Idorsia
Ein Schlafmittel weckt grosse Träume: Das Forscherpaar Clozel will mit Idorsia den US-Markt aufmischen

Die erst wenige Jahre alte Firma Idorsia des Ehepaars Clozel hat in den USA die Zulassung für den Verkauf ihres ersten Medikaments erhalten. Die beiden wiederholen den Traum, den sie sich vor 25 Jahren nach dem Abgang bei Roche und der Gründung von Actelion schon einmal erfüllen konnten.

Daniel Zulauf Jetzt kommentieren
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Das Ehepaar Martine und Jean-Paul Clozel am Hauptsitz ihres Unternehmens Idorsia in Allschwil BL.

Das Ehepaar Martine und Jean-Paul Clozel am Hauptsitz ihres Unternehmens Idorsia in Allschwil BL.

Sebastien Bozon

Idorsia, ein kleines Baselbieter Pharmaunternehmen, will den amerikanischen Schlafmittelmarkt aufmischen. Hinter dem überaus ehrgeizigen Plan steht das Ehepaar Martine und Jean-Paul Clozel. Es hat Idorsia gegründet, besitzt die meisten Aktien (34 Prozent) und hält in der Geschäftsführung (Jean-Paul) wie auch in der Forschung (Martine) die Zügel fest in der Hand.

Am Montag kommunizierte Idorsia die Verkaufszulassung des Medikaments Daridorexant durch die zuständige US-Behörde FDA. Quiviviq, wie die voraussichtlich im Mai in den Verkauf gelangende Pille in Amerika heissen soll, adressiert einen Markt mit 25 Millionen Patientinnen und Patienten. Es ist das erste eigene Produkt, von dem sich Idorsia substanzielle Einnahmen verspricht.

Ein «Schlüsselmoment» auf der Reise in die Zukunft

Dem Zulassungserfolg gehe eine Forschungsarbeit von mehr als 20 Jahren voraus, lässt sich Martine Clozel in einer Mitteilung zitieren. Jean-Paul spricht von einem «Schlüsselmoment» auf der Reise von Idorsia in die weitere Zukunft.

Die euphorische Rhetorik kontrastiert mit der fast schon schnöden Art, wie die Neuigkeit an der Börse aufgenommen wird. Nach einem grellen, aber kurzen Kursfeuerwerk in den ersten Handelsstunden verlieren die Aktien am Montag schnell wieder an Boden. Sie fallen unter die Marke von 20 Franken zurück, die sie schon im Sommer 2017 kurz nach dem Start des Unternehmens erreicht hatten.

Ein europäisches Pharma-Start-up nach amerikanischem Vorbild

Es ist ist viel passiert seit jenen Tagen. Fast zwei Milliarden Franken hat das Unternehmen Idorsia in seiner noch nicht einmal fünfjährigen Geschichte schon aufgebraucht. Mit 650 Mitarbeitenden wurden elf Wirkstoffe entwickelt, aus denen in den nächsten Jahren ebenso viele nützliche und auch kommerziell erfolgreiche Medikamente werden könnten. Die Clozels hegen einen grossen Traum: Sie wollen eine eigene Firma schaffen, die es in der Medikamentenforschung mit amerikanischen Biotech-Start-ups à la Biogen aufnehmen kann.

Dem goldenen Käfig Namens Roche entflohen

Mit diesem Ziel vor Augen waren die beiden vor 25 Jahren aus dem goldenen Käfig Namens Roche ausgebrochen, um bei der Gründung von Actelion mitzuhelfen. Als ihre Firma gerade dabei war erwachsen zu werden und mit ihren Therapien gegen eine besonders seltene und gefährlichen Form von Bluthochdruck einem ersten Höhepunkt zusteuerte, riss sie der US-Multi Johnson & Johnson Actelion den Gründern für 30 Milliarden Dollar buchstäblich aus den Händen. Die Clozels mussten ihren Zögling gegen eine Entschädigung von 1,3 Milliarden Dollar ziehen lassen.

Rund die Hälfte dieses Geldes haben sie inzwischen in Idorsia investiert. «Alle Augen werden nun auf die Lancierung von Quiviviq gerichtet sein, um zu sehen, wie wir die geltenden Behandlungsmuster bei Schlaflosigkeitspatienten verändern werden», erklärt Jean-Paul Clozel.

Wenig Innovation im Schlafmittelmarkt

Nach Schätzung von Ärzten leiden in den Industrieländern 20 Prozent bis 30 Prozent der Menschen an Schlafstörungen. In etwa 10 Prozent der Fälle sind diese chronisch. Fachärzte bestätigen, dass im Schlafmittelmarkt eine langjährige Innovationsflaute herrschte. Quiviviq steht für eine neue Medikamentengeneration, welche die Patientinnen und Patienten nicht mehr narkotisiert, sondern deren Schlaf-wach-Rhythmus so steuert, dass die gefährlichen Nebenwirkungen herkömmlicher Schlaftabletten deutlich vermindert werden.

Die neue Idorsia-Schlafpille hatte schon früher die Fantasien der Actelion-Aktionäre beflügelt. Doch 2011 fiel das Medikament mit dem damaligen Namen Almorexant beim Zulassungsprozess durch. Es zeigte eine Unverträglichkeit mit anderem Medikamenten.

66 Jahre und immer noch voller Energie

Die Investoren reagierten entsetzt. Die Actelion-Aktien stürzten ab und schon stand ein Hedgefonds auf der Matte, der sich Actelion zum Schnäppchenpreis einverleiben wollte. Während die Clozels jenen Angriff noch erfolgreich abwehren konnten, waren sie gegen das 30-Milliarden-Dollar-Gebot von Johnson & Johnson machtlos. Bei Idorsia hat das Paar nun jene die unternehmerische Freiheit, die ihm bei Actelion abhanden kam. Zum Preis jedoch, dass die beiden auch das grösste Risiko tragen.

Risikolos ist auch das Unterfangen im US-Schlafmittelmarkt nicht, wie die laue Reaktion der Investoren zeigt. Der Markt sei geradezu überflutet von Billigmedikamenten und der Vertrieb an Zehntausende von Allgemeinpraktikern sei aufwendig und kostspielig, warnen kritische Beobachter. Die Clozels haben bislang nur Medikamente für seltene Krankheiten entwickelt. Diese Märkte funktionieren grundlegend anders als der Massenmarkt für Schlaftabletten. Doch die Clozels sind entschlossen, sich noch einmal gegen alle Widerstände zu beweisen. Das 66-jährige Ehepaar zeigt ein bemerkenswertes Mass an Energie.

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