Kolumne
Der Dachdecker stirbt aus

Thomas Straubhaar, Ökonom und Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen, schreibt in seiner Kolumne über die Frage, welche Berufe durch neue Technologie verdrängt werden und über die drei K der Arbeitswelt.

Thomas Straubhaar
Thomas Straubhaar
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Dachdecker (Symbolbild)

Dachdecker (Symbolbild)

Jirí Vurma

Idiot!» ist noch eines der harmloseren Schimpfworte, mit denen mich momentan erzürnte Wutbürger abqualifizieren. Was ist geschehen? In einem Interview im ZDF-«heute»-Journal hatte ich gefordert, dass wir in Zukunft länger arbeiten sollten, da wir erfreulicherweise auch immer länger leben werden. Das war einigen zu viel der Grausamkeit.

Thomas Straubhaar, Schweizer Ökonom in Hamburg

Der Autor, geboren 1957 im Kanton Bern, ist Professor an der Universität Hamburg, mit einem Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsbeziehungen. 2008 bis 2011 gehörte er dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration an.

Das Fass zum Überlaufen brachte meine Antwort auf die Frage, woher denn die Jobs kommen sollten für alle heute schon Überforderten, für die Geringqualifizierten, für die Ausgebrannten wegen harter körperlicher Arbeit. Da verlangte ich, dass sich alle Leute, die im Genuss einer stetig länger werdenden Lebensdauer stehen, auch immer wieder weiterqualifizieren, fortbilden und offen für Neues sein sollten. Gerade um einem Burnout vorzubeugen oder den Folgen des Strukturwandels, durch Anpassung und Umschulung.

Spätestens an dieser Stelle schlug der heilige Zorn aller Dachdecker zu. Ob ein Schreibtischtäter sich überhaupt vorstellen könne, wie körperlich hart und grausam es sei, bei Wind und Wetter auf Baustellen Material zu schleppen, auf hohe Gerüste zu klettern und für die reichen Professoren riesige Villen zu erstellen? Meine Fantasie reicht nicht nur für die tiefe Bewunderung des Handwerks aus. Sie verführt mich auch zur Vorstellung, dass eines vielleicht nicht allzu fernen Tages der Dachdecker aussterben wird, so wie viele andere Berufe im Zuge des Strukturwandels von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung, zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft verschwunden sind.

Was wird mit dem Dachdecker passieren, wenn 3-D-Drucker aus völlig neuen Materialien fixfertige Dächer ausspucken, oder Roboter in selbstfahrenden Kränen vorgefertigte Bauteile autonom zusammenkleben werden? Ob, wieweit und wie schnell im anbrechenden Zeitalter der Digitalisierung Roboter Menschen und Daten Waren erst ergänzen und dann ersetzen werden, wird von Kosten und Preisen abhängig sein. Ist Arbeit zu teuer, wird sie durch Maschinen ersetzt werden. Vor allem – aber nicht nur – bei gering qualifizierten Standardtätigkeiten wird als Folge neuer Technologien der arbeitssparende Fortschritt eher beschleunigt als verlangsamt – so wie das auch die letzten Jahrhunderte der Fall gewesen ist. Nach Dampfmaschinen und Elektrifizierung, nach Industrialisierung und Mechanisierung werden nun Digitalisierung und Roboterisierung menschliche Arbeiten und Aufgaben übernehmen. Immer mehr wird eine künstliche Intelligenz auch höherwertige Tätigkeiten erledigen. Sie wird die 3 K der Arbeitswelt dominieren und über das Internet der Dinge Maschinen und Apparate kommandieren, kontrollieren und korrigieren – fehlerfrei rund um die Uhr, werk- wie sonntags ohne Überstundenzuschlag.

Der Dachdeckerberuf war und ist so anstrengend, dass er heute schon nicht ein Leben lang hätte ausgeübt werden dürfen. Würden seine Leistungen angemessen gewürdigt, auch lohntechnisch, wäre er bald einmal so teuer, dass er durch Veränderungen von Technologie und Bautechnik verdrängt wird. Wo er unersetzlich bleibt, wird er spezielle Leistungen zu erbringen haben, für die es auch eine entsprechende Zahlungsbereitschaft der Kunden geben wird. Aber nichts wird etwas daran ändern, dass für die Masse der Dachdecker ihr Beruf – nicht ein immer längeres Leben lang – eine verlässliche Einkommensquelle bilden wird. Darüber jedoch sollten wir uns nicht grämen, sondern freuen. Es ist doch wunderbar, dass es für so schwierige, anstrengende und gefährliche Tätigkeiten Alternativen zur menschlichen Arbeit gibt.

Selbstredend sind die betroffenen Dachdecker weniger begeistert davon, dass sie ihren Beruf nur noch ein paar Jahre ausüben sollen. Warum eigentlich? Auch für sie kann es kein Lebensziel sein, einen harten Job auszuüben, um am Ende ausgelaugt mit kürzerer Lebenserwartung dafür zu bezahlen. Da ist es doch für alle klüger, nach ein paar Jahren etwas anderes zu tun. So wie es viele andere auch machen, die als Model, Sportler, Landwirt, Schreibmaschinenhersteller oder Kernkraftmitarbeiter ihre beruflichen Karrieren begonnen hatten und zu einem Neuanfang gezwungen werden. Alle müssen sich ändern, anpassen, weiterqualifizieren. Denn nur eines ist sicher: Wenn wir den Wohlstand halten wollen, müssen wir nicht nur länger arbeiten, sondern länger und besser arbeiten. Gut bezahlte Lebensarbeitszeit ist der beste Schutz gegen Armut – vor allem auch gegen Altersarmut.