Eine Karriere wie im Bilderbuch: Anfang der Neunzigerjahre steigt Boris Collardi bei der Credit Suisse in Genf ins Banking ein. 2006 holt ihn der damalige Chef zur Zürcher Privatbank Julius Bär. 2009, im Alter von 35 Jahren, ernennt ihn der Verwaltungsrat zum Chef.

Der umtriebige Banker verschrieb seinem Geldhaus eine exzessive Vorwärtsstrategie: Kaum ein Jahr verging ohne eine Akquisition. Dabei ging es stets darum, die Zahl der Depots zu erhöhen respektive die von Kunden bei Julius Bär parkierten Vermögenswerte. Ende 2016 waren es 336,2 Milliarden, wie das Finanzinstitut am letzten Mittwoch bekannt gegeben hat. Innert acht Jahren hat Boris Collardi das Kerngeschäft der Privatbank also mehr als verdoppelt. Das hat sich auch für ihn gelohnt: 2015 verdiente er 6,2 Millionen Franken.

Collardi ist schillernd, umtriebig und umstritten. So präsentierte er sich im letzten Sommer strahlend mit Leonardo DiCaprio auf dessen Benefiz-Veranstaltung in Saint-Tropez. Julius Bär sponsert den glamourösen Anlass. Zugleich häufen sich Spekulationen, er verlasse die Bank. Er hat dies im Rahmen der Präsentation des Ergebnisses 2016 erneut dementiert.

1,7 Milliarden für 78 Milliarden

Was dabei untergegangen ist: Im Finanzbericht 2016 legte Collardi die Investitionssummen offen, die er für die in den letzten Jahren getätigten Akquisitionen ausgegeben hat. 1,7 Milliarden Franken gab er für Vermögenswerte von 78 Milliarden Franken aus:

Gemessen am Wert der übernommenen Vermögenswerte am meisten bezahlte Collardi für die 80-Prozent-Beteiligung an Kairos in Mailand. Die Investmentboutique betreibt eigene Fonds. Sie werfen, wenn es gut läuft, attraktive Renditegebühren ab. Die stolze Summe von 401,4 Millionen investierten die Bären. Der Gewinnbeitrag von Kairos belief sich 2016 auf 18,8 Millionen Franken. Dazu kam ein Aufwertungsgewinn von 38,6 Millionen auf dem 2011 erworbenen Anteil von 19,9 Prozent. Gemäss Bär-Sprecher Jan VonderMühll ist weiterhin nicht ausgeschlossen, dass ein Minderheitsanteil von Kairos in Italien an die Börse gebracht wird.

Der grösste Deal war derjenige mit der US-Investmentbank Merrill Lynch. Sie stiess ihr Private Banking ausserhalb ihres Heimmarkts ab. Total 982,1 Millionen berappte Collardi für Vermögenswerte von 58,6 Milliarden Franken. Der Kaufpreis beläuft sich inklusive Restrukturierungs- und Integrationskosten auf 1,7 Prozent der übernommenen Depots. Um diesen Deal stemmen zu können, erhöhte Collardi das Aktienkapital seiner Bank.

Investitionen in ein flüchtiges Gut

Die Akquisitionsstrategie blähte den Goodwill in der Bilanz auf (siehe Box). Collardi erwarb mit den Deals weitgehend Berater und deren Kunden. Letzteren gehören die übernommenen Vermögenswerte. Das heisst: Die Bank investiert in ein flüchtiges Gut. Zwei Beispiele: Wird ein Berater abgeworben, nimmt er einen Teil seiner Kunden mit zum neuen Arbeitgeber. Dazu kommt: Stottern die Märkte, schrumpfen die Vermögenswerte und damit die darauf erzielten Erträge.

Ray Soudah, Gründer der auf Beratungsdienstleistungen bei Übernahmen und Fusionen spezialisierten Firma Millenium Associates, sagt: «Die von Boris Collardi getätigten Akquisitionen waren nicht billig, aber sehr vernünftig.» Mit den höheren Volumen liesse sich der Effekt schrumpfender Einnahmen pro Kunde kompensieren: «So können Finanzinstitute, die mehr Vermögenswerte verwalten, ihre Profitabilität verbessern.»

Gut für Collardi ist: In Zukunft lässt sich nicht nachprüfen, wie hoch der Anteil seiner Akquisitionen am Geschäftserfolg ist. Dies sagt Andreas Venditti, Bankenanalyst der Bank Vontobel: «Nach der Integration der übernommenen Firmen wird deren Anteil am Betriebserfolg und am Gewinn üblicherweise nicht mehr gesondert ausgewiesen.» Apropos Reingewinn: Im vergangenen Geschäftsjahr belief er sich auf 622 Millionen Franken.

Erwiesenermassen Spuren hinterliessen die Akquisitionen im Eigenkapital: Die harte Kernkapitalquote beläuft sich noch auf 10,6 Prozent. Sie sei zwar «relativ tief», räumt Sprecher Vonder Mühll ein, übersteige die regulatorischen Anforderungen aber komfortabel: «Mit unserem stabilen Geschäftsmodell generieren wir stetig Kapital und die Quote wird dadurch laufend ansteigen.» Dank den Akquisitionen sei die Bank für die Zukunft gut aufgestellt: «Wir sind in allen Märkten präsent, in denen wir tätig sein wollen.»