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«Ich will ihm nicht vergeben»: Albin Reichmuth wurde jahrelang vom Pfarrer missbraucht und spricht nun darüber

Er ist neun Jahre alt, als er vom Pfarrer der katholischen Kirche Trimbach missbraucht wird. Während sechs Jahren geht er durch die Hölle. Erst Jahrzehnte später spricht er während einer Psychotherapie das erste Mal über den sexuellen Missbrauch durch den pädophilen Pfarrer. Jetzt will Albin Reichmuth den Betroffenen eine Stimme geben.

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Albin Reichmuth wurde als 9-jähriger Junge vom Dorfpfarrer der Gemeinde Trimbach missbraucht. Er war Ministrant und Sohn einer religiösen Familie – was damals mit ihm passierte, verstand er nicht, und so schwieg er. Erst 60 Jahre später wagt sich Reichmuth mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Im Gespräch mit TalkTäglich-Moderator Adrian Remund begründet er sein bisheriges Schweigen mit Ängsten und Scham.

«Ich hatte Angst vor dummen Fragen und dass man mir nicht glaubt.»

Der Pfarrer habe ihm damals gesagt, er müsse ihn aufklären und ihn gebeten, länger zu bleiben. Das habe zu Handlungen geführt, die er absolut nicht verstanden habe. Es blieb ihm nur das Verdrängen. «Ich habe es absolut immer verdrängt», sagt er im Talk. «Das Verdrängen und das Versuchen, die Erinnerungen ins Unterbewusstsein einzubetonieren, ist ein Schutzmechanismus.»

«Warum ich?»

Doch als er glaubte, nach dem Tod des Pfarrers das Schlimmste hinter sich gebracht zu haben, kommt alles wieder hoch und löst alte Ängste, Wut und Hilflosigkeit in ihm aus.

«Die Erinnerungen kamen in den dümmsten Momenten hervor – ich habe häufig reflexartig wieder Bilder vor mir gesehen.»

Reichmuth habe sich lange gefragt, ob er ein Zufallsopfer gewesen sei. Heute weiss man, dass er einer von neun bekannten Opfern des pädophilen Pfarrers war. «Ich habe mir Überlegungen dazu gemacht, warum ich auch dazu gehöre», sagt er in der Sendung. Er geht davon aus, dass der Pfarrer ihn gezielt ausgesucht hat, weil seine Eltern strenggläubig und nicht besonders gebildet gewesen waren. «In meinem Elternhaus waren Geistliche unantastbare Leute.» Sie zu hinterfragen, sei nicht in Frage gekommen.

Hinterfragen keine Option

Ob nie jemand Verdacht geschöpft hat, will der Moderator an dieser Stelle wissen. «Das war damals unvorstellbar», sagt Reichmuth. Auch wenn man etwas festgestellt hätte, wäre man zu jener Zeit wohl gar nicht in der Lage gewesen, eine Frage zu stellen. «Einen Geistlichen anzuzweifeln, galt damals als Sünde.»

Bis heute hat Reichmuth dem mittlerweile verstorbenen Pfarrer nicht vergeben. «Ich will auch nicht. Das ist kein notwendiger Prozess.»

Schauen Sie die ganze Sendung hier:

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