Ein starker Franken war in den vergangenen Jahren nie ein gutes Signal für die konjunkturellen Perspektiven der Schweizer Wirtschaft. Auch die jüngste Aufwertung der hiesigen Valuta verheisst nichts Gutes. Allein in den zurückliegenden vier Wochen ist der Franken im Vergleich zum Euro 1,4 Prozent teurer geworden. Am Freitag kostete eine Einheit der Gemeinschaftswährung nur noch unwesentlich mehr als Fr. 1.12 (siehe Grafik). So hatte der Wechselkurs letztmals im Herbst 2018 ausgesehen. Es war die Zeit, als der Zollstreit der Handelsgrossmächte zu eskalieren begann und mithalf, das globale Wirtschaftswachstum zu bremsen.

Auf die damaligen konjunkturellen Vorboten ist inzwischen die Bestätigung gefolgt. In allen grossen Industrieländern zeigt die Entwicklung mehr oder weniger klar nach unten. Allen voran in den 19 Euroländern, wo sich vor allem Deutschland zunehmend schwertut mit der weltweit abnehmenden Nachfrage nach seinen Industrieerzeugnissen.

Vorboten verheissen nichts Gutes

Schon seit Februar signalisiert der Einkaufsmanager-Index, dass sich die verarbeitende Industrie im Euroland auf Schrumpfkurs befindet. Als der Indikator am Freitag eine weitere Verschlechterung der Lage anzeigte, gingen die Aktienmärkte auf Talfahrt. Gleichzeitig stieg die Nachfrage der Investoren nach sicheren Finanzanlagen sprunghaft an. Schuldpapiere des deutschen Staates mit zehnjähriger Laufzeit werden seit Ende voriger Woche zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren wieder negativ verzinst. Dasselbe, wenn auch deutlich akzentuierter, ist schon seit Anfang Monat bei vergleichbaren Obligationen der Eidgenossenschaft der Fall. Die Sorgen der Investoren sind gewiss nicht unberechtigt, schliesslich waren die Vorboten der industriellen Entwicklung seit sechs Jahren nie mehr so negativ wie diesmal.

In solchen Phasen sind die Finanzmärkte auch wenig empfänglich für positive Stimuli – im Gegenteil. Signale, die von den Investoren üblicherweise günstig gewertet werden, erhalten plötzlich einen negativen Beigeschmack. So wird der Entscheid der Dollar-Wächter, den Leitzins in den USA vorerst nicht weiter zu erhöhen, nicht mehr gefeiert, wie dies an der Wall Street bisher üblich war. Vielmehr wird die Freude über das verlängerte Angebot von Billiggeld nun überlagert von Ängsten, dem Geschenk könnte diesmal eine Rechnung beiliegen. Die Pessimisten befürchten, dass dem Kurswechsel der US-Notenbank eine tieferliegende negative Entwicklung in der Wirtschaft zugrunde liegt, die einer breiteren Öffentlichkeit noch verborgen ist. In die gleiche Richtung deutet ein weiteres Argument, das wieder häufig zu hören ist.

Seit Freitag sind Anleger in den USA bereit, für eine zehnjährige Schatzanleihe der Regierung weniger Rendite zu akzeptieren als für eine sichere Anlage mit dreimonatiger Laufzeit. Das ist ein seltenes Phänomen, das man typischerweise nur dann beobachten kann, wenn das langfristige Zinsversprechen nicht mehr glaubwürdig ist. Will heissen: die Investoren erwarten eine Rezession, in der die Notenbank die Zinsen senken wird. Zwar gilt das Rezessionssignal einer solchen «inversen Zinsstruktur» historisch als ziemlich zuverlässig. Doch im aktuellen Umfeld, in dem die Notenbanken immer noch damit beschäftigt sind, die geldpolitische Ausnahmesituation aus der Finanzkrise wieder zu normalisieren, könnten solche Signale auch sehr trügerisch sein.

Franken als zusätzliche Bremse

Kommt hinzu, dass sich die Marktteilnehmer in ihren Rezessionsszenarien möglicherweise allzu sehr vom Verlauf des internationalen Wirtschaftsgeschehens leiten lassen. Fakt ist, dass die Binnenkonjunktur in allen grossen Industrieländern floriert und das schwächelnde Exportgeschäft ausgleicht. Tiefe Arbeitslosenquote und steigende Löhne stimulieren den Konsum in Deutschland und Amerika, aber auch in der Schweiz. Deshalb rechnet Claude Maurer von der Credit Suisse auch im laufenden Jahr noch mit einem Wachstum der Schweizer Wirtschaft von 1,5 Prozent. Das sind zwar deutlich weniger als die 2,5 Prozent im Vorjahr, aber immer noch mehr als genug, um die Rezessionsangst abzustreifen. Allerdings haben auch die Pessimisten gute Gründe, das Feld zu besetzen.

Niemand vermag vorauszusagen, ob US-Präsident Donald Trump auf den nächsten Wahltermin die Geister wieder loswerden kann, die er mit seiner konfrontativen Handelspolitik in den vergangenen Monaten gerufen hat. Unklar bleibt auch, wie China auf die aktuelle Wachstumsverlangsamung reagieren wird. Jedenfalls könnte eine weitere Verschlechterung der internationalen Konjunktur für die exportlastige deutsche Wirtschaft schnell zum Stillstand führen. Dieses Risiko besteht überdies auch für die Schweiz, umso mehr, als der Franken hier wie eine zusätzliche Bremse wirkt.