen und vieles mehr. Aber es gibt zwei Gründe, warum eine Pandemie nicht versicherbar ist. Erstens das schiere Ausmass der Schäden und zweitens das Aufkommen des Schadens überall und gleichzeitig. Man muss die Dimensionen sehen: Der Schaden des Computervirus WannaCry betrug 8 Milliarden Dollar, bei den 9/11-Terroranschlägen waren es 40 Milliarden, bei der Reaktorkatastrophe in Fukushima 210 Milliarden. Bei Corona rechnet die Weltbank dagegen mit globalen Schäden von 4500 Milliarden Dollar. Das sind 5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Und das könnte die Versicherungsindustrie nicht stemmen?

Die Branche müsste die Prämieneinnahmen aus Versicherungen für Betriebsunterbrüche aus 150 Jahren zur Schadendeckung aufwerfen. Das ist schlicht nicht machbar. Zumal der Risikoausgleich fehlt, weil aufgrund der zunehmenden Verknüpfung ganz viele Branchen betroffen sind.

Von den geschätzten Coronaschäden von global 4500 Milliarden Dollar dürfte lediglich 1 Prozent durch Versicherungsleistungen gedeckt sein. Das zeigt aber auch: Eine Lösung tut not, damit sich Unternehmen versichern können.

Das stimmt. Wir dürfen nicht wegschauen. Aber die Versicherungsindustrie kann das nicht allein tun. Es braucht für eine Pandemieversicherung eine Public Private Partnership, eine PPP, also eine partnerschaftliche Lösung von öffentlicher Hand und Versicherungsindustrie.

Vertreter der Schweizer Versicherungsbranche sind diesbezüglich seit einem halben Jahr im Gespräch mit der Bundesverwaltung, namentlich dem Finanzdepartement. Worauf müsste es Ihrer Meinung nach hinauslaufen?

Erstens kann die Versicherungsbranche im Schadenfall nur einen Teil der Kosten übernehmen, den grösseren Teil müsste der Bund zahlen. Zweitens braucht es ein Obligatorium, damit alle mit ihren Prämien mitzahlen. Vorbild kann hier der Elementarschadenpool zur Deckung von Schäden aus Naturereignissen sein. In diesem Pool lebt zum Beispiel der Gebirgskanton Uri, wo es eher Erdrutsche und Hochwasser gibt, von der Solidarität von Kantonen wie dem Thurgau. Drittens geht es um die Schadensaufnahme und -erledigung. Hier kann die Versicherungsbranche ihre Expertise einbringen, ähnlich wie es die Banken bei der Vergabe der Covid-19-Kredite tun.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass eine Lösung gefunden wird?

Das ist schwierig zu beurteilen. Ein Scheitern schliesse ich nicht aus: Ein Obligatorium bräuchte wohl eine Verfassungsgrundlage und damit eine Volksabstimmung, und das dauert seine Zeit. Zudem tendiert der Mensch dazu, dass er Risiken systematisch ausblendet, gleichsam als Überlebens­reflex. Und er ist vergesslich. Möglich, dass sich nach der aktuellen Pandemie die Ansicht durchsetzt: Das haben wir überstanden, jetzt können wir zur Tagesordnung übergehen.

Allenfalls auch deshalb, weil der Bund ja zumindest beim ersten Lockdown den Geldhahn aufgedreht hat?

Wir in der Schweiz hatten Glück, dass der Staat in der Lage war, sehr schnell und teils auch sehr grosszügig Hilfe zu leisten. Das ist nur dank der Schuldenbremse möglich gewesen. Dennoch wird es eine halbe bis eine ganze Generation dauern, den Schuldenberg abzubauen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Lage geraten wie bei der AHV oder der beruflichen Vorsorge, wo das Problem einfach immer weiter in die Zukunft geschoben wird.

Könnte einer Pandemieversicherung das gleiche Schicksal drohen wie einer nationalen Erdbebenversicherung, über die seit Jahren ergebnislos diskutiert wird?

Möglich. Von einer Erdbebenversicherung würden in erster Linie Basel, das Wallis und das St.Galler Rheintal profitieren, weil es in diesen Gegenden öfter und stärker bebt. Aber das letzte schwere Erdbeben, jenes in Basel 1356, liegt über 650 Jahre zurück. Das macht zu einem gewissen Grad sorglos, die Bedrohung wird als abstrakt wahrgenommen. Aber wenn wir ins nahe Norditalien blicken, sehen wir: Die Gefahr ist real. Deshalb ist es auch Aufgabe der Politik, zu definieren, wie sich die Schweiz gegen künftige Grossrisiken absichern will.

In seiner jüngsten nationalen Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz» identifiziert das Bundesamt für Bevölkerungsschutz als grösste Risiken neben der Gefährdung Pandemie die beiden Gefährdungen Strommangellage im Winter und Ausfall Mobilfunk. Inwieweit sehen Sie hier die Versicherungsbranche gefordert?

Generell bei Grossrisiken gilt: Unsere Branche muss über diese aufklären und zur Prävention mahnen. Der Versicherungsschutz und die materielle Entschädigung im Schadenfall kommen erst zum Schluss. Wir müssen deshalb sicherstellen, dass wir eine stabile Infrastruktur haben. Hochwasserschutz, erdbebensicheres Bauen, Notstromaggregate – das sind nur ein paar Beispiele. Nicht zu vergessen der Klimaschutz. Unter den Folgen des Klimawandels, beispielsweise immer mehr und ausgeprägteren Wetterextremen, leidet auch die Versicherungsindustrie.

Sie haben zuvor das Computer-­Schadprogramm WannaCry erwähnt. Wie steht es um die Absicherung gegen Cyberkriminalität?

Durch Fälle wie WannaCry oder Cyberangriffe auf prominente Unternehmen steigt die Betroffenheit, aber auch die Sensibilisierung. Das sehen wir bei unseren Firmenkunden. Aber auch hier gilt: Aufklärung und Prävention stehen an erster Stelle. Zentral ist ein sorgfältiger Umgang mit den Daten in Unternehmen, von Back-ups bis Vorsicht beim Anklicken von Anhängen verdächtiger E-Mails.

Und wo das nicht reicht?

Kommt die Cyberversicherung ins Spiel. Wir bieten sie seit 2018 an, und die Nachfrage steigt.

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