In den Wäldern der Schweiz herrscht Frust. Förster müssen gefällte Bäume liegenlassen, weil die Sägereien voll sind. Der Verband der Waldbesitzer spricht von einer «Holzschwemme». Das Holz ist teils nur noch halb so viel wert wie in normalen Jahren. Der finanzielle Schaden ist gross.

Schuld ist ein alter Feind des Forstmanns: der Borkenkäfer. Ihr wichtigster Vertreter, der sogenannte Buchdrucker, ist rund fünf Millimeter gross und haarig. Er legt seine Brut in die Rinde der Bäume und bringt sie so zum Absterben. Im Moment erleben die Waldbesitzer den grössten Befall seit Jahrzehnten.

Das Unheil kam in drei Akten: Kurz nach Neujahr 2018 hinterliess das Sturmtief Burglind Zerstörung in den Schweizer Wäldern. Das Holz füllte die Sägereien, die herumliegenden Bäume waren die ideale Brutstätte für die Käfer. Es folgte die Dürre im letzten Sommer, die die Bäume massiv schwächte.

Die Borkenkäfer nutzten dies. Schon damals war die Rede von einem Rekord-Befall. Dieses Jahr ist es generell wieder trocken und heiss, die Bäume werden noch schwächer, die Käfer vermehren sich bei Hitze schneller. «Der Borkenkäfer-Befall wird mindestens so schlimm wie 2018, eher schlimmer», sagt Urban Brütsch, Vize-Direktor von Wald-Schweiz, dem Verband der Waldbesitzer.

Förster sitzt auf 40 Lastwagen Holz

Eine bedrohliche Prognose, denn Förster und Waldbesitzer in der ganzen Schweiz mussten bereits letztes Jahr tausende Bäume fällen, die vom Käfer befallen waren, um ihn an der Ausbreitung zu hindern. Nun sitzen Sie auf tausenden Kubikmetern Käferholz und werden es nicht los. Die Sägereien haben mehr als genug.

Mit jedem Tag, den das Holz herumliegt, verliert es massiv an Wert. Zurück bleiben frustrierte Förster. Etwa Jakob Gubler, Förster im Revier «am Rhein» bei Diessenhofen im Thurgau. Er sagt: «Ich bin seit 35 Jahren Förster – so etwas habe ich noch nie erlebt.» Nach der Käfer-Invasion des letzen Jahres sitzt er jetzt auf 40 Lastwagen-Ladungen Holz vom letzten Sommer. «In früheren Käfer-Jahren konnten wir das Holz noch in Nachbarländer exportieren. Doch dieses Jahr haben auch diese keinen Platz mehr», sagt Gubler.

Die Borkenkäfer befallen vor allem Fichten. (Quelle: DPA/Keystone)

Die Borkenkäfer befallen vor allem Fichten. (Quelle: DPA/Keystone)

Also bleiben die Baumstämme vorerst einfach liegen. Ein Teil im Wald, ein Teil auf einer Wiese weit genug vom Wald entfernt, damit die Käfer nicht wieder in den Wald zurückfliegen und erneut Bäume fressen. Der finanzielle Schaden ist gross. Das Holz hätte in normalen Jahren einen Gewinn von 40 000 Franken gebracht. «Nun haben wir keinen Gewinn, aber 40 000 Franken Aufwand für das Fällen der Bäume», sagt Gubler.

Ähnliches Bild in Solothurn. Förster Mark Hunninghaus aus Aetigkofen sagt: «Die Borkenkäfer-Zahl ist explodiert. Ich denke, dieses Jahr wird bedeutend schlimmer als 2018. Käfer- und Sturmholz aus dem letzten Jahr mussten wir zu miserablen Konditionen verkaufen. Das Defizit ist enorm.»

Die Waldbesitzer und die Industrie haben sich geeinigt, den Preis von unbefallenenen oder frisch gefälltem Käferholz stabil zu halten. «Aus Solidarität» betont Michael Gautschi, Direktor von Holzindustrie Schweiz. Dies macht momentan aber nur einen kleinen Teil des Holzmarktes aus.

Wald-Schweiz fordert derweil seine Mitglieder auf, nur dann Holz zu schlagen, wenn dies wegen der Käfer unbedingt nötig ist oder wenn ein Abnehmer auf genau diese Art Frischholz wartet. Auf die Frage, ob das auch klappt, atmet Vize-Direktor Brütsch erstmal tief ein. Dann sagt er: «Wir können nichts verfügen. Die Meisten halten sich daran. Es wird immer Einzelne geben, die in einer solchen Situation Holz schlagen, obwohl sie es kaum werden verkaufen können.»

Die Schweizer Wälder sind zu zwei Drittel in öffentlicher Hand. «Ein grosser Teil der Forstbetriebe ist seit Jahren in den roten Zahlen. Der Verlust wird aus den Reserven gedeckt oder querfinanziert, bei Bürgergemeinden etwa durch den Ertrag aus Liegenschaften», sagt Brütsch.

Das Geld, das nun die Käfer fressen, bräuchten die Waldbesitzer eigentlich, um ihre Wälder auf die Erderwärmung vorzubereiten. Brütsch sagt: «Eigentlich ginge es jetzt darum, Baumarten zu fördern, die widerstandsfähiger sind. Eichen und Douglasien zum Beispiel, denen beim Aufwachsen etwas geholfen werden muss. Wenn den Forstbetrieben aber das Geld fehlt, können sie den Wald nicht mehr gezielt pflegen.» Förster Mark Hunninghaus aus Solothurn ist frustriert, weil die Öffentlichkeit den Kampf im Wald nicht wahrnehme. Er sagt: «Wir baden hier mit dem Klimawandel ein Problem aus, das die Gesellschaft geschaffen hat. Die Zukunft unserer Branche ist in Gefahr.»