Analyse
Das Führungsproblem der Credit Suisse – die Folgen sind fatal

Altlasten, Beschattungsaffäre und Millionenverluste: Die Folgen einer entscheidungsschwachen Führung sind fatal, wie die zurückliegende Dekade bei der CS eindrücklich zeigt.

Daniel Zulauf
Daniel Zulauf
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Der Sitz der Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz.

Der Sitz der Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz.

Michael Buholzer / Keystone

Die Credit Suisse hat ein eklatantes Führungsproblem. Das ist beileibe keine neue Erkenntnis. Aber das in dieser Woche präsentierte desaströse Quartalsergebnis, die zeitgleich angekündigten Wechsel in der Chefetage sowie die am Freitag verweigerte Décharge legen die Not der Grossbank in einer selten gesehenen Schonungslosigkeit offen.

Nach zwei schlimmen Jahren steht das Institut schwer gezeichnet in der Schweizer Finanzlandschaft. Mit der im Herbst 2019 publik gewordenen Beschattungsaffäre nahm eine Serie von Skandalen ihren Anfang, deren Schaden für das Unternehmen bis heute noch kaum abzusehen ist.

Ganze sechs Monate brauchte der Credit-Suisse-Verwaltungsrat, um sich endlich einzugestehen, dass der von der internationalen Finanzpresse genüsslich ausgeweidete Spionagethriller nur ein Ende mit Schrecken haben konnte. Bis zu seiner Entlassung im Februar 2020 war der CEO Tidjane Thiam vor allem mit sich selbst und kaum mehr mit dem von ihm angestossenen Grossumbau der Bank beschäftigt.

Seinem Nachfolger Thomas Gottstein blieben genau 13 Monate, bis auch er seine Unschuld verlor. Die Multimilliardenpleiten des Lieferkettenfinanzierers Greensill und des US-Hedge-Fonds Archegos bescherten der Bank 2021 einen Milliardenverlust. Der Manager, der seine finale Verantwortung für Geschäfte in diesen Dimensionen nicht glaubwürdig ableugnen kann, sitzt noch immer auf dem Führersitz.

Das wäre vielleicht anders, wenn António Horta-Osório, den die Aktionäre im Frühjahr 2021 zum neuen VR-Präsidenten wählten, nicht selbst über eine peinliche Affäre gestolpert wäre. Doch der frühere Lloyds-Bank-Chef wusste während der Pandemie nichts Besseres zu tun, als sich über die Reiserestriktionen hinwegzusetzen.

Die Folgen einer entscheidungsschwachen Führung sind fatal

Böse Zungen behaupten, der erzwungene Rücktritt des Portugiesen im Januar sei Gottstein gerade recht gekommen. Andernfalls stünde der CEO vielleicht schon heute ohne Job da. Gottstein selbst gibt sich entschlossen, die abermalige Neuausrichtung der Bank bis zum angekündigten, vorläufigen Schlusstermin 2024 durchzuziehen. Doch die CS benötigt keinen Bauleiter, der die gewissenhafte Umsetzung von Plänen verspricht, die möglicherweise schon bald an die realen Geschäftsbedingungen auf den Finanzmärkten angepasst werden müssen.

Die CS benötigt einen Chef, der nicht primär von der Angst geleitet wird, Geld zu verlieren, sondern Risiken einzugehen und diese auch zu überwachen imstande ist. Der von einer ausgeprägten Risikoaversion gekennzeichnete Ertragseinbruch, den die Bank am Mittwoch gezeigt hat, bietet weder den Investoren noch dem Personal eine attraktive Perspektive, der Bank die Treue zu halten.

Die Geschichte weckt indessen die Befürchtung, dass auch der neue Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann die Führungsfrage aus Angst vor Fehlern auf die lange Bank schieben könnte. Die Folgen einer entscheidungsschwachen Führung sind fatal, wie die zurückliegende Dekade zeigt.

Die Bereinigung von Altlasten, deren Ursprung in Zeiten vor der Finanzkrise liegt, wurde bei der Credit Suisse systematisch hinausgezögert. Das gilt nicht nur für die Rechtsstreitigkeiten wie jene mit amerikanischen Investoren, sondern auch für die verspätete Wertberichtigung von gewissen Geschäften. Für solche Entscheidungen ist der CEO zuständig. Ein neuer Finanzchef und ein neuer Chefjurist können ihn von dieser Pflicht nicht entbinden.

Mit der Neuausrichtung des Geschäftsmodells zu lange zugewartet

Viel zu lange zugewartet hat die Credit Suisse auch mit der Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells. Die Bank verpasste es, ihre im Konkurrenzvergleich gute Ausgangslage unmittelbar nach der Finanzkrise auszunutzen und das vorhandene Eigenkapital in geeigneter Weise auf zukunftsfähige Geschäfte umzuverteilen. Stattdessen hielt der damalige CEO Brady Dougan seine Aktionäre mit Versprechen bei der Stange, die sich aber regemässig nicht erfüllten.

So erfolgte auch Dougans Ablösung im Jahr 2015 erst auf den letzten Drücker – dann nämlich, als die amerikanische Justiz der Bank die Rechnung über 2,8 Milliarden Dollar für alte Steuervergehen präsentierte. Das reaktive Muster der Credit-Suisse-Führung reicht weit in die Vergangenheit zurück. Der Preis dafür ist ein Börsenwert von nur mehr 17 Milliarden Franken, der manchen Konkurrenten schon den Appetit geweckt haben dürfte. Denn eines ist klar: Wer die Credit Suisse aus ihrem aktuellen Schwebezustand herauszuholen vermag, kann beträchtliche Aktionärswerte freisetzen. Die Berufung eines neuen CEO könnte bald folgen.

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