Wirtschaft

Die Börse taucht wegen des Corona-Virus: Eine Woche für die Geschichtsbücher

SMI, Dow Jones oder Nikkei: Weltweit  brachen Leitindizes diese Woche stark ein.

SMI, Dow Jones oder Nikkei: Weltweit brachen Leitindizes diese Woche stark ein.

Der Aktienmarkt erlebt einen schwarzen Montag, dann einen noch schwärzeren Donnerstag – am Ende steht der Abschied von alten Helden.

Nur 22 Tage nachdem der Schweizer Leitindex SMI einen neuen Allzeitrekord erreicht, findet sich die Börse mitten in einer globalen Krise wieder. Am Donnerstag erlebte der Swiss-Market-Index den schlechtesten Tag in über dreissig Jahren.

Am Freitag verkündet der Bundesrat eine 10 Milliarden Franken schwere Soforthilfe für die Wirtschaft. Allein 8 Milliarden Fr. sollen für die Kurzarbeit aufgewendet werden. Es geht um Existenzielles: dass Menschen noch ihren Lohn erhalten.

Das Corona-Virus trifft die Welt mit ungeahnter Wucht und auf neuartige Weise. Eine Folge beschreibt ein Banker so: «Bei der letzten Krise konnten wir wenigstens im Büro sein.» Was im Kleinen gilt, zeigt sich im Grossen. Die wirtschaftlichen Folgen des Corona-Virus vervielfältigen sich global in alle Winkel hinein.

Dabei lösen die Gegenmittel wiederum negative Schocks aus. Neue Krisen entstehen, die ein Eigenleben annehmen. Schwachstellen in Regierungen und Institutionen werden offengelegt. Die Politik denkt um. In dieser Börsenwoche wird das volle Spektrum solcher Wirkungen und Folgewirkungen zur Schau gestellt.

Wie das Corona-Virus neue Krisen mit eigener Dynamik auslöst, zeigt sich auf den Ölmärkten. Zunächst bricht die Nachfrage abrupt weg. Das zeigt sich an Chinas Exporten. Im Vergleich zum Vorjahr führt die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt ganze 17 Prozent weniger aus in den ersten zwei Monaten. Es ist ein lautes Alarmsignal: Eine drastische wirtschaftliche Abkühlung steht bevor, womöglich eine Rezession. Die Ölmärkte reagieren sofort. Weniger Wachstum heisst weniger Bedarf nach Energie. Der Ölpreis bricht ein.

Nun heisst es: jeder schaut für sich, Chaos bricht aus

Nun folgt eine politische Krise. Zwischen Saudi-Arabien und Russland kommt es zum Preiskampf. Am Montag fällt der Erdölpreis noch tiefer, zwischenzeitlich kostet das Fass rund 30 Prozent mehr als am Freitag davor. Der Direktor der Internationalen Energieagentur mahnt zur Vernunft: «Es könnte durchaus gravierende Folgen haben, wenn russisches Roulette gespielt wird mit dem globalen Ölmarkt.»

Hintergrund ist der verzweifelte Versuch aller vom Erdölpreis abhängiger Länder, den Nachfrageeinbruch in den Griff zu bekommen. Saudi-Arabien will eine gemeinsame Reaktion all dieser Länder: Alle sollen die Produktion kürzen. Russland lehnt ab.

Präsident Vladimir Putin fürchtet, so würden nur amerikanische Schieferöl-Produzenten am Leben erhalten, die höhere Produktionskosten haben. Der hitzköpfige saudische Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) erklärt den Preiskrieg. Nun heisst es: Jeder schaut für sich, Chaos bricht aus.

Am Montag verliert in den USA der US-Börsenindex S&P500 fast 8 Prozent, der britische FTSE100 ebenso viel. In der Schweiz steht der SMI bei Börsenschluss um die 5,5 Prozent tiefer. Der erste Tag einer historischen Woche ist vorbei.

Dienstag und Mittwoch bleibt es ruhig an der Börse. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt das Corona-Virus zur globalen Pandemie. In der Schweiz ruft das Tessin den Notstand aus. Die Börse bewegt sich kaum.

Ein schwarzer Donnerstag beginnt. Am Morgen hält US-Präsident Donald Trump eine Rede. Die Märkte erhoffen sich eine machtvolle Reaktion. Doch hinterher sagt der Chefstratege einer Bank: «Das war die teuerste Rede der Geschichte.» Danach gibt es an den Börsen kein Halten mehr. Aus dem Schweizer Handel heisst es: «Alle wollen nur noch verkaufen.»

Trump macht Wahlkampf. Er schiebt der Europäischen Union die Schuld zu – verhängt einen Bann über Flüge von Europa. Bekanntlich schadet es amtierenden Präsidenten, wenn sich vor den Wahlen die Konjunktur eintrübt. Trump spielt darum die Krise nach Kräften herunter. Sein ökonomischer Chefberater spricht von einer Kaufgelegenheit. Trump hat sein politisches Schicksal an die Börse gehängt. In Boomzeiten verklärte er die Rekorde gern zur Folge seiner Politik.

Nächster Kandidat für den Titel: teuerste Rede der Geschichte

Am Nachmittag folgt die nächste teure Rede. Christine Lagarde leistet sich beim ersten grossen Auftritt als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) einen Lapsus. Nachdem sie neue Massnahmen vorgestellt hat, will sie Unabhängigkeit von Vorgänger Mario Draghi zeigen. In Anlehnung an dessen berühmtes Zitat sagt sie, was sie nicht sein werde: «Was immer es braucht, Nummer zwei.»

Danach schiessen die Renditen italienischer Staatsanleihen in die Höhe. Der Ausschlag ist rekordhoch. Die Investoren fordern mehr Geld, damit sie die Schuldpapiere kaufen, Italiens Schuldenlast wird schwerer. Denn die Märkte interpretieren Lagardes Aussage als Aufhebung von Draghis: «Was immer es braucht.» Diese Aussage gilt als Schlüsselmoment, um die Eurozone-Schuldenkrise unter Kontrolle zu bringen. Draghi versichert damit den Investoren, dass sich die EZB hinter Italien und Spanien stellt.

Lagarde will ihren Fehler korrigieren. In einem Fernsehinterview präzisiert sie ihre Aussagen. Doch die Märkte bleiben verunsichert. Lagarde habe das falsche Signal gegeben. Nochmals ein paar Stunden später schliessen die Börsen weltweit mit den grössten Tagesverlusten seit drei Jahrzehnten.

Am Donnerstagabend ist klar: In dieser Krise wird es weniger als in der Finanzkrise auf die Zentralbanken ankommen. Die Regierungen sind gefragt. Sie müssen überzeugende Antworten liefern. Trump beweist dies unfreiwillig. Weil seine Administration alles schuldig bleibt, geraten die Aktienmärkte ausser Rand und Band. Lagarde kann den Zerfall nicht aufhalten. Aber sie weiss, worauf es ankommt. Sie fordert mit Vehemenz wuchtige staatliche Massnahmen.

Am Freitag zeigt sich, die Regierungen haben es kapiert. Der Bundesrat wirft alle ordnungspolitischen Bedenken über Bord. Er schnürt ein massiges Finanzpaket. Und will helfen, «schnell und unbürokratisch». Deutschland gibt seine Fixierung auf eine «schwarze Null». Ein ausgeglichenes Budget wird zweitrangig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, man wolle gut aus der Krise kommen. Dann werde man sehen, was dies für die Finanzen bedeute. Der Finanzminister verspricht: «Wir kleckern nicht, wir klotzen.» Die Europäische Union sichert ein milliardenschweres Investitionspaket zu. Trump will den nationalen Notstand ausrufen.

Ob das reicht, muss sich zeigen. Am Freitag gleicht die Börse einer Achterbahn. Erst geht der SMI um 9,4 Prozent hoch, dann 7,5 Prozent runter. Am Ende bleibt ein Plus von 1,2 Prozent übrig.

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