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Wenn Kinder zuviele Pfunde mit sich schleppen

Jedes fünfte Kind in der Schweiz hat Übergewicht. Auch wenn es nicht leichtfällt: Dagegen sollte man möglichst frühzeitig wirksame Massnahmen ergreifen.

Stefan Müller
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Gesundheit Aargau

Kinder bewegen sich gerne und viel, so die gängige Vorstellung. Doch schon unter ihnen gibt es Bewegungsmuffel; viele von ihnen tragen zu viele Pfunde mit sich: Aus einer Erhebung von «Gesundheitsförderung Schweiz» geht hervor, dass rund ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler übergewichtig ist.

Zum Beispiel die 12-jährige Lea, die mit 60 Kilogramm für ihr Alter deutlich zu schwer ist. Die Trennung ihrer Eltern macht ihr zu schaffen. Deshalb tröstet sie sich mit viel Essen, ständigen Naschereien und mit Rückzug in ihr Zimmer. Dazu kommt, dass sie sich kaum bewegt und ständig am Handy ist.

Das Beispiel von Lea illustriert die typischen Risikofaktoren für Übergewicht oder Adipositas (Fettsucht): unausgewogene Ernährung mit vielen Snacks und Süssgetränken, Bewegungsmangel und übermässigem Medienkonsum. «Übergewicht ist keinesfalls nur individuelles Versagen, sondern auch ein gesellschaftliches Problem», sagt Andreas Bieri, Leiter der Adipositas-Sprechstunde am Kantonsspital Aarau (KSA). Kinder und Jugendliche haben es alles andere als leicht, angesichts der riesigen Fülle an ständig verfügbaren fett- und zuckerreichen Nahrungsmitteln, der Bequemlichkeit des motorisierten Verkehrs und der Verlockungen der elektronischen Medien.

Oft steckt hinter dem Übergewicht eine lange Vorgeschichte

Bei den meisten Kindern liegt zudem eine familiäre Veranlagung vor. Oder der kulturelle Hintergrund steht einer gesunden Ernährung im Weg. «Das Essen hat dann eine ganze andere Bedeutung als hierzulande, entweder aus Unkenntnis, finanzieller Not oder aufgrund anderer Körperideale», sagt Bettina Isenschmid vom Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugendalter.

Bevor die Kinder zu einer Fachstelle gelangen, haben sie meist eine lange «Vorgeschichte» hinter sich: mit Gewichtszunahme, Therapien und Diäten. Manche leiden bereits unter Folgeerkrankungen wie Leberverfettung, Stoffwechselstörungen, Verdauungs- und Schlafproblemen, bis hin zu Gelenk- und Rückenschmerzen. Übergewicht hat auch soziale und psychische Auswirkungen. So kämpfen viele übergewichtige Kinder mit Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen. Häufig werden sie in der Schule gemobbt und haben wenig Freunde. «Sie müssen früh lernen, sich zu behaupten und nicht einfach alles herunterzuschlucken», sagt Isenschmid.

Übergewicht sollte keinesfalls unterschätzt werden: Übergewichtige Kinder entwickeln früh die Voraussetzungen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck. Und: Je älter und schwerer die Kinder sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie als Erwachsene übergewichtig bleiben.

Doch ab wann spricht man überhaupt von Übergewicht? Der Body Mass Index (BMI) dient als Orientierungshilfe. Er wird aus Gewicht und Körpergrösse berechnet. Bei Kindern werden überdies Alter und Geschlecht mitberücksichtigt. Ein normaler BMI bei einem 12-jährigen Mädchen liegt zwischen 15,7 und 21,4. Mit 26 ist der BMI von Lea also viel zu hoch. Wer es genau wissen will, konsultiert den BMI-Rechner von «Gesundheitsförderung Schweiz». Weil der BMI nicht die Fettmasse, sondern die gesamte Körpermasse wiedergibt, müssen zusätzliche Faktoren hinzugezogenwerden. Etwa die Fettverteilung, indem man den Taillenumfang misst. Eine bauchbetonte Fettverteilung geht mit einem höheren Risiko für Herz- Kreislauf-Erkrankungen einher.

Bitte nur, wenn das Kind will!

Die Therapie von Übergewicht wirkt simpel: weniger und ausgewogen essen sowie mehr bewegen. Dies ist aber oft einfacher gesagt als umgesetzt. «Realistische Ziele zu setzen, ist entscheidend», sagt Andreas Bieri. Ein Erfolg sei schon, wenn das Kind sein Gewicht halten könne. Eine Herausforderung sei es zudem, Kind und Familie nicht zu «beschuldigen» und zugleich zu motivieren, den Lebensstil zu verändern. KleineZiele ermutigen: zum Beispiel eine kleinere Kleidergrösse, eine bessere sportliche Leistung oder nur schon, langsamer zuessen.

Klar ist: Es braucht viel Geduld, von allen Beteiligten. Helfen können ambulante Behandlungsprogramme in Zusammenarbeit mit Fachleuten. Manchmal sorgt auch nur ein engagierter Turnlehrer oder ein Freund der Familie für die nötige Motivation. Lea hat mittlerweile ihren Weg gefunden, mit Hilfe ihrer Kinderärztin, einer Psychologin, einer Ernährungsberaterin und im Gespräch mit den Eltern. So nötigt der Vater sie nicht mehr zu einem strengen Sportprogramm. Die Mutter schaut für eine leichtere Küche und weniger Süssigkeiten und Snacks. Und schliesslich ringt sich Lea zu einem massvollen Fitnessprogramm durch. Mit Erfolg: Nach rund drei Jahren hat sie fast wieder ihr Normalgewicht für ihr Alter erreicht.

Mehr Infos und Hilfe unter:

Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugendalter AKJ, Tel. 044 251 54 45, www.akj-ch.ch
- www.gesundheitsfoerderung.ch