USA
Ein Banker hat schon ganzes Zentrum von Pleite-Stadt Detroit gekauft

Der Niedergang von Detroit ist unübersehbar: Leere Strassen, Ruinen, Unrat. Doch es tut sich was in der abgehalfterten Autostadt. Firmen schätzen die billigen Mieten, auch Künstler sind eingezogen. Und ein Banker hat schon ganz Downtown aufgekauft.

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Detroit ist Pleite, aber nicht am Ende.

Detroit ist Pleite, aber nicht am Ende.

Keystone

«Ihr wollt wirklich in die Gegend fahren?» Etwas ungläubig fragt der Taxifahrer seine Fahrgäste aus Deutschland, ob sie wüssten, dass dieser Teil von Detroit als gefährlich bekannt sei. Doch ja, sie wollen genau dort hin. Denn ausgerechnet hier liegt die empfohlene Bar. "Okay, aber ruft mich an, wenn Ihr zurückfahren wollt, und lauft bloss nicht alleine auf der Strasse herum!"

Der Fahrer von Jay's Cab Company meint es ernst. Detroit hat eine der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Im vergangenen Jahr passierten hier nach der FBI-Statistik 386 Morde und 4843 Raubüberfälle. Zum Vergleich: Das von der Einwohnerzahl her zwölf Mal so grosse New York City kam auf 419 Morde.

Detroit ist als heisses Pflaster bekannt. Mit dem Niedergang der US-Autoindustrie verödeten weite Teile der "Motor City". Zwei von drei Bewohnern haben die Stadt verlassen. Nun leben noch 700'000 Menschen hier, viele davon verstreut in den trostlosen Vororten. Die Arbeitslosenquote liegt doppelt so hoch wie im Landesschnitt. Die am Donnerstag verkündete Insolvenz ist nur noch das i-Tüpfelchen.

«Ruinen-Porno»

Das Symbol des Verfalls ist das aufgegebene monumentale Bahnhofsgebäude, das seit Jahrzehnten langsam vor sich hinrottet. Fotografen lieben den Ort wegen seines morbiden Charmes, gleichwohl die Detroiter die Fotografen nicht lieben. Das Ablichten des Niedergangs wird "ruin porn" genannt, zu deutsch Ruinen-Pornos.

Doch trotz aller Probleme herrscht seit einiger Zeit so etwas wie Aufbruchstimmung in der Stadt im hohen Norden der USA. Die Strassen füllen sich langsam wieder mit Menschen. In zuvor verlassene Bürogebäude in der Innenstadt von Detroit sind neue Firmen eingezogen, die die günstigen Mieten schätzen. Künstler haben die Gegend aus dem gleichen Grund für sich entdeckt. Wohnen ist billig, Platz gibt es reichlich.

Zudem ist Detroit zwar eine Stadt mit unübersehbaren Problemen und einem schlechten Ruf, doch nichtsdestotrotz eine Metropole mit namhaften Museen, nationalen Sportveranstaltungen und einem internationalen Flughafen, der als Drehkreuz für den Norden fungiert.

Finanzinstitut kauft Zentrum auf

Vor drei Jahren hat der Immobilienfinanzierer Quicken Loans seine Zentrale in die Stadt verlegt. 1700 Menschen zogen in das frühere Gebäude des Software-Konzern Compuware. Ein Jahr später bezogen weitere 2000 Mitarbeiter ein ehemaliges Gebäude der Chase Bank. Firmengründer Dan Gilbert hat nach und nach ganze Teile von Downtown Detroit aufgekauft, um der Stadt neues Leben einzuhauchen mit Restaurants und Läden. Denn daran mangelte es.

Zugleich haben sich die Autokonzerne von ihrer schweren Krise des Jahres 2009 erholt. Die Verkäufe steigen und steigen scheinbar unaufhaltsam. Ford kam aus eigenem Antrieb wieder auf die Beine, General Motors und Chrysler entkamen mit staatlicher Hilfe ihrer Insolvenz - ein Vorbild für die ganze Stadt? "GM ist stolz darauf, Detroit seine Heimat nennen zu dürfen", erklärte der Opel-Mutterkonzern. "Wir sind überzeugt, dass die heutigen Ereignisse auch einen Neustart für die Stadt bedeuten können."

Dass Detroit nicht so tot ist, wie viele flüchtige Beobachter meinen, zeigte auch die Eröffnung des ersten Whole-Foods-Supermarkts vor einem Jahr. Die Kette bietet eine grosse Auswahl frischer Lebensmittel zu gehobenen Preisen an - und ist deshalb eher in wohlhabenden Gegenden zu finden, etwa in den schicken Stadtteilen von New York City. Zur Eröffnung der erste Filiale in Detroit fanden sich dann sogar ranghohe Politiker ein.

Bis allerdings ein Whole Foods in dem Stadtteil aufmacht, vor dem der Taxifahrer seine deutschen Fahrgäste gewarnt hat, dürfte es noch einige Zeit dauern. Es fehlt weiterhin Geld für Schulen, Polizei, Feuerwehr, Müllabfuhr oder die Strassenbeleuchtung. Doch die Insolvenz könnte den Wendepunkt in der zuletzt wenig ruhmreichen Geschichte der Stadt bedeuten.