Kein Auge hat er zugemacht in der Brexit-Nacht. Alle 15 Minuten ein prüfender Blick auf die Wechselkurse, Telefon und Tablet-Computer stets griffbereit. Eine spannende Nacht für Thomas Jordan, den Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Der «SonntagsZeitung» verriet Jordan, er habe während der Stimmenauszählung Kontakt mit seinen Mitarbeitern gehalten.

Die erste Telefonkonferenz mit dem SNB-Direktorium sei um kurz nach sechs abgehalten worden, als sich ein Sieg des Brexit-Lagers deutlich abzeichnete. Am selben Morgen schritt Jordan dann zur Tat – und intervenierte mit mehreren Milliarden Franken am Devisenmarkt. Es ist davon auszugehen, dass dies keine spontane Eingebung des SNB-Präsidenten war, sondern bereits länger vorbereitet. Wenn auch der Brexit das unwahrscheinlichere Szenario war, so musste die Möglichkeit doch in Betracht gezogen werden.

Sonderkommission «Brexit»

Jordan und seine Mitarbeiter waren nicht die Einzigen, die sich wappneten. Doch während der SNB-Präsident die ultranervösen Finanzmärkte noch vor dem Frühstück mit einer kräftigen Geldspritze beruhigen musste, hat die Industrie wesentlich mehr Zeit zum Reagieren.

Konstantin von Radowitz, Leiter Manufacturing bei der Unternehmensberatung Deloitte, steht im Nachgang des Referendums mit vielen Unternehmen in Kontakt. Er sagt: «Die Firmen beobachten die Lage, einige haben eine Brexit-Task-Force gegründet, die sich mit möglichen Szenarien beschäftigt.» In Aktionismus verfalle derzeit jedoch niemand. «Die meisten verhalten sich ruhig», sagt von Radowitz.

Kurzfristig spielt für die Industrieunternehmen vor allem der Wechselkurs eine Rolle. Lange Zeit war das britische Pfund bei 1.40 Franken, jetzt steht es bei 1.27. Die Unternehmensberater von Deloitte gehen davon aus, dass das Pfund weiter abwertet. Der Währungseffekt, sagt Dennis Brandes, Senior Economic Analyst bei Deloitte, sei ein wichtiger Wirkungskanal – «aber kein wirklich neuer». Mit dem starken Franken kämpfe die Schweizer Wirtschaft schon länger, die Situation sei bekannt. Und: «Die Schweizerische Nationalbank steht bereit.»

Das dicke Ende kommt erst noch

Auf lange Sicht problematisch dürften zwei andere Entwicklungen sein: Bei der UBS etwa geht man davon aus, dass das Wachstum in Grossbritannien, aber auch in der Eurozone, von der Brexit-Abstimmung gebremst wird. «Das wird Auswirkungen auf Investitionsausgaben haben», sagt Stefan R. Meyer, Leiter des Schweizer Aktienresearch bei UBS Wealth Management, zur «Nordwestschweiz».

Allerdings, gibt er zu bedenken, hätten europäische Unternehmen vor der Abstimmung auch schon wenig investiert. «Das Brexit-Referendum hat diesen Trend verstärkt.» Auch Meyer sieht keinen Aktionismus bei den Firmen – die Unsicherheit darüber, wie es in Grossbritannien nun weitergeht, sei noch zu gross. Bei den Angestellten würde man entsprechende Massnahmen noch hinausschieben – «rund zwei Jahre lang ist Grossbritannien ja noch EU-Mitglied».

Eine Folge der Brexit-Unsicherheit ist bereits absehbar: Firmen dürften ihre Investitionen in Grossbritannien nun genau unter die Lupe nehmen. Deloitte-Berater von Radowitz: «Grosse Investments werden bereits zurückgestellt.» Auch die US-Bank Goldman Sachs geht davon aus, dass die britische Wirtschaft an Dynamik verlieren wird. Ähnliches, wenn auch in etwas abgeschwächter Form, gelte für Europa.

Vor allem für die Hersteller von Investitionsgütern ist das ein Problem. Goldman Sachs sieht deren operative Gewinne im Schnitt um zwei Prozent sinken. Die Wirtschaft entwickelt sich langsamer, Unternehmen produzieren weniger. Der Ausbau von Infrastruktur wird zurückgestellt, denn die Betriebe brauchen keine zusätzlichen Kapazitäten und der Staat muss sowieso sparen. Wer die Auftragsbücher nicht randvoll hat, dürfte nach dem Brexit-Referendum mehr Mühe haben, an neue Projekte zu kommen.

Tiefschlag für ABB

So dürfte der Brexit dem Elektrotechnikkonzern ABB äusserst ungelegen kommen. In letzter Zeit konnten einige Grossaufträge in Grossbritannien an Land gezogen werden – etwa die Verbindung des britischen mit dem norwegischen Stromnetz oder die Anbindung des nach Fertigstellung grössten Offshore-Windparks der Welt an das Festland.

Beide Aufträge sind zusammen eine Dreiviertelmilliarde Dollar wert. Wird das Königreich nach dem Brexit weiter in solche Projekte investieren? Noch ist vieles im Unklaren. Die Analysten von Goldman Sachs rechnen zumindest damit, dass der Währungseffekt und das geringere Wachstum in Grossbritannien und vor allem auch in Europa die Verkäufe und den Gewinn von ABB stark belasten wird. Sie stuften ihr Kursziel für die ABB-Aktie zuletzt deutlich herunter.

Die direkten Folgen der Brexit-Abstimmung sind fürs Erste eingedämmt. Die Finanzmärkte sind einigermassen beruhigt. Auf lange Sicht warten jedoch grosse Stolpersteine – auch auf Schweizer Firmen.