Der Schweizer Detailhandel durchlebt schwierige Zeiten und das Pressegeschäft lahmt seit Jahren. Diese beiden Geschäftsfelder sind die Säulen der Kioskbetreiberin Valora. Um in diesem Umfeld trotzdem erfolgreich zu sein, hatte Thomas Vollmoeller «Valora 4 Growth» ins Leben gerufen – eine Wachstumsstrategie bis ins Jahr 2015. Jetzt ist der CEO mitten in der Umbruchphase zur Internet-Karriereplattform Xing abgesprungen. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht, interimistisch übernimmt Verwaltungsratspräsident Rolando Benedick.

Abbruch einer Mission

Als Erklärung für seinen abrupten Abgang nennt Vollmoeller familiäre Gründe. Der Deutsche pendelte zwischen Basel und Hamburg und sah seine Familie deshalb oft nur am Wochenende. «Für mich war klar, dass ich nicht noch drei Jahre weiterpendeln möchte», sagt Vollmoeller der az .

Die angefangene Mission bei Valora bricht der 52-Jährige somit unvollendet ab. Mit «Valora 4 Growth» hat sich der europaweit tätige Konzern organisches Margen- und Umsatzwachstum sowie Akquisitionen vorgenommen. «Vollmoellers Verdienst war es, Valora zu restrukturieren und wieder profitabel zu machen», sagt Vontobel-Analyst Patrick Weber. Da sich die Umsätze für Presseerzeugnisse aber schneller zurückgebildet hatten als erwartet, musste Vollmoeller seine ehrgeizigen Wachstumspläne bis 2015 zurückstutzen.

Grundsätzlich sieht Vollmoeller die Wachstumsstrategie aber trotz seines Rücktritts nicht gefährdet: «Valora 4 Growth lässt sich nicht an der Person Vollmoeller festmachen», betont der Hanseat. Das sehen nicht alle so problemlos. Ein Analyst meint: «Bis der neue Chef kommt, liegen die laufenden Projekte nun auf Eis.» Und weiter: Valora stecke in einer schwierigen Phase. Die Ausbaupläne seien noch nicht voll implementiert, die Konsolidierung stehe noch aus. Erst Ende Januar hat Valora kräftig nach Deutschland expandiert. Mit der Übernahme der Lekkerland-Tochter Convenience Concept wurde man nach eigenen Angaben zum führenden Mikro-Retailer im deutschsprachigen Raum.

Die Investoren haben am plötzlichen Abgang keine Freude: Die Valora-Aktie verlor gestern 3,14 Prozent.

Kurzinterview:

Herr Vollmoeller, nach vier Jahren an der Spitze verlassen Sie Valora überraschend. Warum?

Thomas Vollmoeller: Ich habe mich zugunsten meiner Familie entschieden, die in Hamburg lebt. In den letzten vier Jahren bin ich jede Woche nach Basel gependelt und habe dort auch gewohnt. Das geht auf Dauer nicht. Meine beiden Teenager-Töchter haben ein Anrecht darauf, mich nicht nur am Wochenende zu sehen. Zudem verfolgt meine Frau in Hamburg ihre eigene erfolgreiche Karriere.

Dass die Arbeitsbelastung hoch sein würde, wussten Sie doch schon lange.

Sehen Sie, unsere Wachstumsstrategie «Valora 4 Growth» dauert noch bis 2015. Für mich war klar, dass ich nicht noch drei Jahre weiterpendeln möchte. Deshalb habe ich dem Verwaltungsrat meine Kündigung eingereicht.

Umsatz und Gewinn stagnieren. Verlassen Sie Valora vorzeitig, um nicht die Konsequenzen für Ihre Strategie tragen zu müssen?

Nein, sicher nicht. Ich habe in den letzten vier Jahren viel bewegt. Unter anderem konnten wir zehn Akquisitionen tätigen, weitere interessante Möglichkeiten sind in der Pipeline. Weiter habe ich wesentlich dazu beigetragen, dass Valora heute deutlich besser, weil stabiler aufgestellt ist. Zudem lässt sich «Valora 4 Growth» nicht an der Person Vollmoeller festmachen. Dafür ist die gesamte Geschäftsleitung wie auch der Verwaltungsrat verantwortlich.

Erst Anfang Jahr hat Valora das grösste Kiosk-Netzwerk Deutschlands zugekauft. Mit der Akquisition sind Sie doch stärker in Ihrem Heimatland engagiert.

Sicher. Ich bin auch öfters mal in Deutschland, aber die Valora hat ihren Hauptsitz in Basel. Darauf entfällt auch weiterhin der grösste Teil meiner Arbeitszeit.

Nun wechseln Sie zu Xing. Warum gerade die Internet-Karriereplattform?

Das ist eine sehr spannende Firma, und die Zahl der börsennotierten Unternehmen ist in Hamburg beschränkt. Zudem kann ich nun mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln (lacht).

Aber was befähigt Sie als ehemaligen Berater und KonsumgüterManager zum Xing-Chef?

Ich denke, ich habe im Laufe meiner Karriere bewiesen, dass ich sehr kundenaffin bin und gut in Kundennutzen denken kann. Auch habe ich bei meiner Zeit beim Einzelhandelskonzern Tchibo den Internet-Shop aufgebaut, der zuletzt knapp 400 Millionen Euro umgesetzt hat. Die Internet-Welt ist mir also nicht fremd.