Wirtschaft

Alstom will Zugsparte von Bombardier kaufen: Acht Antworten zum Milliardendeal

Deal von Bombardier und Alstom

Deal von Bombardier und Alstom

Mit den Franzosen und Kanadiern nehmen erneut zwei führende Bahntechnik-Konzerne Anlauf für ein Zusammengehen. Doch die kartellrechtlichen Hürden für das Geschäft sind hoch.

Der unter hohen Schulden ächzende kanadische Bombardier-Konzern will seine Zugsparte verkaufen - an den Konkurrenten Alstom. Der französische TGV-Hersteller zeigt sich zuversichtlich, dass die EU-Wettbewerbshüter diesmal mitspielen - anders als bei der gescheiterten Fusion mit der Siemens-Bahnsparte. In den deutschen Werken von Alstom und Bombardier herrscht Unruhe.

Warum will Alstom die Sparte Bombardier Transportation übernehmen?

Grosse Bahnhersteller in Europa bemühen sich schon länger um ein Zusammengehen, um dem global erstarkenden chinesischen Rivalen CRRC Paroli bieten zu können. Es sollte ein europäischer Champion entstehen. Eine Fusion von Alstom mit der Siemens-Sparte Mobility stoppte jedoch die EU-Kommission vor einem Jahr wegen Wettbewerbsbedenken. Der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire argumentiert auch jetzt, europäische «Champions» seien wichtig, die auch gegen chinesische und amerikanische Konkurrenz bestehen könnten.

Wie gross ist denn die Bedrohung durch CRRC?

Die Chinesen sind bisher in Europa noch nicht so präsent wie anderswo auf der Welt. Der Druck auf die Europäer steigt aber. Nach Zahlen von 2018 war CRRC mit einem Umsatz von etwa 30 Milliarden Euro fast doppelt so gross wie Siemens und Alstom zusammen. Der Druck auf europäische Schienenverkehrsanbieter wird sich erhöhen, sollte etwa der Kauf des Lokomotivengeschäfts von Vossloh durch CRRC durchgehen.

Wie sieht der geplante Deal von Alstom denn aus?

Alstom will die komplette Bahnsparte des stark angeschlagenen Bombardier-Konzerns übernehmen. Der Kaufpreis soll sich auf 5,8 Milliarden bis 6,2 Milliarden Euro bewegen. Den Vollzug erwartet Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge für das Frühjahr 2021. Die Zahlung des Kaufpreises soll über Bargeld und neue Alstom-Aktien erfolgen. Der kanadische Pensionsfonds «Caisse des Dépôts et des Placements du Québec» (CDPQ), der dem überschuldeten Bombardier-Konzern vor Jahren mit einer Finanzspritze geholfen hatte, soll seine Beteiligung von 32,5 Prozent an Bombardier Transportation gegen 18 Prozent an Alstom eintauschen und so grösster Aktionär der Franzosen werden.

Wie sind diesmal die kartellrechtlichen Hürden zu beurteilen?

Es ist stark davon auszugehen, dass die Franzosen vorgefühlt haben in Brüssel. Auch für Analysten von J.P. Morgan dürfte Alstom aus den Erfahrungen mit dem gescheiterten Fusionsversuch gelernt haben. Die Hürden sind dennoch hoch. Vor allem für Regionalverkehrszüge sehen Experten Überschneidungen. Alstom hatte darauf verwiesen, dass sich der Deal von der früher geplanten Siemens-Fusion unterscheide.

Was könnten diese Unterschiede sein?

Als ein wesentlicher Punkt gilt die Krise beim verschuldeten Bombardier-Konzern. Der Druck zu verkaufen, Geschäft abzugeben und den Deal durchzuziehen, ist hoch, um Geld für den Schuldenabbau einzusammeln. Auflagen könnten also erfüllt werden. Aus Sicht der Franzosen gibt es eher Chancen für eine Genehmigung, weil es sich um eine Übernahme und nicht um eine Fusion von Unternehmen auf Augenhöhe handele. Es gebe mehr Freiheiten, den Verkauf von Sparten anzubieten, um Bedenken auszuräumen, mutmassen auch Gewerkschaftsvertreter.

Welche kartellrechtlichen Probleme könnte es geben?

Maria Leenen vom Beratungsunternehmen SCI Verkehr sagt, die derzeit starke Nachfrage nach Bahntechnik werde auf ein geringeres Angebot stossen. Vor allem für kleinere Bahnunternehmen könnte es schwieriger werden. Alstom und Bombardier würden vor allem den Markt für Diesel- und Hybridfahrzeuge in Europa beherrschen. Auch in dem für den Regionalverkehr wichtigen Segment Elektrotriebwagen kämen beide in Europa auf einen Marktanteil von 47 Prozent. Siemens und Stadler brächten es zusammen auf 39 Prozent. Danach kämen nur wenige andere.

Was befürchten Gewerkschaftsvertreter?

Der Betriebsratschef im deutschen Alstom-Werk Salzgitter, Thomas Ueckert, sieht Überschneidungen bei Regionalzügen, U- und Strassenbahnen. Befürchtet werden Verlagerungen an Billigstandorte. Von der deutschen Politik fordert die IG Metall, sich «einzuklinken»: «Sonst stehe wir vor einem Scherbenhaufen.» Auch Leenen verweist darauf, es gebe weit grössere Überschneidungen bei Produkten als bei der ursprünglich geplanten Fusion Siemens/Alstom. Momentan würden Überkapazitäten durch eine «grosse Beschaffungswelle» überdeckt: «Derzeit wird jedes Werk gebraucht. Aber was kommt nach der Sonderkonjunktur?»

Und wie geht es mit Siemens weiter?

Siemens Mobility hatte 2019 einen Umsatz von 8,9 Milliarden Euro erzielt und rangiert damit weltweit weiter auf Platz zwei. Die Übernahmepläne kommentiert Siemens nicht. Aus Industriekreisen hiess es aber, Siemens sei alleine gross genug, um im Mobility-Markt zu bestehen. Bombardier habe ja auch mit Siemens gesprochen, aber da habe es kein Interesse aufseiten der Münchner gegeben. Siemens hätte sich damit nur die Probleme von Bombardier aufgeladen. Die Frage, ob Siemens die Nummer zwei oder drei im Markt sei, sei eher egal.

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