Genfer Autosalon

Chinas Führung setzt auf Elektromobilität – die Autobauer nicht

Genau das, was die Chinesen wollen, aber nicht ihre Führung: Luxusboliden mit viel PS. Key/EPA/CYRIL ZINGARO

Genau das, was die Chinesen wollen, aber nicht ihre Führung: Luxusboliden mit viel PS. Key/EPA/CYRIL ZINGARO

China ist der inzwischen wichtigste Automarkt der Welt. Um der Luftverschmutzung in den chinesischen Städten Herr zu werden, setzt die Regierung auf Elektromobilität. Doch die internationalen Autobauer verweigern sich diesem Wunsch. Das zeigt sich auch beim Autosalon in Genf.

Der Aufschrei unter den Autobauern in China war gross. Im vergangenen Jahr im September kam ihnen ein Entwurf des chinesischen Industrie- und Informationstechnologieministeriums in die Hände, der eine verpflichtende Mindestquote für Elektroautos vorsieht. Je nach Rechenart sah dieser Entwurf vor, dass fast jedes vierte verkaufte Fahrzeug mit einem Elektro- oder Hybridmotor ausgestattet sein muss. Und zwar bereits ab 2018. Vor allem für die deutsche Automobilindustrie wäre der vorgegebene Zeitplan nicht einzuhalten gewesen, monierten sie.

Inzwischen hat sich die Aufregung etwas gelegt. In Berlin ist vergangene Woche durchgesickert, dass China bereit sei, die Schonzeit um ein weiteres Jahr zu verlängern. Auch solle die Elektroquote nicht ganz so streng gehandhabt werden wie noch im Herbst vorgesehen. Offiziell hat die chinesische Regierung das nicht bestätigt. Die deutschen Autobauer in Peking sind aber zuversichtlich. Sie atmen erst mal auf.

Und doch: Ihre Empörung überrascht. Angesichts der extremen Umweltbelastung nicht zuletzt aufgrund der Millionen von Autos mit Benzinmotoren in den meisten chinesischen Grossstädten hatte Chinas Führung schon 2013 das Ziel ausgegeben, die Zahl der Elektroautos bis 2020 auf mindestens fünf Millionen zu erhöhen. Bisher hinkt China diesem Ziel weit hinterher. Kein Wunder also, dass die Regierung über verschärfte Massnahmen nachdenkt. China ist inzwischen der grösste und wichtigste Markt für die weltweite Autobranche. Um rund sechs Prozent auf fast 22 Millionen lag die Zahl der verkauften Fahrzeuge im vergangenen Jahr. Man sollte denken: Was die Regierung in dem auch weiterhin streng regulierten Staat will, findet auch Gehör.

Doch wenn in diesen Tagen der 87. Autosalon in Genf seine Pforten öffnet, scheinen die meisten Autobauer bei der Vorstellung ihrer neuen Modelle die Zielvorgaben der chinesischen Regierung auch weiter mehr oder weniger zu ignorieren. Grösser, luxuriöser und mit noch mehr Hubraum – das ist das Motto der meisten Aussteller. Von den 900 ausgestellten Fahrzeugen erfüllen gerade einmal 66 das für 2021 ausgegebene CO2-Emissionsziel der EU-Kommission.

BMW will die Schweizer Bühne nutzen, um seine neue Limousine, den 5er-Touring vorzustellen. Mercedes stellt sein E-Klasse-Cabrio mit Allradantrieb vor. Volkswagen präsentiert den Arteon, eine Variante seines Passats, nur länger, breiter und mit 280 Pferdestärken. Selbst Marken, die eigentlich für kleine und sparsame Autos stehen, werden in Genf in gestreckten Varianten zu sehen sein: Mitsubishi stellt seinen Eclipse Cross vor, Skoda seinen Kodiaq Sportline und Mazda seinen CX-5 – allesamt geräumige Geländewagen.

Am Autosalon wird China ignoriert

Sogar der Polo, traditionell der Kleinwagen von VW, wird in seiner inzwischen sechsten Generation mit längerem Radstand präsentiert und hat damit deutlich die Vier-Meter-Marke übersprungen. Als GTI schafft er es auf über 200 PS. Autos mit neuen Antriebsformen (NEV) wie Elektromotoren, Steckdosen-Hybride oder konventionelle Hybridautos, die ihre Batterien über den Benzinmotor laden, Elektro- oder Hybridgetriebe, wie sie die chinesische Führung auf ihren Strassen möchte, sind beim Autosalon in Genf hingegen eher rar.

Das Problem für die Führung in Peking: Auf grossräumige Geländewagen, Limousinen und Sportschlitten mit hoher PS-Stärke stehen auch die Chinesen. Für Elektroautos hingegen zeigen sie nur wenig Interesse.

China will auch Produzent Nr. 1 sein

Dabei subventioniert die chinesische Regierung bereits seit 2011 Autos mit Elektro- oder Hybridmotoren. Private Käufer für Elektrofahrzeuge erhalten einen Zuschuss von umgerechnet rund 9000  Franken, für den Kauf eines Autos mit Hybridtechnik erhalten die Käufer rund 7000 Franken. Diese Verkaufshilfen gelten allerdings nur für in China produzierte Fahrzeuge. Zudem erhalten Fahrer von Elektroautos sofort ein Nummernschild. Wegen der hohen Verkehrsbelastung werden sie in Städten wie Peking und Schanghai bei konventionellen Autos nur noch verlost. Die Chance, ein Nummernschild zu ergattern, liegt derzeit bei 1 zu 80.

Daimler und VW haben mit ihren chinesischen Joint-Venture-Partnern auch schon speziell für den chinesischen Markt vorgesehene Elektroautos entwickelt. Doch der Verkauf läuft schleppend. «Die meisten ausländischen Autobauer versuchen, den Verkauf von Elektromobilität hinauszuzögern», vermutet He Lun, einer der führenden Autojournalisten in China. Er glaubt, dass sie sich vor Chinas industriepolitischen Ambitionen fürchten. Die Führung in Peking will den Wandel zur Elektromobilität nicht zuletzt dafür nutzen, um in der Autoproduktion zur weltweiten Nummer 1 aufzusteigen. Mit dem Bau von konventionellen Autos war ihr das nicht gelungen. Ausländische Marken sind auch in China sehr viel beliebter als chinesische Marken. Umso mehr setzt die Regierung nun die ausländischen Autobauer unter Druck. Wollen sie weiter in China produzieren und verkaufen, sollen sie mit ihrer Technologie herausrücken.

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