Industrie
Arbonia will nach dem Verkauf der Fenster samt 2500 Mitarbeitenden bei den Türen Gas geben – «die Thurgauer RWD Schlatter ist eine Perle»

Die Gebäudezuliefererin Arbonia veräussert ihr Fenstergeschäft an die dänische Dovista-Gruppe. Schuldenfrei und mit einer Kriegskasse von 300 Millionen Franken ausgestattet, will Arbonia ihre verbliebenen Geschäfte ausbauen und auf mehr Rendite trimmen. Die Roggwiler Türenherstellerin RWD Schlatter ist auf einen grünen Zweig gekommen, soll sich aber noch weiter verbessern.

Thomas Griesser Kym
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Das war einmal: Die Arbonia-Gesellschaft Ego Kiefer, als sie noch in Altstätten im Rheintal produzierte.

Das war einmal: Die Arbonia-Gesellschaft Ego Kiefer, als sie noch in Altstätten im Rheintal produzierte.

Bild: Ralph Ribi (8. März 2013)

Von 2015 bis 2017 hat die Arbonia-Gruppe mit Sitz in Arbon ihre Fensterdivision einer tiefgreifenden Restrukturierung unterzogen. In deren Rahmen wurde die Schweizer Fensterproduktion der Ego Kiefer AG von Altstätten und Villeneuve zu den gruppeneigenen Firmen Slovaktual in der Slowakei und Wertbau im ostdeutschen Thüringen verlagert. Im Rheintal kostete das 250 Stellen und am Waadtländer Standort deren 100.

Der Grund: Ego Kiefer schrieb damals «feuerrote Zahlen», wie Arbonia-Chef Alexander von Witzleben einmal sagte. Konkret bezifferte er den Betriebsverlust der Ego Kiefer für das Jahr 2015 auf 10 Millionen Franken und den Wertberichtigungsbedarf auf 83 Millionen Franken.

Topmodern und kostengünstiger

Arbonia-Chef Alexander von Witzleben.

Arbonia-Chef Alexander von Witzleben.

Bild: Benjamin Manser

Im Osten Europas kann Arbonia Fenster in hochmodernen Fabriken in Schweizer Qualität herstellen, aber zu deutlich tieferen Kosten. Seit 2015 hat Arbonia netto rund 100 Millionen in neue Produktionskapazität investiert, unter anderem 2015 in den Kauf der Wertbau und deren Aufrüstung.

Mit Erfolg: 2020 dürfte das ganze Fenstergeschäft der Arbonia einen Betriebsgewinn auf Stufe Ebitda von gut 40 Millionen Franken erarbeitet haben. Der Umsatz betrug im Jahr davor 358 Millionen Franken. In der Schweiz sind bei Ego Kiefer in Entwicklung, Vertrieb, Installation und Administration 500 Arbeitsplätze erhalten geblieben.

Arbonia will in ihre verbleibenden Geschäfte investieren

Doch nun ist bald Schluss: Arbonia verkauft die Fensterdivision an die dänische Dovista-Gruppe, die ein «attraktives Angebot» unterbreitet habe. Damit wechseln die fünf Arbonia-Gesellschaften Dobroplast (Polen), Ego Kiefer, Slovaktual, Wertbau und Webcom (Onlinehandel) mit 2500 Mitarbeitenden die Besitzerin. Die Arbeitsverhältnisse der Angestellten werden laut Mitteilung «unverändert übernommen».

Den Umfang der liquiden Mittel, die Arbonia aus dem Verkauf zufliessen, beziffert Arbonia auf 350 Millionen Franken. Mit dem Erlös will Arbonia ihre verbleibenden drei Divisionen Heizung/Lüftung/Klima (HLK), Sanitär und Türen mit rund 5900 Mitarbeitenden weiterentwickeln sowie organisch und mittels Zukäufen stärken. Zudem wird geprüft, einen Teil des Erlöses den Aktionären zukommen zu lassen.

Das «Werk der Zukunft» macht Fortschritte

An einer Telefonkonferenz skizzierte Alexander von Witzleben die Stossrichtung. Ausbauen will er zum einen das Türengeschäft, nachdem die erwogene Alternative, die Türen und Fenster gemeinsam abzuspalten, mit dem Verkauf der Fenster an Dovista vom Tisch ist.

Bereits seit 2020 investiert Arbonia im Türengeschäft in das «Werk der Zukunft». Dazu ist nahe des Stammwerks der deutschen Firma Prüm in der Eifel eine neue Produktionshalle hochgezogen worden, die 2021 und 2022 mit Maschinen ausgerüstet wird. 150 Millionen Franken werden total investiert. Damit soll Prüm künftig die Türenproduktion von 860'000 auf 1,2 Millionen Stück im Jahr erhöhen. Insgesamt will von Witzleben die Türenproduktion der Arbonia von bisher 2 Millionen um bis zu 400'000 Stück steigern, dies dank hoher Automatisierung mit gleichbleibendem Personalbestand.

Zukäufe in Deutschland und Osteuropa

Mit den Mitteln aus dem Fensterverkauf in der Kasse denkt der Arbonia-Chef aber schon weiter. So will er einen Türenhersteller in Deutschland mit rund 100 Millionen Umsatz und weitere Produzenten in neuen osteuropäischen Märkten aufkaufen, denn:

«Osteuropa ist der Hauptwachstumsmarkt der Arbonia.»

Das Ziel insgesamt: «In den nächsten Jahren werden die Türen mehrere hundert Millionen an Umsatz gewinnen.» Und auch ihre Rentabilität soll weiter zunehmen. Für 2021 geht von Witzleben bei den Türen von einem Betriebsgewinn auf Stufe Ebitda von 50 Millionen Franken aus, danach schweben ihm jährlich zweistellige Wachstumsraten vor.

RWD Schlatter auf Vordermann gebracht

Die RWD Schlatter in Roggwil, die 2019/20 mit einer neuen Lackierstrasse und einem neuen Bearbeitungszentrum modernisiert worden ist.

Die RWD Schlatter in Roggwil, die 2019/20 mit einer neuen Lackierstrasse und einem neuen Bearbeitungszentrum modernisiert worden ist.

Bild: PD

Ein Baustein ist auch die Türenherstellerin RWD Schlatter in Roggwil. Noch Anfang 2019 hatte sich von Witzleben unzufrieden gezeigt mit ihrer operativen Marge von damals 3,4 Prozent, verglichen mit zweistelligen Margen der Arbonia-Türenhersteller in Deutschland und Polen.

Nun aber ist das Thurgauer Unternehmen auf Kurs gebracht worden. Schrieb RWD Schlatter 2015 bei einem Umsatz von 81 Millionen Franken noch rote Zahlen, dürfte 2020 auf einem reduzierten Umsatz von gut 70 Millionen eine Marge von fast 10 Prozent herausgeschaut haben. Von Witzleben sagt:

«Das ist anständig profitabel, wenn auch noch nicht auf dem Niveau von Deutschland oder Polen.»

Für 2021 geht er bei RWD Schlatter mit knapp 200 Mitarbeitenden von einer Marge von über 10 Prozent aus, und das Unternehmen sei «eine Perle in unserem Portfolio». Über die vergangenen zwei bis drei Jahre habe man hier 15 bis 20 Millionen investiert, und:

«RWD Schlatter ist nun langfristig gerettet und gesichert.»

Glastüren für die Dusche und fürs Büro

In einem weiteren Projekt will von Witzleben die Türen enger mit dem Sanitärgeschäft verzahnen. Denn: Eine Glastüre für eine Dusche ist vom Prinzip her das Gleiche wie eine Glastüre fürs Büro. Bei den Glastüren sei Arbonia aber gerade im grossen Markt Deutschland untervertreten, und das will der Chef ändern.

Wachstumschancen sieht von Witzleben sodann im HLK-Geschäft, dies weil Wärmepumpen sowie Batterien beispielsweise für die Solartechnik laufend an Bedeutung gewinnen. Auch hier sind Zukäufe denkbar, und bei Bedarf könnte Arbonia die eigene Liquidität mit Fremdmitteln aufstocken, den ultratiefen Zinsen sei Dank.

Velux-Dachfenster als zweiter Pfeiler

Zurück zu den Fenstern: Dovista ist für Arbonias Fenstergeschäft ein strategischer, weil industrieller Investor. Die Dovista-Gruppe, die zur dänischen VKR Holding gehört, entwickelt, produziert und vertreibt Fenster und Aussentüren aus Holz und aus Holz/Aluminium primär für die skandinavischen und nordeuropäischen Märkte und gilt als führender Fensteranbieter in Skandinavien (Dänemark, Norwegen, Schweden), mit starken Positionen in Grossbritannien und Irland.

Dovistas Produktionswerke liegen in Dänemark, Litauen, Norwegen, Polen und Schweden. Die VKR-Gruppe setzt 2,9 Milliarden Euro um und beschäftigt 16'000 Mitarbeitende, Davon entfallen 4500 Angestellte auf Dovista. Diese strebe in all ihren Märkten die Position als Nummer eins oder zwei an. Zur VKR-Gruppe gehört auch die Dachfensterherstellerin Velux. VKR sind die Initialen von Villum Kann Rasmussen, der das Unternehmen 1941 gründete. Es gehört heute Stiftungen und der Gründerfamilie.

Geografische Ergänzung und Ausweitung des Sortiments

Für Dovista ist Arbonias Fenstergeschäft zum einen eine geografische Ergänzung. Die Arbonia-Gesellschaften stellen Holz-, Holz/Aluminium-, Kunststoff- und Kunststoff/Aluminium-Fenster her und sehen sich damit als Marktführer in den Heimatmärkten Schweiz, Slowakei und Polen sowie in einer starken Position in Deutschland. Zum anderen kann Dovista ihr Sortiment ausweiten, weil die Dänen bisher Fenster aus Kunststoff und aus Kunststoff/Aluminium nicht im Angebot hatten.

Geplant sei, unter dem Dach der neuen Besitzerin Dovista das Wachstum des Fenstergeschäfts voranzutreiben, den Vertrieb in ganz Europa zu stärken und die bestehenden Marken auszubauen. Die Transaktion soll vorbehaltlich der Zustimmung durch die Wettbewerbsbehörden im zweiten Quartal 2021 vollzogen werden.