Coronakrise

Die Dividenden schrumpfen: Schweizer Konzerne lernen wieder zu sparen

Kühne + Nagel hat die Dividende im Angesicht der Krise um einen Drittel gekürzt.

Kühne + Nagel hat die Dividende im Angesicht der Krise um einen Drittel gekürzt.

Die Aktionäre erhalten so wenig vom Gewinn wie seit zehn Jahren nicht mehr und damit geht es ihnen hierzulande noch vergleichsweise gut.

Zwölf der 30 grössten an der Schweizer Börsen kotierten Gesellschaften haben ihre Dividenden für das Jahr 2019 in den vergangenen Tagen und Wochen bereits ausgeschüttet. Fast 24 Milliarden Franken sind an die Aktionäre geflossen. Und wenn die diesjährige Saison der Generalversammlungen zu Ende ist, sollten es wieder über 40 Milliarden Franken sein. Das ist mindestens der Betrag, den die Unternehmen ihren Eigentümern versprochen haben.

«Die Schweiz ist halt eine Insel der Glückseligen», scherzt Thomas Meier, ein Aktienfondsverwalter beim deutschen Asset Manager MainFirst in Frankfurt. Seit fünf Jahren betreut der Mann dort Dividendenfonds, die Bezeichnungen wie «Euro Value Stars» oder «Global Dividend Stars» tragen. Die Corona-Krise hat die Prämissen in seinem Metier ziemlich grundlegend verändert.

Wink mit dem Zaunpfahl von der Finma

«Ich befürchte, dass sich viele Unternehmen ein Reputationsproblem einhandeln, wenn sie weiterhin gute Dividenden zahlen», sagt Meier. Er verweist auf verschiedene europäische Länder, wo Politik und Behörden vor dem Hintergrund staatlich finanzierter Massnahmen zur Stützung der Wirtschaft auch börsennotierte Grosskonzerne im Privatbesitz mehr oder weniger direkt zum Dividendenverzicht aufrufen.

Dagegen ist auch die Schweiz nicht immun. Unmittelbar vor und nach Ostern haben die Banken UBS, Credit Suisse und Julius Bär die Aufforderung der Finanzmarktaufsicht (Finma) doch noch beherzigt und nach einigem Zögern wenigstens die Hälfte der für das Frühjahr geplanten Ausschüttung auf das Schlussquartal verschoben. Man wolle später nicht sagen müssen, das ausgeschüttete Geld hätte man noch gut gebrauchen können, hatte Finma-Chef Mark Branson seinen Wink mit dem Zaunpfahl begründet.

Versicherer gegeben sich unbeeindruckt

Weit weniger deutlich wurde die Finma gegenüber den Versicherern, obschon sich auch diese Branche in manchen europäischen Ländern der behördlichen Aufforderung zum Dividendenverzicht ausgesetzt sieht. Die Zurich, der mit Abstand grösste Schweizer Dividendenzahler in der Schweizer Assekuranz, liess ihren Aktionären schon Anfang Monat den Gewinnanteil von drei Milliarden Franken zukommen. Die anderen Schweizer Branchenvertreter dürften mit guten Erfolgschancen auf das gleiche Recht pochen.

Kurzfristige Stornierungen, mit denen der Logistikkonzern Kühne + Nagel oder der Augenheilmittelhersteller Alcon ihre Aktionäre noch vor Ostern düpiert hatten, dürften bei den grössten Schweizer Publikumsgesellschaften seltene Ausnahmen bleiben. Eher überraschend kam am Freitag noch die Ankündigung der Swatch Group, die geplante Dividendenzahlung von gut 400 Millionen Franken doch noch um 30 Prozent zu kürzen.

Industriefirmen schütten immer mehr aus

«Die Firmen wissen um die Bedeutung der Dividende für ihre Aktionäre», sagt Meier. «Die Zäsur eines Dividendenschnitts versucht jedes Unternehmen so weit wie nur möglich zu vermeiden.» Das gilt in ausgeprägtem Mass für die grössten Dividendenzahler im Land: Roche und Novartis haben ihre Aktionäre heuer mit 7,8 Milliarden bzw. rund sieben Milliarden Franken bereits bedient.

In zwei Wochen sind auch die Nestlé-Eigentümer dran. Die versprochenen 7,8 Milliarden Franken dürften ihnen nicht mehr genommen werden. Die drei Konzerne gehören seit Jahren zum Club der weltweit grössten Dividendenzahler. Heuer dürften sie in der Rangliste weiter vorrücken, nachdem der Rohstoffbranche im Zug der dramatischen Preiseinbrüche der vergangenen Wochen scharfe Gewinneinbussen drohen. Fünf der 20 weltgrössten Dividendenzahler im Jahr 2019 waren Erdölfirmen (Royal Dutch, Exxon, Chevron, BP, Total) und ebenso viele Banken (China Construction Bank, JP Morgan, HSBC, Wells Fargo, Commonwealth Bank of Australia).

Gut zehn Jahre nach der Finanzkrise verantworten die Banken in der Schweiz nur noch zwischen fünf bis zehn Prozent der Dividenden der 30 grössten Publikumsgesellschaften. Stetig auf gut 13 Prozent gewachsen ist dafür die Bedeutung der Versicherungswirtschaft (Zurich, Swiss Re, Swiss Life). Auch Industriefirmen wie der Zementkonzern LafargeHolcim, der Aufzughersteller Schindler oder der Bauzulieferer Sika haben ihre Ausschüttungen im Lauf der vergangenen zehn Jahre verdoppelt oder vervielfacht.

In Deutschland leidet die Autoindustrie

Bei Dividendeninvestoren wie Thomas Meier geniesst die Schweiz den Ruf als Hort von Stabilität. Das hat nicht zuletzt mit der relativ breiten Streuung der Unternehmen auf Wirtschaftszweige zu tun, die sich bislang überdurchschnittlich resistent gegen konjunkturelle Schwankungen erwiesen haben. Diese Tatsache dürfte auch ein wesentlicher Teil der Erklärung sein, weshalb sich der Swiss Leader Index der 30 wertvollsten Börsenfirmen mit einem Minus von 15 Prozent seit Jahresbeginn deutlich besser halten konnte als beispielsweise der Dax (-22 Prozent).

Meier befürchtet, dass in Deutschland grosse Dividendenzahler wie die Automobilindustrie oder allenfalls auch die Assekuranz (Allianz) in diesem Frühjahr noch tiefe Einschnitte bei den Ausschüttungen vornehmen könnten. Allein die drei grossen Automobilhersteller Daimler, BMW und VW haben 2019 fast ein Viertel (8,2 Milliarden Euro) aller Dividenden im Dax-Universum verantwortet.

«Viele Firmen werden sparsamer»

«Ich habe das Gefühl, dass heuer aus dieser Ecke wenig bis gar keine Ausschüttungen kommen werden», sagt Meier und denkt etwa an eine Neuauflage der Abwrackprämien, mit denen der Staat die Industrie 2009 wieder in Schwung gebracht hatte. Die Auszahlung solcher Prämien würde sich natürlich schlecht mit Dividendenausschüttungen vertragen, räumt der Fondsmanager ein.

Nach einem zehnjährigen, globalen Dividendenrausch, schwant dem Investmentmanager jetzt der Beginn einer neuen Zeit. «Viele Firmen werden sparsamer werden. Die Ausschüttungsquoten werden einbrechen, bis die Bilanzen überall wieder im Lot sind, vermutet er. In der Schweiz werden heuer erstmals seit zehn Jahren wieder weniger als 60 Prozent der Gewinne ausgeschüttet. Direkt nach der Finanzkrise lag der Wert bei 44 Prozent (2010). Im Spitzenjahr 2017 erreichte er 88 Prozent. Wie es scheint, werden die Investoren auch auf der Schweizer Insel der Glückseligen ihre Gürtel künftig enger schnallen müssen.

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