Coronavirus

Der ÖV muss einen Gang höher schalten: Fünf Ideen, damit die Leute wieder öfter Bahn und Bus fahren

Seit Ausbruch der Coronakrise sind deutlich weniger Pendler unterwegs.

Seit Ausbruch der Coronakrise sind deutlich weniger Pendler unterwegs.

Züge, Busse und Trams sind wegen der Coronapandemie immer noch deutlich leerer. Das ändert sich nur, wenn der ÖV auf die geänderten Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden eingeht.

1. Abo für Homeoffice- und Teilzeit-Modelle

Für Vielnutzer gibt es im öV heute das Strecken- oder Generalabonnement (GA), für Gelegenheitsfahrer die Tageskarte oder das Halbtax. Preisüberwacher Stefan Meierhans hat jüngst eine weitere Option ins Spiel gebracht: Eine Art Homeoffice-GA, das wie bisher die freie Fahrt ermöglicht – aber nur an zwei bis drei Tagen pro Woche. Ein vergleichbares Angebot gibt es seit vergangenem Herbst in München. Ursprünglich richtete es sich primär an Teilzeitarbeitende, durch die Coronapandemie dürfte sich die Zielgruppe aber vergrössert haben. Geht es nach Meierhans, braucht es ein solches Angebot auch hier.

Beim Branchenverband Alliance Swisspass versteht man den Wunsch nach einem Corona-konformen Angebot. «Derzeit fehlt ein passendes Produkt, das sich zwischen dem Halbtax und dem GA einreiht», sagt Mediensprecher Thomas Ammann. Dass es etwas Neues braucht, beweisen auch die Zahlen: In diesem Jahr sind gemäss dem Branchenverband weniger Generalabos in Umlauf als noch im vergangenen Jahr. Ammann rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang von rund sechs Prozent.

2. Tatsächliche Fahrten erst im Nachhinein bezahlen

In der Kritik steht ausserdem das Prinzip des Abos per se. Gerade in der aktuell unsicheren Zeit wäre ein Post-Pay-System kundenfreundlicher. Sprich: Zuerst fahren, dann zahlen. Kunden könnten jeden Tag neu entscheiden, ob sie ins Büro, in die Uni oder zu den Enkelkindern reisen möchten. Die tatsächlichen Fahrten würden Ende Monat abgerechnet. So würde man in einem Monat zum Beispiel ein GA zahlen, in einem anderen nur einzelne Streckenbillette. Ticket-Apps wie Fairtiq und Lezzgo bieten das bereits heute an, allerdings nur auf Tagesbasis.

3. Wohlbefinden in Zügen und Bussen steigern

Mehr Privatsphäre im öffentlichen Verkehr: Das könnte etwa mit der Innenraumgestaltung erreicht werden, sagt Timo Ohnmacht, Mobilitätsexperte an der Hochschule Luzern. Dann könnten auch Plexiglasscheiben zwischen Abteilen helfen, vor Viren zu schützen und das Vertrauen in den ÖV zu stärken. Mehr Privatsphäre ist zudem auch unabhängig von Corona wünschenswert: Apps mit Echtzeitinformationen zur Belegung könnten helfen, übervolle Züge, Busse und Trams zu vermeiden. Ebenso Tarife, die das ÖV-Fahren ausserhalb der Stosszeiten attraktiver machen.

Martin Candinas, Präsident des Informationsdiensts für den öffentlichen Verkehr (Litra), kann dieser Idee nicht viel abgewinnen: «Mit der eingeführten Maskenpflicht hat die öV-Branche schon vor Wochen den entscheidensten Schritt gemacht.» Candinas ist überzeugt, dass der öffentliche Verkehr mit den derzeitigen Massnahmen bereits sehr sicher ist. «Weitere Massnahmen wie etwa Plexiglasscheiben wären kaum umsetzbar und würden höchstens abschrecken, als das Gefühl der Sicherheit zu verstärken.»

4. ÖV-Betriebe als Mobilitätsanbieter

SBB und Co. sollen künftig ganzheitliche Mobilitätslösungen anbieten: Vom Gepäcktransport zur Autovermietung bis hin zur Tank- oder Ladestation. Auf diese Weise sollen Kunden alles bequem beim selben Anbieter regeln können, sagt Thomas Sauter-Servaes, Mobilitätsexperte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Aus Sicht der ÖV-Betriebe ist also Zusammenarbeit mit Partnern gefragt. Beispielsweise auch mit Airlines.

Allgemein müsse man Synergien besser nutzen, damit der Kunde jederzeit einfach und korrekt informiert ist, findet auch Litra-Präsident Martin Candinas. Bezüglich der verschiedenen Systeme gebe es noch Verbesserungspotenzial besteht. So beispielsweise wenn es darum geht, eine Verbunds-Tageskarte zu kaufen: Hier gilt sie von Mitternacht bis Mitternacht, dort für 24 Stunden ab dem Zeitpunkt des Einlösens. «Das könnte einheitlicher gestaltet werden», sagt Candinas.

5. Auf erhöhtes Flexibilitätsbedürfnis eingehen

Das Bedürfnis nach Flexibilität hat nicht erst seit der Coronapandemie zugenommen. Besonders die junge Generation will Angebote heute testen und schnell wieder kündigen können – so wie bei Spotify, Netflix und Co. Die SBB haben auf diese neuen Verhaltensweisen reagiert. Im Dezember lancieren sie ein Monats-GA. Weniger erfreulich ist allerdings, dass sie die Mindestlaufzeit des Jahres-GA aus Kostengründen deshalb von vier auf sechs Monate erhöhen.

Weitere konkrete Ideen für mehr Flexibilität in den Tarifen nennt der Branchenverband Alliance Swisspass nicht. So oder so müssen sich die Kunden gedulden: Ein neues Produkt kommt wohl erst 2022 auf den Markt.

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